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"Nineties Berlin": "Nur noch Nischen"

Foto: Marcus Wichert/ Nineties Berlin

Techno in Berlin "Arm und sexy war einmal"

Der Mauerfall als Urknall: Eine Ausstellung zeigt, wie sich die Berliner Undergroundkultur in den Neunzigerjahren selbst kaputt machte - und doch als Mythos weiterlebt.

Der Eingang zur Vergangenheit liegt im Hinterhaus eines alten Industriekomplexes, mitten im touristischen Zentrum Berlins: Vor der Tür karren Doppeldeckerbusse Besucher zum Alexanderplatz. Drinnen bebt der Boden von Bässen. Über die Wände flimmern Bilder von Mauerbrocken, Trabi-Schlangen, Baukränen am Reichstag, Hausbesetzern im Bergmannkiez. Aber auch Schnappschüsse von Breakdancern, von Bands, die zwischen bröckelnden Hausfassaden proben.

Die Ausstellung "Nineties Berlin" ist ein bisschen wie eine Party im Berlin der Neunziger. Schrill, aufgedreht und trotzdem von draußen kaum sichtbar, konserviert an einem Ort, wo man sie am wenigsten vermuten würde: in den historischen Lagerhallen einer Münzprägerei, die heute für Veranstaltungen genutzt wird. Gleichzeitig wird damit deutlich: Die Kultur der Neunzigerjahre ist Geschichte. "Arm und sexy - das war einmal", sagt Michael Geithner, Co-Kurator der Ausstellung. "Berlin hat sich ins Gegenteil verkehrt."

Die Ausstellung, die eine Kooperation zwischen dem DDR-Museum und der Münzprägerei ist, zeigt die Stadt Berlin in einer Stimmung, in der Techno oder Acid House von den Hinterhöfen zum Massenphänomen wurden. Kulturbewegungen wuchsen hier noch im Verborgenen, an Platten kam man zu Beginn nicht leicht ran, diese wurden nur von kleinen Geheimtipp-Labels vertrieben.

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"Nineties Berlin": "Nur noch Nischen"

Foto: Marcus Wichert/ Nineties Berlin

Zeitzeugen wie Westbam erzählen in Videos, wie sie aus dem Osten 1989 nach der Öffnung der Grenze per Räuberleiter über die Mauer kletterten. Hip-Hop-DJ Tan Bahar erinnert sich, wie er am 9. November zum ersten Mal mit Freunden am Fernsehturm einen trinken gehen konnte. "In West-Berlin fühlten wir uns freier als in Restdeutschland." Berlin sei vor dem Mauerfall wie eine Insel gewesen.

1989 gab es so etwas wie den Urknall. Die Mauer fiel - und plötzlich war da eine riesige Leerstelle in der Stadtkarte. Dort, wo sich zuvor jahrzehntelang der Todesstreifen durch die Stadt schlängelte, wurden nun Tausende Quadratmeter ungenutzter Flächen zugänglich. Mitten im Sperrgebiet öffneten Galerien und Klubs. "Zwischennutzung" lautete das Zauberwort.

Zu den "Urban pioneers" zählte auch der Tresor: Wenige Meter vom Potsdamer Platz öffnete unter der Ruine eines Kaufhauses der erste Technoklub Berlins: Eine Betontreppe führte über mehrere Eisentüren in das Gewölbe. Tagsüber liefen Sprengarbeiten, ratterten Bagger über die Flächen um den Potsdamer Platz. Nachts dröhnten im Klub die Basslines gegen meterdicke Wände, der Untergrund in der Leipziger Straße 126a wurde zum Kult.

Der perfekte Soundtrack

Berlin avancierte zum Geburtsort des deutschen Techno. Und damit zum Sinnbild für das Lebensgefühl einer Zeit, in der die Welt für die Kulturszene in jeder Hinsicht noch grenzenlos schien. "Mit dem Mauerfall hatte sich die Welt vervielfacht", sagt Musiker Kai-Uwe Kohlschmidt, der noch im Osten seine ersten Auftritte hatte und mit der Band Sandow und dem Song "Born in the GDR" auf den Traum vom Westen ("Born in the USA") antwortete.

Eine dieser Welten lag im Stadtteil Kreuzberg. 1988 öffnete dort das Ufo an der Köpenicker Straße. Es war der einzige Klub Berlins, in dem DJs regelmäßig Acid House auflegten, der Stil war gerade aus Chicago nach Europa herübergeschwappt. Nach dem Mauerfall strömten viele Ost-Berliner in den Klub, an sich ein Sinnbild für den Westtrend. "Die eigentliche Revolution kam aber genau deshalb aus Ost-Berlin, nicht aus West-Berlin", sagt Westbam. Die Musik hätte es ja sowieso gegeben. "Die Ost-Berliner haben die richtige Energie mitgebracht."

DJ Westbam 1993: "Die richtige Energie mitgebracht"

DJ Westbam 1993: "Die richtige Energie mitgebracht"

Foto: imago/ BRIGANI-ART

Aber dieser Untergrund wurde bald zu klein, Höhepunkt war die Loveparade. Noch 1989 zogen gerade mal 150 Teilnehmer über den Kurfürstendamm. Zehn Jahre später waren es 1,5 Millionen. "Loveparade, das war positives Lebensgefühl, Fortschritt, Eierkuchen", sagt Westbam. Ein Lebensgefühl auf Zeit.

Von der Untergrundkultur zum Mainstream

Die Kulturszene verlagerte sich immer mehr in die Randbezirke. Immobilien wurden verkauft, die Räumlichkeiten teurer. Das Ufo machte 1990 dicht, der Tresor musste 2005 ausziehen. Die Lage in der Nähe des Potsdamer Platzes wurde inzwischen zum lukrativen Spekulationsobjekt unter Immobilienmaklern. Was ist also geblieben?

2007 öffnete der Tresor-Klub neu im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte. Ein paar Schließfächer aus dem historischen Keller zogen mit. Ansonsten erinnert nicht mehr viel an das Stahlgewölbe. "Es gibt keine Flächen mehr", sagt Geithner. "Nur noch Nischen. Die Geschichte ist deshalb abgeschlossen."

Nur Fragmente eines Mythos sind bis heute geblieben. Manche Klubs wie der Technoklub Berghain gehören immer noch zu den beliebtesten Orten unter Touristen; ein Geheimtipp ist er längst nicht mehr. "Aber in so einem Laden leben die Neunziger als Echo weiter", sagt Westbam. "Ohne die Madness der damaligen Zeit wäre das nicht so ein starkes Statement geworden."


"Nineties Berlin" , bis 28. Februar 2019 in Berlin in den Lagerhallen der Alten Münze

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