Nordkorea-Bildband Propaganda, schockgefrostet

Mit der Kamera im Käseglocken-Staat: Ein opulenter Bildband zeigt Fotografien aus dem abgeschotteten Nordkorea. Der eisige Blick auf bonbonfarbene Prachtparaden entlarvt die Propaganda-Techniken des kommunistischen Regimes.

Von Anne Meyer-Gatermann


Die nordkoreanischen Herrscher zeigen Zähne - ein Gebiss, makellos wie aus der Zahnpasta-Reklame, die Münder wie schockgefrostet und zur Fratze verzerrt. Der Künstler hatte bestimmt keine satirischen Absichten, als er das Propagandabild malte: Der "Große Führer" Kim Il-Sung und sein Sohn, "Der Geliebte Führer" Kim Jong-Il stehen in einem Meer aus den Orchideen "Kimilsungia" und Begonien "Kimjongilia" - Blumen, die zu Ehren der Staatsmänner gezüchtet wurden. Was allerdings ein strahlendes Lächeln sein soll, gerinnt zur Karikatur.

Der französische Fotograf Philippe Chancel unterstreicht die unfreiwillige Komik dieses Gemäldes, indem er die Linse seiner Kamera etwas senkt und die reale Übersetzung der Propaganda zeigt: Zwei Frauen in traditionellen, koreanischen Gewändern stehen davor, jede trägt ein Kind auf dem Arm. Auch sie sind von den Nationalblumen umgeben - allerdings sind die eingetopft und die Gesichter der jungen Mütter ernst. In diesem subtilen Kontrast - Alltag trifft Inszenierung - hat der Fotograf eine Bruchstelle aufgespürt, durch die ein Eindruck von Nordkorea sickert, den die kommunistische Regierung mit Prachtparaden zuzukleistern versucht.

Dieses eindrucksvolle Bild und 128 weitere Aufnahmen von Chancels Nordkoreareisen sind jetzt in einem großen Bildband erschienen. Texte des französischen Kunsthistorikers Michel Poivert und des britischen Journalisten Jonathan Fenby begleiten die Aufnahmen.

Normalerweise dürfen westliche Fotografen in dem kommunistischen Land keine Bilder machen. Dass Philippe Chancel dreimal nach Nordkorea reisen durfte, um zu fotografieren, war also eine Gelegenheit, um die ihn manch einer beneiden dürfte. Doch er nutzte sie nicht etwa, um abzulichten, wovon man hierzulande nur hört - die hungernde Bevölkerung oder Arbeitslager - sondern machte sich an eine nüchterne Bestandsaufnahme staatlicher Inszenierung.

Grauen hinter perfekter Kulisse

Nach dem Vorbild der Fotografen Bernd und Hilla Becher, die mit ihrer Dokumentation von Fachwerkhäusern oder Wassertürmen berühmt wurden, begibt sich Chancel auf eine archivarische Suche. Seine Bilder fangen eine ähnlich statische Atmosphäre ein, wie die Interieur-Aufnahmen der Becher-Schülerin Candida Höfer. Anders als Höfer, klammert Chancel die Menschen jedoch nicht aus. Dennoch agieren sie bei ihm nicht als Protagonisten, sondern sind nur Staffage einer gespenstischen Propaganda-Kulisse.

Sein Kameraauge inszeniert einen Blick durch die glasklare Luft eines eisigen Wintertages, in der jedes Detail in klirrender Schärfe hervorspringt. So entlarvt Chancel, wo die perfekte Kulisse der Prachtparaden bröckelt. Gerade weil er den Betrachter nur ahnen lässt, was hinter der staatlichen Inszenierung passiert, wirkt das Grauen umso nachdrücklicher.

Chancels Aufnahmen ausgestopfter Tiere in Glasvitrinen sind besonders bezeichnend für die Situation des koreanischen Volkes: Erstarrt und blutleer harren sie in einem gläsernen Käfig aus - antiseptisch in Szene gesetzt, hinterlassen sie beim Betrachter ein Schaudern. Nordkorea ist übrigens auch das einzige Land, das offiziell von einem Toten regiert wird: Kim Il-sung wurde das Amt des Präsidenten auf ewig zugesprochen. Sein Sohn Kim Jong-Il, der die Welt erst kürzlich mit einem Atomtest in Atem hielt, ist derzeit zwar der koreanische Machthaber, Präsident wird er aber wohl nie werden.

Verdrängte Vergangenheit

Schaurig schön sind die Prachtparaden, die Chancel etwa beim Arirang-Festival fotografierte: Die Zuschauer halten bemalte Papptafeln über ihre Köpfe, so dass sie zu einem farbenfrohen Propagandabild verschmelzen. Doch der Fotograf hält nicht nur die perfekte Illusion fest, sondern erwischt auch den Moment, in dem das Bild der flatternden koreanischen Flagge zerbröselt, weil die Köpfe der Menschen unter den Pappdächern wieder zum Vorschein kommen. Die nüchterne Dokumentation dieses Moments der Auflösung spricht für sich.

Chancel hat seine Fotografien offenbar den nordkoreanischen Behörden vorgelegt, die sie autorisiert und für gut befunden haben. Warum wirken die Bilder auf den westlichen Betrachter so ganz anders? Vielleicht hat das Wissen um die repressive Politik Kim Jong-Ils zur Folge, dass man in jedem Gesicht Anzeichen des Leides sucht. Das erklärt aber nicht, warum die Bilder so unheimlich wirken. Sigmund Freud definiert dieses Gefühl so: Unheimlich ist etwas, das einst vertraut war und verdrängt wurde. Genau das könnte der Schlüssel zu der Faszination von Chancels Bildern sein: Sie rufen die Erinnerung an eine Vergangenheit zurück, von der man glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.


"Nordkorea". Fotografien von Philippe Chancel. 208 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 45 Euro.



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