Nibelungen-Festspiele Gemetzel vor dem Dom

Mit "Hebbels Nibelungen - born this way" verabschiedet sich Dieter Wedel nach 13 Jahren in Worms. Der Festspielintendant bringt eine martialische Inszenierung auf die Freilichtbühne, in der Mütter schreien und Säuglinge von umherirrenden Kugeln getötet werden.

DPA

Von Jürgen Berger


Siegfried ist tot, und nur eines kann Kriemhilds Trauer über den Verlust ihres Gatten überbieten: der Hass auf Hagen von Tronje, der Intrigant, Innen- und Außenminister am Hof der Burgunder - er war es, der Siegfried tötete. Kriemhild sinnt auf Rache, da erscheint der Hunnenkönig Etzel wie ein Geist aus einem orientalischen Märchen.

"Hebbels Nibelungen - born this way" hat Dieter Wedel Friedrich Hebbels Vorlage "Kriemhilds Rache" genannt. Der Intendant der Wormser Nibelungenfestspiele nimmt nun seinen Abschied. 13 Jahre lang inszenierte er in Worms.

Das blutrünstige Ende des Mythos wurde von Wedel bereits als Russlandfeldzug der deutschen Wehrmacht inszeniert. Er aktualisiert auf seine Weise - etwa wenn Wedel Kriemhilds Bruder Gunther losziehen lässt. Dann sieht es so aus, als sei US-Regisseur Oliver Stone am Werk und mache aus Hebbels "Nibelungen" einen Blockbuster. Die Recken vom Rhein sind als Sonderkommando unterwegs und lassen auf der Burg von Untertan Rüdiger von Bechelaren die Sau raus. Die Gattin des Hausherrn macht willig mit, dann aber kippt die Stimmung.

Je länger der Abend, desto martialischer schneidet Wedel die Szenen. Säuglinge werden durch umherirrende Kugeln getötet, eine Mutter schreit sich die Lunge aus dem Leib, und die Nibelungen arbeiten sich auf der großen Leinwand vor dem Dompanorama als Söldner im Häuserkampf voran. Als Hagen Etzels Sohn tötet, klingt das wie ein Genickbruch. So ist das, wenn Wedel Fantasien auslebt, Hauptsache auf der Bühne dampft es.

Etzel war bereits der Winnetou in Bad Hersfeld

Der Intendant hat ein Ensemble auf die Bühne geholt, das überrascht: Zum Beispiel spielt Erol Sander den Hunnenkönig Etzel. Kriemhild heiratet ihn, um sich rächen zu können. Sander war bereits der Winnetou in Bad Hersfeld. Jetzt gibt er einen stolzen Etzel, sparsam in der Geste und zielgerichtet in der Bewegung - imposant eingeführt, als er auf einem schwarzen Pferd auf die Freilichtbühne vor die Nordseite des Doms reitet. Es ist eine der Schmuckbeigaben, die sich Wedel gerne gönnt.

Charlotte Puder verkörpert die Kriemhild. Die Schauspielerin stand hauptsächlich in Dresden und Bielefeld auf der Bühne. Nun ist sie ein zunehmend in sich ruhender Racheengel und lässt vergessen, dass sie zu Beginn derart um den toten Siegfried jammerte, dass das Mikrofon den Geist aufzugeben drohte. Eine Antwort auf die Frage, ob zwischen Kriemhild und Etzel so was wie Liebe mit im Spiel ist, spart die Inszenierung aus. Nihilistisch abgründig gibt Lars Rudolph den Hagen - ein verlässlich knarzender Bösewicht.

Nächstes Jahr folgt Fernsehproduzent Nico Hofmann als Intendant der Wormser Festspiele. Ihm zur Seite stehen Thomas Schadt und Albert Ostermaier. Schadt ist Filmregisseur und Leiter der Ludwigsburger Filmakademie Baden-Württemberg. Der Lyriker, Roman- und Theaterautor Ostermaier wird für den Neustart ein neues Nibelungen-Stück schreiben. Künftig soll es jedes Jahr die Uraufführung eines Auftragswerks und das Siegerstück eines Nachwuchswettbewerbs geben.


"Hebbels Nibelungen - born this way." Wieder vom 22.7. - 3.8. am Nordportal des Wormser Doms, Tel. 01805 337171, www.nibelungenfestspiele.de



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Thorkh@n 21.07.2014
1. Winnetou in Bad Hersfeld?
Nicht doch eher Bad Segeberg?
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