Niki de Saint Phalle Durch die Vagina ins Innere

Rund 300 Werke vermachte die Pop-Künstlerin Niki de Saint Phalle dem Sprengel-Museum in Hannover. Eine große Retrospektive feiert nun den 70-jährigen Geburtstag der umstrittenen "Nana"-Mama.

Von Henrike Thomsen


Den weg freigeschossen: "Schießbild" von Niki de Saint Phalle
Sprengel Museum

Den weg freigeschossen: "Schießbild" von Niki de Saint Phalle

Wäre sie angepasst gewesen, hätte die Tochter einer alten französischen Adelsfamilie eine Karriere als Model beginnen können. Mit 17 zierte sie die Cover von "Vogue" und "Life". Stattdessen entschloss sich Cathérine Marie-Agnes Fal de Saint Phalle, als Künstlerin gegen die Vormachtstellung des Phallus anzukämpfen. Ihre "Nanas", diese quietschbunten, ausladenden Tänzerinnen, die an archaische Fruchtbarkeitsskulpturen erinnern, wurden zu Ikonen einer selbstbewussten Weiblichkeit.

Hinter der fröhlichen Schale steckt allerdings ein harter Kampf. Bis weit ins 20. Jahrhunderts hinein hatten Frauen in der Bildenden Kunst vor allem als Muse und Modell eine Rolle gespielt. Den großen Durchbruch als Künstlerinnen schafften sie erst nach 1945, einmal abgesehen von der russischen Vorkriegs-Avantgarde und Ausnahmeerscheinungen wie Frida Kahlo. Zu den Vorreiterinnen dieser Bewegung gehörten einige sehr schöne Frauen, die den Kampf am eigenen Körper austrugen - oder am Ersatzkörper ihrer Skulpturen.

Marina Abramovic, Hannah Wilke, Carolee Schneemann oder Valie Export bestanden in ihren Performances mit manchmal lebensgefährlicher Härte darauf, dass sie gleichzeitig schönes ("weibliches") Objekt und gestaltendes ("männliches") Subjekt sein durften. Niki de Saint Phalle gehörte nicht zu den Vertreterinnen der so genannten "Body Art". Doch die zahlreichen Berührungspunkte mit der Arbeit ihrer Zeitgenossinnen helfen, den kunsthistorischen Wert ihrer Werke einzuordnen. Zu den 300 Arbeiten, die sie in einer großzügigen Schenkung dem Sprengel Museum in Hannover vermacht hat, gehören Skulpturen, Gemälde, Assemblagen, Zeichnungen und Filme.

Seit 1974 an der Leine: "Nana"-Skulpturen in Hannover
DPA

Seit 1974 an der Leine: "Nana"-Skulpturen in Hannover

Zu Beginn der sechziger Jahre schoss sich Saint Phalle ihren Weg als Künstlerin buchstäblich frei. Sie hatte Farbbehälter auf Leinwände montiert, gegen die sie vor Publikum feuerte. Die Farbe bespritzte die weißen Flächen wie Blut, eine Parallele zur Ejakulation des "befruchtenden Künstlers" lag nahe. Saint Phalle zelebrierte die Hinrichtung der alten Begriffe von Gestaltung. In den Videos, die wie einige ihrer "Schießbilder" und ein original Schießanzug in Hannover zu sehen sein werden, spürt man noch die atemlose Spannung, mit der die Zuschauer diese Performance verfolgten.

1965 bastelte die Auto-Didaktin aus Wolle, Garn, Pappmaché und Drahtnetzen ihre erste "Nana". Nur ein Jahr später entstand eine riesige, auf dem Rücken liegende Skulptur für das Moderna Museum in Stockholm. Die Besucher konnten durch die Vagina in das Innere steigen.

Später baute Niki de Saint Phalle nach dem Vorbild des Jugendstil-Architekten Gaudí Brunnen, Gebäude und Kindergärten für viele Länder. In der Toskana kann man ihren Tarot-Garten besuchen. Zusammen mit ihrem Ehemann Jean Tinguely entwarf sie verspielte mechanische Skulpturen. Doch das Markenzeichen sind stets ihre "Nanas" geblieben, von denen seit 1974 auch drei an der Leine in Hannover stehen. "Sie haben eine unglaubliche Aufregung hervorgerufen", erinnert sich Saint Phalle in einem Brief an das Sprengel-Museum. "Manche liebten sie, manche hassten sie und wollten sie entfernt haben. Es bewies, dass Kunst nicht tot war, wenn sie solch eine Polemik hervorrufen konnte."

Feierte am 29. Oktober ihren 70. Geburtstag: Pop-Künstlerin Niki de Saint Phalle
DPA

Feierte am 29. Oktober ihren 70. Geburtstag: Pop-Künstlerin Niki de Saint Phalle

1999 kam Saint Phalle wieder nach Hannover, um die Grotten in den Herrenhäuser Gärten zu dekorieren. "Ich wurde wie eine Königin behandelt und man gab ein Abendessen in einem phantastischen Gewächshaus mit allen vorstellbaren Orchideen-Sorten", erinnert sie sich. Daraufhin bot sie dem Museum die Schenkung an. Die Kuratoren durften auswählen, was sie wollten.

Einem Sprecher des Museums zufolge hatte Saint Phalle anderen führenden Museen ihr Werk vergeblich angetragen. Viele hätten "reserviert reagiert". Saint Phalle hat sich ähnlich wie der österreichische Jugendstil-Adept Friedensreich Hundertwasser mit der massiven Kommerzialisierung ihres Namens unbeliebt gemacht. Es gibt Parfums, Möbel und viel Kunsthandwerkliches, aber wenig Respekt für ihr Spätwerk, auf das auch das Sprengel Museum verzichtete. Von den Filmen, die Saint Phalle in den siebziger Jahren drehte, ist am ehesten "Daddy" interessant. Seit sie in ihrer Autobiographie jedoch schrieb, dass ihr Vater sie als Kind missbraucht habe, wird das künstlerische Interesse auch hier vom anekdotischen überschattet. Am Ende werden es nur die Jahre ihres radikalen Aufbruchs sein, die für die Kunstgeschichte zählen.

"La Fête. Die Schenkung Niki de Saint Phalle". 19.11.- 25.2. 2001 im Sprengel Museum Hannover.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.