Nibelungenfestspiele Worms Durchgewalkt und aufgepimpt

Siegfried ist jetzt ein Türke! Die Welturaufführung der Nibelungen-Farce "Gold" von Albert Ostermaier wird unter der Regie von Nuran David Calis zum unterhaltsamen Irrsinn samt Meta-Ebene und Psycho-Exkurs.

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Triumphal gefeiert wurde am Freitagabend vor dem Dom in Worms ein stolzer deutscher Recke, der eigentlich als unbesiegbar galt und sich dann doch geschlagen geben musste. Er trug ein müdes Lächeln auf den Lippen und einen Schal um den Hals, und er nahm die Huldigungen seiner Fans mit geradezu aristokratischer Gelassenheit entgegen.

Joachim Löw, Cheftrainer der deutschen Fußballmänner, war gekommen, um sich ein Theaterstück über den deutschen Helden Siegfried anzusehen, der bekanntlich viele starke Kämpfer und sogar einen grässlichen Drachen bezwang - bis er einen bösen Taktikfehler beging, von dem das bis heute berühmteste deutsche Heldenlied erzählt.

Es war ein lustiger Auftrieb prominenter Gäste vor und auf der Bühne bei der Premierengala der diesjährigen Nibelungenfestspiele in Worms, die der Fernsehproduzent Nico Hofmann nun im zweiten Jahr leitet. Hofmann ist berühmt für sehr viele TV-Filme, die deutsche Schicksalsorte wie den Checkpoint Charlie, die Dresdner Bombentrichterwüste und den Weltkrieg-Zwo-Schützengraben mit menschelnden Seelendramen kombinieren.

Nun hat er sich in Worms den monströsesten deutschen Sagenstoff vorgenommen - und sehr viele seiner Freunde und Bekannten gerufen. Jeanette Biedermann, Dunja Rajter und Marie-Luise Marjan aus der "Lindenstraße" liefen am Freitag ebenso über den roten Zuschauerteppich wie die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Und auch auf der Bühne waren zahlreiche Darstellungskünstler zu bestaunen, die man häufig im Fernsehen sieht, darunter Alexandra Kamp, Dominic Raacke und Uwe Ochsenknecht.

Schier endloser Gockelkampf

Angesetzt war die Welturaufführung des Stücks "Gold. Der Film des Nibelungen", geschrieben von Albert Ostermaier, inszeniert von Nuran David Calis. Der Theaterabend fängt damit an, dass sich auf der Breitwand-Bühne vor dem Wormser Dom die Tür eines Baucontainers öffnet - und sofort bricht ein Höllenspektakel los.

Eine Kapelle von balkanischen Streich-und Blasmusikern stürmt mit der Schauspielercrew aus dem Container. Die Kapelle macht wilde Stimmungsmusik mit Geige, Tuba und Trompeten, die Schauspieler führen in grellen Fantasy-Kostümen merkwürdige Tänze vor einer Reihe gläserner Zellen auf. Die Bühne, gebaut von Irina Schicketanz, ist ein Filmset; die Zellen sind die Darstellergarderoben; der smarte junge Mann, der hier angeblich bei einem Nibelungenfilm Regie führt (Vladimir Burlakov), sitzt in einem Regisseursklappstuhl und verkündet stolz, er habe die Rolle des Siegfried, "den deutschesten aller deutschen Helden, mit einem Türken besetzt".

Es ist ein krass überdrehtes Spiel um geniale Einfälle, Darsteller-Eitelkeit und künstlerische Verblendung, das sich Ostermaier da ausgedacht hat. Nuran David Calis lässt ein Filmteam auf der Bühne werkeln und jede halbwegs erhebliche Aktion in Großaufnahme auf eine Leinwand übertragen, weshalb diese "Nibelungen" ein wenig so aussehen, als würden sie in Frank Castorfs Berliner Volksbühne aufgeführt.

Dominic Raacke spielt die Karikatur eines schmierigen Klatschreporters, der sich ans Filmset geschlichen hat. Michaela Steiger und Dennenesch Zoudé müssen sich um die aus unwichtigen Gründen doppelt besetzte Rolle der Brünhild streiten. Ismail Deniz als Siegfried und Sascha Göpel als Hagen liefern sich einen schier endlosen Gockelkampf mit muskelbepackten nackten Oberkörpern. So geht es munter drunter und drüber nach Art der berühmten Hinterbühnengroteske "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn, während der Balkanpop der Bühnenmusiklieferanten Vivan und Ketan Bhatti knattert und pumpt.

Bis zur Hüfte im Bühnenteich

Hin und wieder aber unterbricht der Regisseur Nuran David Calis die Raserei für lyrische Zwischenspiele, in denen einer der Darsteller sich mehr oder weniger intime Geständnisse abringt. Josef Ostendorf sabbert auf seinen prächtigen Schmerbauch und spricht von der Verzweiflung eines ausgewrungenen Drehbuchautors, Uwe Ochsenknecht darf nicht seine Begabung fürs Komische ausreizen, sondern muss von einer angeblich tödlichen Krankheit ächzen.

Sehr viel reizvoller als diese Psycho-Exkurse sind die Momente, in denen Calis mit der Verfilmung des Nibelungen-Stoffs wirklich Ernst machen lässt. Dann sieht man zum Beispiel die gerade noch aufgekratzt blödelnde Schauspielerin Katja Weitzenböck plötzlich sehr ernst bis zur Hüfte in einem Bühnenteich stehen und feierlich die Verse der Kriemhild aus Friedrichs Hebbels "Nibelungen" aufsagen.

Seit 15 Jahren gibt es die Nibelungen-Festspiele inzwischen, die erstaunlich kurz, nämlich nur zwei Wochen lang, vor dem Wormser Dom gefeiert werden. Nico Hofmann, der nicht unbedingt unter einem Mangel an Ehrgeiz leidet, scheint sich vorgenommen zu haben, sie zu einer Art Bayreuth des deutschen Sprechtheaters umzumodeln. In der gar nicht so großen Wormser Siegfried-Werkstatt soll der Nibelungenstoff jedes Jahr neu durchgewalkt und aufgepimpt werden. Im nächsten Jahr darf der Autor Ostermaier noch einmal mit einem komplett neuen Nibelungen-Variante ran, im Jahr 2018 dann der Dramatiker Werner Fritsch.

Das "Gold"-Spektakel in diesem Jahr ist ein dreieinhalb Stunden langes Experiment, wie viel Schabernack man mit einem deutschen Sagenstoff anstellen kann, eine Expedition zum Checkpoint Siggi. Der Autor Ostermaier will manchmal auf halbem Weg umdrehen und dichtet seinen Figuren viel zu komplizierte Tragödien und Seelenabgründe an. Der Regisseur Nuran David Calis aber tut das einzig Richtige und zieht den Irrsinn bis zum Ende durch. Wie jeder gute Trainer hält er sich an Joachim Löws goldene Regel: Wenn das Spiel läuft, kann man nicht vor jedem Freistoß eine Mannschaftssitzung abhalten.


Nibelungenfestspiele Worms. Weitere Vorstellungen 16.-24. und 26.-31.7., www.nibelungenfestspiele.de

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