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Abhörskandal: Urteile im "News of the World"-Fall

Foto: Lefteris Pitarakis/ AP/dpa

Urteil im "News of the World"-Prozess Der Chef wusste zu viel

Peinlich für David Cameron: Seinem Ex-Sprecher Andy Coulson droht Gefängnis, weil er als Chef des Revolverblatts "News of the World" Promis abhören ließ. Der ebenfalls angeklagten Ex-Chefredakteurin Rebekah Brooks war nichts nachzuweisen.

Die Eine ist fein raus, der Andere ist der Sündenbock in einem der größten Medienskandale Großbritanniens. Für Rebekah Brooks und Andy Coulson, das einstige Power-Paar des britischen Boulevards, war es ein dramatischer Abschluss in dem acht Monate langen Strafprozess.

"Schuldig" lautete am Dienstag das Urteil der Jury gegen Coulson. Die elf Geschworenen im Londoner Strafgerichtshof Old Bailey sahen es als erwiesen an, dass er als Chefredakteur der "News of the World" von den Lauschangriffen seiner Redakteure auf die Handys von Prominenten gewusst hatte. Dem 46-Jährigen droht nun eine Haftstrafe, das Strafmaß wurde jedoch noch nicht verkündet.

Coulsons Vorgängerin Brooks hingegen wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen. Neben der Verwicklung in die Abhöraffäre waren ihr auch Justizbehinderung und Beamtenbestechung vorgeworfen worden. Nach dem Freispruch schien eine Last von ihr abzufallen, mit Tränen in den Augen verließ sie das Gericht.

Der Abhörskandal beschäftigt die britische Öffentlichkeit seit Jahren. Mitarbeiter der "News of the World" hatten zwischen 2000 und 2006 heimlich mehrere hundert private Handy-Mailboxen von Prominenten abgehört und aus den Informationen reißerische Geschichten gestrickt. Die Reporter konnten sich aus der Ferne leicht einwählen, weil die Opfer ihre Standard-Passwörter nicht geändert hatten.

Coulsons Verurteilung bringt David Cameron in die Bredouille

Mehrere ehemalige Redakteure hatten im Prozess ausgesagt, Brooks und Coulson hätten Bescheid gewusst. Doch die Jury kam einstimmig zu dem Schluss, dass die Beweise gegen Brooks nicht ausreichten. Coulson hingegen hatte während des Prozesses überraschend eingeräumt, dass einer seiner Reporter ihm 2004 eine Aufnahme mit Handynachrichten des damaligen Innenministers David Blunkett an seine Geliebte vorgespielt hatte. Coulson hatte behauptet, nicht nach der Herkunft der Aufnahme gefragt zu haben. Doch das nahm ihm die Jury nicht ab.

Coulsons Verurteilung bringt nun wieder den britischen Premierminister David Cameron in die Bredouille. Erneut muss er sich fragen lassen, warum er Coulson wenige Monate nach dessen Rücktritt als Chefredakteur 2007 als Sprecher zur konservativen Partei holte, ihn später zum Regierungssprecher machte und ihn lange gegen Kritik verteidigte. Der Premier habe einen "Kriminellen" in die Downing Street geholt, wetterte Oppositionsführer Ed Miliband.

Cameron beeilte sich nach der Urteilsverkündung um Schadensbegrenzung: Er entschuldigte sich. "Es tut mir leid, dass ich ihm eine zweite Chance gegeben habe", sagte der Regierungschef vor den Fernsehkameras. Er habe Coulsons Unschuldsbeteuerungen geglaubt. "Es war eine Fehlentscheidung".

Der Abhörskandal war erstmals 2005 ans Licht gekommen, damals wurde jedoch nur ein Reporter verurteilt. Erst ab 2009 kam der Skandal richtig ins Rollen, als der "Guardian" nach und nach das ganze Ausmaß der Wild-West-Methoden enthüllte. Die öffentliche Empörung führte zur Einstellung der "News of the World" und mehreren parlamentarischen und unabhängigen Untersuchungen. Auch Rupert Murdoch, Chef des Medienkonzerns News Corp, dem das Boulevardblatt gehörte, wurde zweimal vorgeladen.

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"News of the World"-Skandal: Die prominentesten Abhör-Opfer

Foto: Pool/ Getty Images

Der tiefe Fall von Brooks und Coulson wurde mit einer gewissen Faszination verfolgt, handelte es sich doch um zwei der gefürchtetsten Medienleute des Landes. Insbesondere Brooks hatte eine steile Karriere hinter sich: Gefördert von Konzernboss Murdoch stieg sie an die Spitze der Verlagstochter News International auf, bevor sie 2011 zurücktreten musste.

Der Strafprozess bot unzählige Einblicke in die Arbeitsweise des britischen Boulevards. Brooks erklärte, mit welchen Summen einzelne Exklusiv-Geschichten eingekauft wurden. Die Hollywood-Schauspielerin Sienna Miller erzählte, wie eine abgehörte Handy-Nachricht an Daniel Craig in der Zeitung fälschlich als Liebeserklärung konstruiert wurde - auch wenn es stimmte, dass sie eine "kurze Sache" mit dem James-Bond-Darsteller hatte.

Die staunenden Prozess-Zuschauer erfuhren, dass das Handy von Kate Middleton, damals erst Freundin von Prinz William, insgesamt 155-mal abgehört wurde. Für die größten Schlagzeilen sorgte jedoch die Enthüllung, dass Brooks und Coulson jahrelang selbst eine Affäre hatten. Der Jury wurde ein nie abgeschickter Liebesbrief von Brooks vorgelesen.

Für die beiden Ex-Chefredakteure sind die Urteile ein Schlussstrich. Doch über die Konsequenzen des Skandals für die britische Zeitungsbranche wird weiter gestritten. Der vom Unterhaus 2013 beschlossene unabhängige Presserat ist bis heute nicht eingesetzt, weil er von den großen Verlagen boykottiert wird. Die Herausgeber von "Times", "Sun", "Telegraph", "Mail", "Mirror" und "Express" weigern sich, Vertreter in das Gremium zu entsenden.

Stattdessen haben die Verlage eine eigene Presseaufsicht ("Ipso") gegründet, die unter ihrem Einfluss steht. Sie setzen darauf, dass der Regierung nichts anderes übrig bleibt, als diese Selbstregulierung zu akzeptieren. Premier Cameron geht dem Machtkampf bislang aus dem Weg - und der Abhörskandal droht, bald in Vergessenheit zu geraten wie eine Zeitung von gestern.