Nitsch-Retrospektive Blutsbruder der Kunst

Mit Blut- und Schleim-Massakern schockte Hermann Nitsch einst das Establishment. Nun erfährt seine Ekel-Kunst museale Weihen: Nach einer Aktion im Wiener Burgtheater widmet ihm der Berliner Martin-Gropius-Bau eine große Retrospektive.

Von Heiko Klaas und Heiko Klaas


Der Mann liebt Rituale. In regelmäßigen Abständen veranstaltet Hermann Nitsch, der 1938 in Wien geborene Aktionskünstler und Großmeister des von ihm erfundenen, legendären Orgien-Mysterien-Theaters, mehrtägige, als lebensbejahende Feste titulierte Spektakel für freiwillige Akteure und Zuschauer. Auf seinem Prinzendorfer Schloss im niederösterreichischen Weinviertel geht es stets heftig zur Sache: Stiere, Ziegen, Schafe und Schweine werden geschlachtet und ausgeweidet. Junge Männer und Frauen, meist nackt bis auf eine Augenbinde, werden an kreuzartigen Vorrichtungen aufgehängt und mit Blut begossen.

Frische Innereien und noch warmes Gedärm wird den Akteuren auf den nackten Leib gekippt. Gleich nebenan springen andere Teilnehmer ausgelassen in Bottichen voller reifer Weintrauben herum, bespritzen und bewerfen sich. Traditionelle Blasmusik begleitet das Spektakel, ab und zu wird ein großer Gong geschlagen, und außerdem darf im Überfluss gegessen und getrunken werden.

Volkstümliches Niederösterreich trifft auf buddhistische Reinigungsrituale. Kunstschickeria auf Lokalprominenz. Schlachthof auf Schlaraffenland. Ekel, Grausamkeit und Unappetitliches paaren sich mit Lust, Exzess und Ekstase. Widersprüche, die nicht aufgelöst oder erklärt werden. "Ich möchte mit meiner Arbeit eine Intensität erreichen, von der mir natürlich klar ist, dass sie auch provozieren kann", sagt Nitsch, der sich pathetische Begriffe wie "Überhöhung des Lebens", "Daseinssteigerung" und "Rausch" auf seine Fahnen geschrieben hat.

Was auf den ersten Blick spontan aussieht, folgt jedoch extrem akribisch festgelegten Partituren. Nitsch ist nicht nur der triebhafte Wiederholungstäter und provozierende Zeremonienmeister des Ekels und des Blutes, als den ihn seine Anhänger mystifizieren und seine Gegner beschimpfen. Er ist gleichzeitig auch ein Freund umfangreicher theoretischer Abhandlungen. Mit seinem 960-seitigen Hauptwerk "Zur Theorie des Orgien-Mysterien-Theaters. Zweiter Versuch" von 1995 könnte man fast einen Ochsen erschlagen. Gelesen hat diese umfangreiche Bekennerschrift, so wird kolportiert, bisher sowieso nur eine Handvoll ausgewiesener Spezialisten.

Leberwurst-Schnittchen zur Berserker-Kunst

Zum ersten Mal seit 1979 - damals war nur eine kleine Ausstellung in einer Privatwohnung zu sehen - stellt der Blut- und Schleim-Berserker Nitsch jetzt wieder in Berlin aus. Im Martin-Gropius-Bau bespielt er mit einer umfangreichen Retrospektive gleich 18 Säle mit Schüttbildern, sakral aufgeladenen Rauminstallationen, besudelten Malhemden, in Vitrinen arrangierten chirurgischen Instrumenten, Ausstellungsplakaten und Dokumentations-Fotografien. Ebenfalls zu sehen sind mehrstündige Videofilme, die das blutig-rituelle Treiben während der stets einige Tage dauernden Aufführungen dokumentieren sollen. Mehr nicht.

Nitsch gibt zu bedenken, dass das Anschauen einer solchen Dokumentation doch wohl eher mit dem Mopedfahren vergleichbar sei, die leibhaftige körperliche Anwesenheit des Betrachters bei einer richtigen Aufführung allerdings sei wie Porschefahren. "Meine Arbeit mit allen fünf Sinnen zu erfahren, ist extrem wichtig", sagt er.

Immerhin gab es während der Vorbesichtigung deftig mit Blut- und Leberwurst bestrichene Schnittchen und Wein aus Prinzendorf. Außerdem waberte durch alle Räume ein feierlich-dezenter Weihrauchduft. So viel Katholizismus war selten zu Gast im protestantisch unterkühlten Gropius-Bau. Zur musikalischen Untermalung trug zudem das "Quintetto Nitsch" bei, ein mit fünf dunkel gewandeten Instrumentalisten besetztes Streichquartett. Gespielt wurden natürlich Kompositionen des vielfach talentierten Maestro selbst. Und ein eigens von eifrig hantierenden Nitsch-Jüngern aufgebautes Geruchslabor erinnert an die Werkstatt eines mittelalterlichen Alchimisten. Der Raum voller Reagenzgläser und Laborgefäße mit speziellen Duftproben offenbart zumindest auf visueller Ebene den im Museum nicht rekonstruierbaren Geruchskosmos des Orgien-Mysterien-Theaters à la Nitsch. Vergammelnde Proben von rohem Schweinefleisch, Malz oder Rotwein-Maische befinden sich in glücklicherweise sorgsam verkorkten Reagenzgläsern.

Weihrauch und Blut

Gleich zu Beginn des Rundgangs findet sich der Besucher in einem mit sakralen Gegenständen und Symbolen angereicherten Ausstellungssaal wieder, der an eine Kirche erinnert. Auf schlichten, mit weißem Stoff bespannten Bahren hängen abgewetzte, katholische Messgewänder. Auf dem Boden liegen aneinandergeschoben sechs großformatige "Schüttbilder", weiße Leinwände, auf die in sogenannten "Malaktionen" Blut und rote Farbe gekippt und mit dem Besen und den nackten Füßen verteilt wurde. Ganz vorne steht ein mit Chrysanthemen geschmückter Altar, davor eine leere Monstranz. An den Wänden hängen dokumentarische Farbfotos eines 6-Tage-Spiels, das 1998 in Prinzendorf stattfand.

Das Werk Hermann Nitschs ist immer wieder mit religiösen Handlungen in Verbindung gebracht worden. Bereits in seinem ersten Manifest 1960 forderte er eine "Sakralisierung der Kunst". Der stets schwarz gewandete, mit breitkremprigem Hut und langem, grauem Bart prophetenhaft wirkende Künstler will aber kein Guru sein. Ihm geht es mehr darum, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen: "Ich bin kein Religionsstifter, das ist ein Unsinn. Ich beziehe mich aber auf Jugendstilkünstler wie etwa Gustav Klimt, die man ebenfalls als Religionsstifter titulieren kann."

Hermann Nitsch, dessen blutige, als pornografisch und blasphemisch beschimpfte Inszenierungen in der Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen sorgten und teilweise mit Polizeigewalt gestoppt wurden, ist mittlerweile längst zu einem Vorzeigekünstler der Alpenrepublik geworden. In den sechziger Jahren wurde er mehrmals zu Haftstrafen verurteilt, vor einem Jahr aber erhielt Hermann Nitsch den Großen Österreichischen Staatspreis. Für Nitsch offenbar Grund genug, sich auf seine alten Tage auch mit der Hochkultur auszusöhnen: In der letzten Spielzeit erklomm das Orgien-Mysterien-Theater denn auch die heiligen Bretter des Wiener Burgtheaters.

Schlachthof der Kunst

Eigentlich konsequent, denn so Britta Schmitz, die Kuratorin der Schau: "Auf dem Theater nitschelt es schon lange". Diverse Theatermacher haben es also vorgemacht. Und jüngere Künstler wie Matthew Barney, John Bock, Jonathan Meese oder Christoph Schlingensief hantieren in ihren Performances mittlerweile ebenso virtuos wie überschwänglich mit Vaseline, Lebensmitteln oder hübsch hygienischen Ersatzkörperflüssigkeiten. Ihre Bild- und Körpersprache wäre in dieser Form ohne die in den sechziger Jahren aufgekommene Wiener Aktionskunst mit Hermann Nitsch als einer ihrer zentralen Figuren nicht denkbar.

Nitschs Selbstwahrnehmung erinnert allerdings streckenweise an einen Messias oder Märtyrer: "Ich nehme durch meine Kunstproduktion das scheinbar Negative, Unappetitliche, Perverse, Obszöne, die Brunst und die daraus resultierende Opfer-Hysterie auf mich, damit ihr euch den befleckten, schamlosen Abstieg ins Extrem erspart. Ich will die Menschheit vom Animalischen befreien." Mit Sätzen wie diesem irritiert der im Übrigen stets höfliche und menschenfreundliche Nitsch immer wieder aufs Neue sein Publikum.


Hermann Nitsch - Orgien-Mysterien-Theater. Retrospektive. Martin-Gropius-Bau, Berlin. 30.11. 2006 bis 22. 1. 2007.

Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 144 S., zahlreiche Abb., 25 Euro.



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