News-Kanal France 24 Welteroberung auf Französisch

Kaum sind die schönsten Franzosen aus der Berliner Neuen Nationalgalerie verschwunden, wollen französische Nachrichtenmacher den internationalen Medienmarkt erobern. Heute wurde der Sender France 24 in Berlin vorgestellt. Bald könnte es sein Programm auch auf Deutsch geben.

Von Nicole Meßmer


Berlin - Im Café de France, direkt über der Berliner Peugeot-Niederlassung unter den Linden flackern die Nachrichten des französischen Fernsehsenders France 24 in drei Sprachen über drei Bildschirme: Französisch, Englisch und Arabisch. Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, dass der Newskanal in den Sprachen Englisch und Französisch auf Sendung ging, kurz darauf folgte Arabisch, demnächst soll es die Nachrichten aus Frankreich auf Spanisch geben, womöglich bald auch auf Deutsch - Zeit, sich zurückzulehnen haben die Macher kaum.

France 24: Internationale Nachrichten aus Frankreich bald auch auf Deutsch?
AFP

France 24: Internationale Nachrichten aus Frankreich bald auch auf Deutsch?

Für Alain de Pouzilhac, den Präsidenten von France 24 ist Schnelligkeit unverzichtbar geworden: "Die Welt dreht sich immer schneller, Nachrichten werden im Internet rasend schnell verbreitet und die Sender müssen jetzt auf den Zug aufspringen." Er weiß offenbar: Anders als zu Napoleons Zeiten werden Schlachten heute nicht mehr mit Waffen, sondern mit Nachrichten geschlagen.

De Pouzilhac und sein Kollege Gérard Saint Paul als verantwortlicher Geschäftsführer für Information und Programm rührten daher heute die Werbetrommel für ihren Eroberungsfeldzug der internationalen Nachrichtenwelt. Sie messen sich mit den Marktführern CNN International und BBC World und greifen mit ihrem arabischen Programm auch al Dschasira an. Den Vergleich mit den Marktführern scheuen die Franzosen hierbei nicht. Gerade in Deutschland sei man erfolgreich, so de Pouzilhac. Vielleicht weil hier so viele Franzosen leben, vielleicht wegen der geografischen Nähe.

Deutsch versus Mandarin

Im Internet ist france24.com nach eigenen Angaben in Deutschland jetzt schon Marktführer bei den internationalen Nachrichtenportalen: Im Juni 2007 hätten 430.000 Deutsche die Seite besucht, so de Pouzilhac. CNN und BBC bringen es jeweils auf weniger als 300.000 und die Deutsche Welle landet abgeschlagen auf Platz Vier. "Die deutschen Internetnutzer haben Lust, sich andere Meinungen einzuholen", so de Pouzilhac.

Nun möchte France 24 auch bei den deutschen Fernsehzuschauern punkten: In den nächsten beiden Jahren wird sich entscheiden, ob die Nachrichtenmacher künftig auch auf Deutsch senden werden. Alternativ denken die Franzosen über Mandarin nach: "Wir wollen die Meinungsführer erreichen und wir möchten die am meisten gesprochenen Sprachen nutzen, um die für uns wichtigen Dinge zu verbreiten", erklärt de Pouzilhac auf die Frage, warum gerade diese beiden Sprachen. Beide Programme zu realisieren wäre offenbar zu teuer. Für das deutsche Programm rechnet de Pouzilhac mit zehn bis zwölf Millionen Euro, der Gesamtetat für 2008 liegt bei 93 Millionen. Die Variante, anteilig Deutsch und Mandarin zu produzieren, kommt für die Nachrichtenmacher trotzdem nicht in Frage : "Wenn man etwas macht, muss man es richtig machen", sagt de Pouzilhac.

Konkurrenzlos glücklich

Wenn sich die Franzosen tatsächlich für Deutsch anstatt für Mandarin entscheiden, wären sie der einzige internationale Fernsehsender, der in Deutschland ausschließlich auf Deutsch sendet - nicht einmal mehr die Deutsche Welle ist so konsequent, internationale Nachrichten ausschließlich auf Deutsch zu senden. Auch n-tv und N24 sind keine Konkurrenz, die de Pouzilhac fürchtet: Die beiden Nachrichtensender bedienen eine andere Zielgruppe, sie machen deutsche Nachrichten aus Deutschland für deutsche Zuschauer.

Eine Hürde müssen die Franzosen zuvor allerdings noch überwinden: Bislang können nur etwa 20 Prozent der deutschen Kabelkunden France 24 auch tatsächlich empfangen. Noch sind sie auf die Internetseite oder auf Portale wie YouTube angewiesen.

Der französische Blick auf die Dinge

Die französischen Nachrichtenmacher werben damit, den französischen Blickwinkel vermitteln zu wollen. Was das bedeutet, erklärt de Pouzilhac: Für ihn zeichnen sich Frankreich, die Franzosen und mit ihnen gleich auch France 24 durch drei Hauptwerte aus: Erstens stehe man für Vielfalt - ganz im Gegensatz zum eingeengten Blickwinkel der Amerikaner, die alles von Washington aus betrachteten, glaubt de Pouzilhac und kann sich den Seitenhieb auf die USA und CNN nicht verkneifen. Zweitens verfüge man in Frankreich über eine ausgesprochen ausgeprägte Streitkultur, die sich selbst im Alltag ausdrücke: "Sie können nicht einmal sagen 'es ist kalt heute', ohne dass ihnen jemand widerspricht", so de Pouzilhac. In der Praxis bedeute dies, dass man möglichst viele Debatten im Programm habe. Und drittens spiele die Kultur eine viel größere Rolle als anderswo: "Das bedeutet, dass wir durchaus auch Kultur zur Prime Time senden", erklärt der Senderchef.

20 Jahre lang hatte sich Jaques Chirac, der zu diesem Zeitpunkt noch französischer Staatspräsident war, für einen internationalen französischen Nachrichtensender stark gemacht - es gelang als Abschiedsgeschenk: "Es ist unerlässlich, dass ein großes Land wie Frankreich seine eigene Sicht der Welt hat und diese Sicht auch verbreitet", so Chirac in einem der ersten Interviews des neuen französischen Sprachrohrs France 24. Und das wollen die Verantwortlichen nun gründlich angehen. So schnell hat noch nie ein internationaler Fernsehsender die Welt erobern wollen.



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