Ferda Ataman

Nichtchristen an den Feiertagen Die Weihnachtsnomadin

Wie schwer ist es, Weihnachten nachzustellen, wenn man es nie zu Hause gefeiert hat? Sehr schwer, findet unsere Kolumnistin. Also suchte sie oft Asyl bei Freunden - und wurde so zur Heiligabendexpertin.
Weihnachtsbaumdekoration

Weihnachtsbaumdekoration

Foto: Westend61/ imago images

Bei uns zu Hause wurde nicht Weihnachten gefeiert, bis auf das eine Mal. Ich hatte meine Mutter genötigt, ein festliches Weihnachtsessen zuzubereiten und mir mein Weihnachtsgeschenk - jedes Jahr ein Buch - nicht schon im Laden, sondern ausnahmsweise hübsch verpackt an Heiligabend zu geben. So schwer konnte das doch nicht sein, Weihnachten nachzustellen.

Meine Mutter ging ins Reformhaus und bestellte eine Weihnachtsgans vom Ökobauernhof, die den Namen Gisela trug. Am 24. holte sie das Geflügel ab und bereitete es nach bestem Wissen und Gewissen zu: Gisela wurde mit Zwiebeln, Knoblauch und Petersilie gestopft und mit Kreuzkümmel gewürzt. Mit anderen Worten: Sie schmeckte so wie alles andere, was meine Mutter auftischte. Das Buch packte Mama dann doch nicht ein. Sie fand das albern, der Verpackungsmüll sei unnötig, ich wüsste ja, was drin sei.

So eine Geschichte vom gescheiterten Versuch, Weihnachten à la Almans zu feiern, können viele Migrantenkinder erzählen. Ein Kollege berichtete, wie frustrierend es war, als er seine iranischen Eltern zum Weihnachtsfest nötigte. Sie seien von den fremden Bräuchen völlig überfordert gewesen. Wie geht die richtige Reihenfolge: Essen vor oder nach der Bescherung? Überhaupt: Was kochen? Was schenken? Die Gaben unter den Weihnachtsbaum oder auf den Tisch? Hunderte von Entscheidungen, ohne zu wissen, wie es geht. Von Besinnlichkeit keine Spur.

Dabei war unser Impuls, Weihnachten mitzufeiern, durchaus logisch. Nicht nur aufrechte Christen singen "Stille Nacht, heilige Nacht", auch Atheisten, Kirchengegner und sogar Kommunisten stellen teure Geschenke unter einen geschmückten Baum und trällern mit. In interreligiösen Familien ist vom sogenannten Dezember-Dilemma  die Rede . Manche Juden feiern deswegen "Weihnukka" , ein weihnachtlich inspiriertes Chanukka, das jüdische Lichterfest, das sich mit der Adventszeit überschneidet. Warum sollten wir nicht "Weihram" feiern, ein Bayram mit Baum und Geschenken? Das wäre nur fair.

Bei unseren Bayrams ("Feiern" auf Türkisch) gibt es keine Geschenke. Beim Zuckerfest oder Opferfest musste man gefühlt einer Million entfernten Verwandten und anderen Gästen die Hand küssen und bekam dafür ein kleines Taschengeld. Das bedeutete viel harte Knuddelarbeit für eine Handvoll Euro, während die Kumpels an Weihnachten einfach so einen CD-Player, ein Fahrrad oder das neueste Spielzeug bekamen.

Asyl unterm Weihnachtsbaum

Andererseits ist es natürlich praktisch, dass nicht alle Menschen in Deutschland Weihnachten feiern. Irgendwer muss den Laden ja am Laufen halten, wenn sich zwischen dem 24. Dezember und Silvester alle in ihren Christmas-Kokon zurückziehen. In Krankenhäusern, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Kraftwerken muss der Betrieb funktionieren. Oft übernehmen das nicht christliche Migranten oder ihre Nachkommen, die in dieser Jahreszeit groß rauskommen. So gesehen leisten auch sie ihren Anteil zur deutschen Weihnacht.

Für alle, die nicht feiern oder arbeiten, bedeuten die Feiertage: gähnende Langeweile. Denn das Heiligabendkollektiv zieht alle anderen in seine Stille-Nacht-Nummer mit rein. Versuchen Sie mal, in einer kleineren Stadt am 24. als Jugendliche etwas zu unternehmen. Das geht praktisch nicht. Das Äußerste, das es an Heiligabend für mich als Teenagerin in Franken zu holen gab, war Ente süß-sauer beim Chinesen am Hauptbahnhof. Sonst hatte nichts offen. Weihnachten schmeckte für mich jahrelang chinesisch.

Also habe ich mich, wann immer es ging, an Heiligabend bei Freunden einladen lassen. Ich war oft der berühmte Gast, der nicht zur Familie gehört, aber trotzdem dabei sein durfte. Ich bekam Asyl unterm Baum. Als Weihnachtsnomadin kenne ich mich inzwischen gut aus mit deutschen Weihnachtsbräuchen. Ich bin über die Jahre zur Heiligabendforscherin geworden.

Fasziniert habe ich die weihnachtlichen Verpackungs- und Küchenschlachten studiert und lieben gelernt. So wie in Indien jede Familie ihr eigenes Curryrezept hat, hat in Deutschland offenbar jede Familie ihr eigenes Weihnachtsritual. Das kommt vermutlich daher, dass alle erst mit den Eltern feiern und die Tradition dann in die neue, eigene Familie einführen - kombiniert mit der des Partners oder der Partnerin. Ich habe in meiner Familie den Bratapfel eingeführt, den es früher immer bei meiner Grundschulfreundin Miriam gab. Vorher essen wir Hühnersuppe, Sardellenbrötchen und einen ordentlichen Braten mit festlicher Sättigungsbeilage.

Deswegen verstehe ich auch nicht, dass jedes Jahr in der Adventszeit in unzähligen Filmen und Interviews mit Psychologen  das Fest gleichgesetzt wird mit Drama und Familienchaos. Aus meiner Nomadenzeit kann ich das nicht bestätigen. Die meisten Feste waren einfach nur schön. Die Geheimwaffe für besinnliche Weihnachten war vermutlich universell und findet sich bei allen Familienfesten in sämtlichen Religionen: schweres Essen und davon viel. Denn wer verdaut, ist beschäftigt.

In diesem Sinne: fröhliches Verdauen!

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