Geschlechter­gerechtigkeit "Gender Mainstreaming kann auch ein Gift sein"

Diskussionen um Kopftücher oder Flüchtlinge dienen vor allem der Festigung kapitalistischer Machtstrukturen, meint die Wissenschaftlerin Nikita Dhawan. Das gilt in Sachen Frauenrechte allemal.
Arbeiterinnen in Bangladesch

Arbeiterinnen in Bangladesch

Foto: A.M. Ahad/ AP
Foto: imago/ Michael Kneffel

Nikita Dhawan, Jahrgang 1972, in Thane (Indien) geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Mumbai. Seit ihrer Promotion in Bochum 2006 forscht sie im Bereich Gender Studies und postkoloniale Studien. Seit Oktober 2014 ist sie als Professorin für Politische Theorie mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Innsbruck tätig. Zum Tashweesh Festival in Brüssel  (15.-27. Oktober) hielt sie die Eröffnungsrede. Das Festival will feministische Positionen aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten zusammenbringen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Dhawan, Sie stammen aus Indien, Sie arbeiten als Professorin in Europa, Sie verdienen gut. Sind Sie das Paradebeispiel für die emanzipierte Frau mit Migrationshintergrund?

Nikita Dhawan: Als ich nach Deutschland zog, da sagte ich gerne: Ich bin Wolfgang Schäubles Lieblingsmigrantin. Gebildet, wohlhabend. So wie am besten alle Migrantinnen sein sollten.

SPIEGEL ONLINE: Schäuble sprach sich als Innenminister für mehr Integration und 2006 im Zuge der Deutschen Islamkonferenz unter anderem für "deutsche Muslime" aus.

Dhawan: Das alles sind im Grunde normative Vorstellungen von Emanzipation im Westen. Wer in das Bild reinpasst, der ist ein Vorbild. Wer nicht reinpasst, der wird diskriminiert. Wir reden gerne von Vielfalt. Die Vorstellungen von Emanzipation aber in Deutschland sind doch recht einseitig.

SPIEGEL ONLINE: Wo fehlt es an Vielfalt?

Dhawan: Ich war sechs Jahre lang als Professorin in Frankfurt angestellt: Unter den führenden Forschern gab es kaum Frauen, kaum Migranten. Abends blieb ich für die Arbeit manchmal länger im Büro. Dann kamen die Reinigungskräfte: Männer und Frauen. Weiß und Schwarz. Die Frauen mit und ohne Kopftuch. Wir sprechen gerne über Vielfalt. Aber Vielfalt gibt es viel öfter in den Schichten, die für uns die schmutzige Arbeit machen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Kopftuch wirklich ein Zeichen von Vielfalt? Manchen gilt es eher als Zeichen der Unterdrückung.

Dhawan: Das kommt auf den Einzelfall an. Mich interessieren eher die Diskurse, die dahinterstecken. Wofür steht das Kopftuch? Warum diskutieren wir darüber? Welche Positionen werden durch diese Diskussionen bestärkt? Und hier beobachte ich, dass es oft gar nicht um Emanzipation geht. Oft werden solche Diskussionen eher benutzt, um eigene Machtstrukturen aufrechtzuerhalten.

Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs in der Silvesternacht 2015

Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs in der Silvesternacht 2015

Foto: Markus Boehm/ picture alliance / Markus Boehm/

SPIEGEL ONLINE: Welche Machtstrukturen meinen Sie damit?

Dhawan: Nach der Silvesternacht in Köln ging es beispielsweise in den öffentlichen Diskussionen kaum wirklich um Opfer sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Der Fokus lag auf den Flüchtlingen. Einige fühlten sich bestätigt in ihrer Forderung, Abschiebungen künftig zu beschleunigen. Gleichzeitig gibt es weniger Geld für die Unterstützung von betroffenen Frauen: In Frauenhäuser und Beratungszentren wurde wenig investiert. Auch in der Forschung spüren wir das. In den Gender Studies wird in Europa immer mehr gespart, Stellen werden nicht nachbesetzt. Ungarn schaffte vor wenigen Tagen die Gender Studies an öffentlichen Hochschulen komplett ab.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen diese Machtstrukturen?

Dhawan: Schon im Kolonialismus diente Diskriminierung von Frauen in anderen Kulturen als Argument, um Missionierung zu rechtfertigen. Europa inszenierte sich als treibende Kraft der Modernisierung: Wir sind aufgeklärt - ihr seid Orte der sexuellen Ungleichheit. Also haben wir auch das Recht euch zu unterwerfen. Was im Grunde absurd war. In vielen Dingen hing Europa mit der Geschlechtergerechtigkeit sogar weit hinterher.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Dhawan: Frauen durften in europäischen Ländern noch bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht wählen. Bis heute sind sie in der Politik oft unterrepräsentiert. Indien hatte 1966 mit Indira Gandhi zumindest eine erste weibliche Regierungschefin. Oder nehmen wir das Stichwort Homosexualität: In Ländern wie Indien und Uganda wurde Homosexualität mit der Kolonialisierung unter Großbritannien kriminalisiert. Erst im September 2018, mehr als 70 Jahre nach Ende der Kolonialherrschaft, wurde in Indien dieses koloniale Erbe, der Paragraf 377, der Sex zwischen homosexuellen Männer unter Strafe stellte, wieder aufgehoben.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland scheint die Situation ein wenig anders. Im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder Spanien hatte Deutschland als Kolonialmacht relativ wenig Einfluss. Dazu ist der Kolonialismus seit mehreren Jahrzehnten vorbei...

Dhawan: Dann stelle ich die Gegenfrage: Wie viele Deutsche gibt es, die keine Kartoffeln essen, Baumwolle tragen oder Kaffee trinken? Ich gehe da mit dem Philosophen Frantz Fanon : Europa mit all seinem Wohlstand, seiner Industrialisierung basiert auf Kolonien. Die Machtverhältnisse sind bis heute sichtbar. In Bangladesch zum Beispiel gibt es zwar nach wie vor Geschlechtergewalt wie Ehrenmorde. Frauen werden also massiv unterdrückt, keine Frage. Ausbeutung findet hier aber vor allem wirtschaftlich statt. Ein großer Teil der Sweatshirts, die wir im Laden kaufen, kommen aus Bangladesch. Viele Frauen arbeiten in den Fabriken zu Hungerlöhnen. Die schuftende Frau wird dann gerne als Bild für die kulturelle Rückständigkeit Bangladeschs benutzt. Tatsächlich geht es dabei vor allem um die Manifestierung von kapitalistischen Machtverhältnissen.

SPIEGEL ONLINE: Frauen zeigen sich aber auch immer wieder solidarisch, in sozialen Netzwerken auch über nationale Grenzen hinweg, mit Hashtags wie #MeToo. Hilft das Internet dabei, nationenübergreifend für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen?

Dhawan: Ja, allerdings nur mit Einschränkungen: In Indien haben weite Teile der Bevölkerung keinen Strom, keinen Zugang zum Internet. Solidarität begrenzt sich also auch hier auf bestimmte Klassen. Das Internet ist ohnehin kein Garant für Aufklärung: Social-Media-Plattformen können zu Solidarität verhelfen. Sie können allerdings auch für Populismus instrumentalisiert werden - und der kann sich auch gegen Geschlechtergerechtigkeit richten. Das Gefühl von Solidarität kann außerdem auch täuschen.

SPIEGEL ONLINE: Täuschen inwiefern?

Dhawan: Schon vor 30 Jahren, lange vor #MeToo, gingen Slogans von einer "globalen Schwesternschaft" durch die Öffentlichkeit: Alle Frauen weltweit, so die Vorstellung damals, leiden ähnlich unter dem Patriarchat. Eigene Normen lassen sich aber nicht einfach übertragen. Normen wie Gender Mainstreaming können eine wunderbare Medizin sein. Damit hat sich schließlich auch die Frauenbewegung durchgesetzt. Gleichzeitig kann es auch Gift sein, wenn eurozentrischer imperialistischer Feminismus sich global durchsetzt. Jacques Derrida spricht von "Pharmakon". Alles kann Gift und Gegengift sein. Das wird unsere große Aufgabe für die Zukunft: Wir müssen das Gift wieder in Medizin verwandeln.