Nominierungen für den Turner Prize Kontroverse garantiert

Schlagzeilen sind sicher, wenn die Kandidaten für den britischen Turner-Kunstpreis verkündet werden. Skandalträchtiges bietet auch die diesjährige Verkündung: Nominiert ist unter anderem Fiona Banner, die die Handlung eines Pornofilms grafisch nacherzählte.


London - "Arsewoman in Wonderland" lautet der Titel des Pornofilms, den sich die Künstlerin zum Anlass nahm. Bekannt wurde Fiona Banner durch ihre schriftlichen Aufarbeitungen legendärer Kinofilme. In ihrem Buch "The Nam" beschrieb sie beispielsweise alle Vietnam-Filme, die die Kinoindustrie hervorgebracht hat. Ihre Arbeit ist vor allem von der Betonung des Grafischen, von Typografie und Interpunktion, geprägt. Banner wurde 1966 in London geboren. Dort lebt und arbeitet sie auch. Einzelausstellungen führten sie nach Berlin, in die Londoner Tate Gallery, nach Los Angeles und New York.

Ebenfalls für den renommierten Kunstpreis nominiert ist die Fotografin Catherine Yass. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Bilder von Toiletten und Krankenhausfluren. Ein anderer Schwerpunkt sind Fotografien von Metropolen im Moment der Leere. Die 39-jährige Londonerin stellte unter anderem in Walsall's New Art Gallery aus und gestaltete im vergangenen Jahr den Weihnachtsbaum der Tate Gallery.

Dritter Nominierter in der illustren Runde ist der Brite Keith Tyson. Seine Kunst besteht unter anderem darin, einen Computer mit Daten zu füttern. Das Gerät befahl ihm daraufhin beispielsweise, 366 Brotschneidemesser zu bemalen und ein Fast-Food-Menü in Blei zu gießen. In seiner Arbeit verbindet der 32-jährige scheinbar zusammenhanglose Informationen zu einem Gesamtkunstwerk. Tyson stellte bisher in London, Gent und San Francisco aus.

Als vierter Kandidat tritt Liam Gillick aus Aylesbury in Buckinghamshire an. Der Künstler versucht in seiner Kunst die ge- und bebaute Umwelt - Gebäude, Städte, Straßen - in Frage zu stellen und benutzt für seine oft mit provozierenden Schriftzügen und Botschaften versehenen Rauminstallationen Materialien wie Plexiglas, Holz oder Aluminium.

Nicht umsonst umweht den britischen Kunstpreis die Aura des Skandals. Vor vier Jahren gewann Chris Ofili den Turner Prize für eine Jungfrau Maria aus Elefantendung, 1995 siegte Damien Hirst mit einem Schaf, das in Formaldehyd eingelegt war.

Als eine Art Gegenbewegung zum Turner Prize wird im diesen Jahr erstmals der Barbie-Preis für Kinder zwischen vier und elf Jahren verliehen. Ivan Massow, ehemaliger Chef des britischen Instituts für Gegenwartskunst und jetziger Chef der Barbie-Preis-Jury, will mit dieser Verleihung einen Scherz mit dem Turner Prize treiben. Er war von seinem vorigen Amt zurückgetreten, nachdem er die britische Gegenwartskunst als selbstverliebt und angeberisch kritisiert hatte. Zudem, so Massow, fehle es ihr an handwerklicher Qualität.

Der mit 20.000 Pfund (rund 31.300 Euro) dotierte Turner Prize wird Anfang Dezember vergeben. Ab Oktober werden ausgewählte Werke der nominierten Künstler in der Tate Modern Gallery in London zu sehen sein.



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