Norbert Blüm "Bei zehn Millionen hört der Spaß auf"

Norbert Blüm, früher Minister, jetzt Fernseh-Promi in der Neuauflage von "Was bin ich?", redet mit SPIEGEL ONLINE über seinen Spieltrieb, Key Account Manager und die Armut des Fernsehens.

Von Andreas Kötter


Norbert Blüm: "Bei zehn Millionen hört der Spaß auf"
DPA

Norbert Blüm: "Bei zehn Millionen hört der Spaß auf"

Sechzehn Jahre lang war Norbert Blüm Arbeitsminister in der Regierung Helmut Kohl. Jetzt sattelt er um aufs Fernsehen: Ab dem 5. Oktober gehört Blüm dem Rateteam an, das für den Münchner Sender Kabel 1 den Erfolg der Robert-Lemke-Show "Was bin ich?" wiederholen soll.

SPIEGEL ONLINE: Herr Blüm, gehe ich recht in der Annahme, dass Sie, Herbert Feuerstein, Vera Int-Veen und Tanja Schumann eine Menge Spaß hatten beim heiteren Beruferaten?

Norbert Blüm: Ja, ich gebe zu, dass wir in der Tat eine Menge Spaß hatten und noch haben, schließlich sind bis jetzt erst acht von zwölf Sendungen aufgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist man auf Sie gekommen, etwa weil Sie selbst in den unterschiedlichsten Berufen zu Hause waren, unter anderem als Werkzeugmacher oder Kunstschmied?

Blüm: Da müssen Sie die Verantwortlichen beim Sender fragen, ich bin zu diesem Engagement wirklich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht hat auch Ihr Showtalent eine Rolle gespielt. Das scheint bei Ihnen in der Familie zu liegen, Ihr Sohn Christian ist Mitglied der Kölner Rockband "Brings".

Blüm: Christian schlägt bei "Brings" die Trommel; die Band ist wirklich gut, wenn ich das hier sagen darf. Das muss sie auch sein, denn der Kampf im Show-Business ist mindestens ebenso hart wie in der Politik oder im Fußball. Aber was heißt schon "Showtalent"? Christian hat Spaß an anderen Sachen, ich habe Spaß an anderen Sachen als meinem Beruf, und mein Vater hatte das auch. Wenn Sie also von Vererbung sprechen wollen, dann in diesem Sinne, dass uns wohl einfach die Gene zum Berufsidiotentum fehlen.

Blüm mit dem Team von "Was bin ich?"
DPA

Blüm mit dem Team von "Was bin ich?"

SPIEGEL ONLINE: Welche Erinnerung verbinden Sie mit dem Original von "Was bin ich"?

Blüm:"Was bin ich?" war bei uns immer eine Kultsendung für die ganze Familie. Denn den Reiz macht doch aus, dass jeder problemlos mitspielen kann vor dem Bildschirm. Beruferaten ist doch ein ganz simples Spiel, das wahrscheinlich schon vor zehntausend Jahren gespielt wurde; nur dass damals die Berufe nicht Bäcker oder Schornsteinfeger, sondern Bärenjäger oder Fallensteller lauteten.

SPIEGEL ONLINE: Heute hat man es mit abstrakten Berufsbezeichnungen wie "Key Account Manager" zu tun, da dürfte die für die Sendung typische Handbewegung schwer fallen.

Blüm: Ich hoffe nicht, dass wir in die letzten Feinheiten der modernen Berufsterminologie eintauchen müssen, denn die verstehen allenfalls noch Insider.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Konzept “Vier erwachsene Menschen spielen Beruferaten bei einem Höchstgewinn von 50 Mark“ noch aufgehen in einer Zeit, wo andere Quizshows mit Millionengewinnen locken?

Blüm: Das werden wir sehen, und wenn es schief geht, ist es auch nicht schlimm. Ich glaube aber, dass Gewinne von zehn Millionen das Ende jeder Spielfreude sind. Zum Spiel gehören Unbefangenheit und Spaß. Wenn es aber um zehn Millionen Mark geht, dann hört für jeden der Spaß auf. Dann beginnt eine Fortsetzung des Existenzkampfes mit anderen Mitteln.

SPIEGEL ONLINE: Also ist der Gewinn von 50 Mark eine schöne Reminiszenz an unschuldige Fernsehzeiten?

Blüm: Diese 50 Mark sind nicht mehr als eine spaßige Erinnerung an wirkliches Geldverdienen, dabei sollte es auch bleiben. Wenn kein Handschlag mehr gemacht wird, ohne zu berechnen, was er einbringt, dann möchte ich in dieser Gesellschaft nicht leben. Denn das wäre eine sehr anstrengende Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der ich mich in diesem Augenblick fragen würde "Was bringt mir dieses Interview ein?"

SPIEGEL ONLINE: Sie galten stets als Querdenker. Hilft das auch beim Beruferaten?

Blüm: Ich selbst habe mich nie als Querdenker gesehen. Denn vom Querdenker ist es nur ein kleiner Schritt zum Quertreiber, das aber wollte ich nie sein. In der Politik muss man Mehrheiten beschaffen, es geht nicht darum, ausschließlich originell zu sein. Allerdings habe ich mir immer erlaubt, meinen Kopf für eigene Gedanken zu nutzen, etwas, das auch im Spiel nicht schaden kann.

SPIEGEL ONLINE: Während Sie mit "Was bin ich?" auf Spiel setzen, bevorzugen einige Ihrer ehemaligen Politikerkollegen das Infotainment. Roman Herzog etwa hat für sich das Konzept "Politiker interviewen Politiker" gewählt.

Blüm: Was Roman Herzog und einige andere machen, gefällt mir ganz gut. Der Dialog, das Hin und Her von Argumenten kann durch keine Informationsanhäufung ersetzt werden. Diese uralten Formen des Meinungsaustausches gehören beinahe unter Denkmalschutz gestellt und gepflegt. Menschen müssen wieder lernen, sich miteinander zu unterhalten, statt ihre Meinung nur noch daherzurotzen. Auch muss nicht jede Unterhaltung einen Gag produzieren. Man sollte sich an Kleist erinnern: "Von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Sprechen".

SPIEGEL ONLINE: Die Sprache bleibt bei den modernen Informationstechniken auf der Strecke?

Blüm: Es gibt Menschen, die füttern sich selbst so mit Informationen, dass sie überhaupt nicht mehr zum Nachdenken kommen. Schon die Kinder müssten mehr darauf trainiert werden, auszuwählen, also die Fähigkeit zu erwerben, Wichtiges von Unwichtigen zu unterscheiden. Was meine Kinder im Deutschunterricht gemacht haben, war eher Sprachamputation. Da wurde die "Bild"-Zeitung analysiert oder sonstiger moderner Soziologen-Quatsch. Das mag alles seinen Sinn haben, ein Gefühl für Sprache aber entwickelt sich so nicht.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Fernsehen für den Privatmann Norbert Blüm da überhaupt noch eine Bedeutung?

Blüm: Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich zugeben, dass das Fernsehen für mich nur einen sehr geringen Stellenwert besitzt. Das ist natürlich nicht immer meine freie Entscheidung, schließlich habe ich einen Beruf, bei dem die 40-Stunden-Woche schon dienstags erreicht ist. Da bleibt dann kaum Zeit zum Fernsehen, und meine wenige Freizeit verwende ich lieber aufs Lesen oder aufs Wandern. Es gibt allerdings bestimmte Formen der TV-Unterhaltung, wie die Nachmittags-Talkshows, die ich nicht nur als langweilig, sondern auch als schamlos erachte. Es interessiert mich einfach nicht, ob Frau Müller mit Herrn Meier, und wenn ja, mit welchen Techniken, den Beischlaf praktiziert. Schön, wenn sie Spaß dabei hat, mich aber interessiert das wirklich nicht. Eine Gesellschaft braucht Schamgrenzen, Tabus und kleine Geheimnisse.

SPIEGEL ONLINE: Eine Lieblingssendung haben sie demnach also kaum.

Blüm: "Das Literarische Quartett", das mittlerweile leider auch zum Klamauk abgesackt ist, hat mir früher eigentlich immer ganz gut gefallen, oder auch der ein oder andere Krimiklassiker.

SPIEGEL ONLINE: Früher war alles besser, auch das Fernsehen?

Blüm: Man darf dieses Gespräch nicht so verstehen, als dass früher alles schön gewesen wäre, heute aber alles schlecht ist. Dennoch müssen wir uns davon befreien, alles Neue vorbehaltlos zu akzeptieren. Ich bin früher der Meinung gewesen, dass die Privaten die Fernsehwelt bereichern, dass sie die großen Tanker der Öffentlich-Rechtlichen ein wenig entlasten würden. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Das Privatfernsehen ist zu einem großen Teil verkommen zu bloßem Tralala. Heute ist sogar die Gefahr groß, dass auch ARD und ZDF dieses Tralala übernehmen und nur noch die Quote im Auge haben. Die Einsteinsche Relativitätstheorie wäre unter dem Aspekt der Quote nie zustande gekommen, Columbus' Entdeckung von Amerika wäre gar ein Quotenkiller gewesen, schließlich hatte er doch ein ganz anderes Ziel vor Augen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben häufig betont, dass diese Gesellschaft den Zusammenhalt verliert. Trifft das Fernsehen, das der Quote zuliebe noch die obskursten, egomanischsten Attitüden in den Blickpunkt rückt, da keine Mitschuld?

Blüm: Auf der Suche nach dem stets neuesten Trend verlieren wir den Kontakt zu den alten Erzählungen. Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Erzählungen, einen Vorrat an Bildern, den alle verstehen. Dieser Vorrat schwindet aber, wenn ich immer nur auf der Suche nach Ausgefallenem bin. Es herrscht dann ein Mangel an Gemeinsamkeiten. Die neue Form der Armut wird demnach Einsamkeit sein. Die alte Frau, die erst nach mehreren Wochen tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, litt keinen Hunger, sie hatte eigentlich alles, eine gut ausgestattete Wohnung und vielleicht sogar schon einen Internetanschluss, wie uns die Werbung Glauben machen möchte. Die Rente wurde ihr computergesteuert angewiesen, die Miete computergesteuert abgebucht. Gesprochen aber hat sie schon ganz lange nicht mehr mit einem anderen Menschen.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.