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24. November 2018, 12:31 Uhr

Diskussionskultur

Apropos, wir müssen reden

Eine Kolumne von

Politiker nur Pappkameraden, die Demokratie nur Kulisse: Das ist die Welt, die sich superreiche Superrechte wünschen. Hauptsache, der ohnehin enorme Besitz wird immer weiter gemehrt.

Was hatte es doch seinerzeit für ein Theater gegeben, als hier an dieser Stelle ein Text von mir mit der Überschrift: "Mit Rechten reden" erschien. Ich wollte übrigens schon immer mal mich selbst zitieren - dieses moralisch überlegene klugscheißende "Wie ich damals schon sagte..." bringt einem so viele Sympathiepunkte. Die Überschrift damals war nicht sehr genau, denn der Text behandelte die Frage, ob es sinnvoll ist, mit latent faschistischen FanatikerInnen zu sprechen.

Mit richtig ausgefuchsten Rechten zu reden ist natürlich sehr viel interessanter, nur ungleich schwieriger. Der prototypische Rechte oder auch Rechtskonservative oder auch marktliberale Kapitalist steht für Gespräche mit dem Volk nicht unbedingt zur Verfügung. Also jene Topliga, die sich gerade über die Entwicklungen zu autokratischen, diktatorischen Systemen weltweit freut, die sie freundlich unterstützt hat.

Der gemeine rechtskonservative Elitemensch hat kein Interesse am Volk. Er kennt es noch weniger als der durchschnittliche CSU-Minister. Das Volk, die Masse, die KonsumentInnen kennt er nur als graues Rauschen im Hintergrund. Die Leute. Die Leute, die nerven. Sie wollen gefüttert werden, wollen Parks und Kindergärten, und sie ruinieren den Planeten mit ihrer Vermehrung.

Der gute rechtskonservative Milliardär ist nicht am Volk interessiert, denn er ist überzeugt davon, dass es jeder mit harter Arbeit oder harter Erbschaft hätte schaffen können, zu einem von seinen Leuten zu werden. Zu jenen, die nicht wissen, was Netflix ist oder Twitter oder Charterurlaub, Kreuzfahrten, Mieten, vollautomatische Geschäfte, Stellenabbau in Stahlwerken. Diese wunderbare Weltelite interessiert sich so wenig für ein Gespräch mit Ihnen, ja, sie interessiert sich nicht einmal für Gespräche mit ihrem Einsatztrupp.

Kein Geheimnis, kein Plan, keine Verschwörungstheorie

Rechtspopulistische Politiker, die mit den Geldern und der Unterstützung der super Eliten den verdammten Staat abschaffen. Der superreiche Rechtskonservative schätzt den Staat nicht. Er ist genervt von ihm. Er will keine Steuern zahlen, keine Gerichtsbarkeiten akzeptieren, und wenn er Bock auf eine Armee hat - verdammt, dann kauft er sich eine.

Ich habe sehr viel darüber nachgedacht, worum es diesen Weltelite-Rechten geht. Es war alles so unlogisch. Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass kein Geheimnis existiert, kein Plan, keine Verschwörungstheorie. Die superkonservativen Superreichen sind wie ihre kleinen Brüder, die normalen Babykonservativen. Ein wenig vulgär, nur am Erhalt und der Vermehrung ihres Besitzes interessiert, fertig, langweilig. Das kann man einfach mal 1000 rechnen, dann hat man ihn schon, den großen Plan hinter allem, was die Welt gerade erschüttert.

Der rechtskonservative Marktliberale, der Superreiche, der nichts vom Volk hält, redet, wenn überhaupt, mit den Marionetten, den Führern, den Schreihälsen, die für ihn die Arbeit erledigen, die Schafe zu versammeln, sie aufzuhetzen, sie sich selber abschaffen zu lassen, da ist schön Rabatz in den Demokratien, da kracht es auf den Straßen, da werden neue Maßstäbe gesetzt.

So schaffen wir uns ab

Anhänger von rechtspopulistischen Strömungen marschieren hinter Parteien und Führern her, die die ohnehin schon sehr marktfreundlichen, demokratisch gewählten Führungen ersetzen wollen. Damit flächendeckend alle Systeme privatisiert werden können, der Versicherungsschutz ausgehebelt, der Mieterschutz (die Reste davon) dito, und so weiter. Warum tun die das, mag man sich fragen. Die Antwort ist einfach: Selbstvernichtung ist einer Laune der Natur gedankt - dem menschlichen Hirn.

Logisch ist es nicht, aber ganz lustig, wenn man das Leben als Komödie begreift. Mit Rechten reden hieße also: Ein Bürger der westlichen Welt, dessen Leben ungemütlich geworden ist, weil die Welt zu voll geworden ist und der Kapitalismus am Rad dreht, sitzt einem Mann gegenüber, der natürlich weiß ist und über Vierzig, der im Besitz von Flugzeugen, Bunkern und Milliarden ist, und sagt: "Wissen Sie, ich wähle, so lange ich noch wählen darf, einen Ihrer Pappkameraden, der mein Recht zu wählen abschaffen wird, der meine Rente abschaffen wird, aber er verspricht mir, gegen das Fernsehen und gegen ein paar Nasen vorzugehen, die aus dem Ausland kommen. Außerdem setzt er sich dafür ein, dass Homos nicht mehr heiraten können, weil sich das auch nachteilig auf meine Lebensumstände auswirkt." "Ja, genau", sagt der prototypische superkonservative Superrechte, "Danke für das Gespräch."

Die Leute waren schon immer seltsam. Ein paar kurze Aufwallungen von echtem revolutionären Potenzial, in denen es wirklich um die Macht des Volkes ging, um eine Art Teilhaberschaft aller Menschen am Reichtum der Erde, aber das ist vergessen. Die Leute sind erfreulich gut zu lenken. Daher. Die alte Überschrift mit neuen Inhalten. Reden wir nicht mit Rechten. Demonstrieren wir nicht gegen sie. Stärken wir die Reichen. Machen wir ihnen das Leben angenehm, schaffen wir uns ab.

Glauben Sie, es macht alles einfacher.

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