Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Klos für alle

Nichts einfacher als ein Besuch auf der Toilette? Nur für die Mehrheit. Für Transgender-Personen wird dieses simple Grundbedürfnis zum Problem gemacht - aus egoistischer Ignoranz.

Wenn jemand mich fragen würde, was meine Grundbedürfnisse sind, würde ich sagen, essen, trinken, schlafen, Sex, ein Dach über dem Kopf und so weiter, und wahrscheinlich würde ich anfangen, über Whisky oder Zimtschnecken zu reden, lange bevor mir einfiele, dass es auch ein Grundbedürfnis ist, in Ruhe pinkeln zu gehen. Es würde mir erst spät einfallen, weil es selbstverständlich für mich ist. Weil ich keine Transgender-Person bin.

In North Carolina gibt es ein neues Gesetz, das Leuten vorschreibt, welche öffentlichen Toiletten sie benutzen dürfen: nämlich nur diejenigen für das Geschlecht, das in ihrer Geburtsurkunde steht. Das heißt, selbst wenn sie womöglich seit Jahren oder Jahrzehnten als Frau leben, sollen sie trotzdem aufs Männerklo, oder andersrum. Sie sollen in Kauf nehmen, sich dort zutiefst unwohl zu fühlen, und dass man sie beschimpft, belästigt, verprügelt oder rausschmeißt, denn das passiert in solchen Fällen. Die einzige legale Alternative ist es dann, solange nicht aufs Klo zu gehen, bis eine private Toilette in Reichweite ist. Bruce Springsteen , Ringo Starr und Pearl Jam haben ihre Konzerte in North Carolina abgesagt, aus Protest gegen das Gesetz.

Toiletten sind das Beispiel, das immer wieder herangezogen wird, um zu zeigen, wie entsetzlich kompliziert alles wird, wenn man sich plötzlich um all die Minderheiten kümmern muss, die irgendwas mit Trans oder Inter heißen oder was mit Genderqueer: So schlimm, diese Leute, nicht wahr? Sogar beim Toilettengang machen sie Stress.

Und plötzlich wird so etwas wie der Gang zur öffentlichen Toilette zum Privileg. Sollte es eigentlich nicht. Fühlt sich auch faktisch nicht so an. Menschen finden es blöd, wenn man sie privilegiert nennt und sie nicht gerade ein Champagnerglas in der Linken und ein Lachshäppchen in der Rechten halten. Dann denken sie: Was, ich? Gestern erst eigenhändig den Müll runtergebracht. Aber so ist das mit den Privilegien  : Wenn man sie hat, sind sie kein Problem, und wenn man sie vorgeworfen kriegt, wird man bockig.

Dabei gehen wir alle in der Bahn oder im Flugzeug auf eine All-Gender-Toilette und weil es so banal ist, fällt es uns noch nicht mal auf.

Es könnte so einfach sein: Klos für alle. Menschen haben so viele unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche und Ziele, und es ist okay, wenn es darüber Streit gibt. Aber in Ruhe aufs Klo seiner Wahl zu gehen, sollte eigentlich nichts sein, was man verhandeln muss.

Es muss noch nicht mal irgendwas umgebaut werden dafür. Man kann die Schilder ändern in "stehend" und "sitzend" oder "mit/ohne Urinal".

Ignoranz überfällt Leute, wo das Wort Gender fällt

Doch kaum hat man das Wort Unisex- oder All-Gender-Toilette nur ausgesprochen, steht irgendwo ein Martenstein  und erklärt, die Leute sollen einfach lügen, wenn man ihnen vorwirft, auf dem falschen Klo zu sein: "Das, was die deutschen Inter- und Transsexuellen für ihr Land tun können, lässt sich am besten in dem Satz 'Das andere Klo ist kaputt' zusammenfassen." Genial, Mann. Dass ausgerechnet einem preisgekrönten Journalisten nicht einfällt, dass sich im Zweifel leicht nachprüfen lässt, ob das andere Klo kaputt ist, und dass man auch fürs Lügen auf die Fresse kriegen kann, ist vielleicht ganz illustrativ für die Ignoranz, die viele Leute bei allem überfällt, wo das Wort Gender vorkommt.

Die Meldung, dass nun auch Pearl Jam ihr Konzert in North Carolina absagt haben, kommentierte ein Facebook-Nutzer auf der Seite von SPIEGEL ONLINE  so: "Vielleicht haben die Leute auch einfach keine Lust mehr, jeden blöden Modetrend mitmachen zu MÜSSEN? Sowohl PC als auch dieses Gender haben in den USA ihren Ursprung." Ganz ähnlich wie dieses Facebook, übrigens. Ein anderer schrieb: "Sorry, aber mal grundlegend, was soll das Gesetz? Schniedel = Herrentoilette, kein Schniedel = Damentoilette..."

Die Botschaft ist dieselbe, egal ob bei Martenstein oder den Kommentatoren: Wenn bei mir doch alles gut läuft, warum soll sich dann etwas ändern?

Wie kann man so denken? Wollen solche Menschen auch, dass der Supermarkt alles aus dem Sortiment nimmt, was sie nicht brauchen? Dass keine Filme mit Untertiteln in ihrer Sprache gemacht werden, weil sie ja wohl alles verstehen? Dass das Geld für Straßenbeleuchtung gespart wird, weil sie gerade nicht aus dem Haus müssen?

Auf jedem einzelnen Snickers ist heute fett hervorgehoben, dass da Erdnüsse drin sind. Wie viele Leute haben eine Erdnussallergie? 0,5 bis 1 Prozent der Kinder in Deutschland, sagt die Stiftung zur Behandlung von Erdnussallergien. Wenn wir damit klarkommen, dass unsere Schokoriegel minderheitenfreundliche Beschriftungen kriegen, warum nicht auch unsere Klos?

Wissen Leute, die sich über Unisex-Toiletten aufregen, dass Transgender-Personen signifikant häufiger Opfer von Gewalttaten werden, Depressionen haben und Suizid begehen  ? Und zwar nicht, weil die Natur es so will. Je häufiger sie Ablehnung durch ihre Umgebung erfahren , desto wahrscheinlicher ist es, dass sie versuchen, sich zu töten  .

Wenn man das weiß und trotzdem findet, dass es alberner Schnickschnack ist, öffentliche Klos für alle zu fordern, dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie man beim Händewaschen nach seinem privilegierten Pinkeln überhaupt noch in den Spiegel gucken kann.

Video zu Transgender-Toiletten: Streit ums Klo

SPIEGEL ONLINE
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Foto: SPIEGEL ONLINE