Umgang mit Notre-Dame Die Kathedrale ist Pop

In Paris brannte mit Notre-Dame nicht nur das Zentrum des französischen Katholizismus. Es brannte ein Schatz historischer und kultureller Erinnerungen. Drei Lehren aus unserem Umgang mit dem Feuer.

Notre-Dame
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Notre-Dame

Eine Analyse von


Auf der Seine-Insel des ursprünglichen Lutetia liegt der kilomètre zéro - Referenzpunkt für die Entfernungsangaben aller nach Paris führenden Straßen, der topografische Mittelpunkt der französischen Welt. Hier feierte Karl VII. den Sieg über die Engländer im Hundertjährigen Krieg, errungen mithilfe der Johanna von Orléans. Hier verehrten die Revolutionäre von 1793 das "höchste Wesen" der Vernunft, bevor sie das schattige Gemäuer als Weinlager nutzten. Hier krönte sich Napoleon Bonaparte selbst zum Kaiser. Hier wurde das "Te Deum" zum Ende des Ersten Weltkriegs gesungen, hier wurden die Glocken zur Befreiung von Paris im Zweiten Weltkrieg geläutet.

Notre-Dame ist die Schmuckschatulle kultureller Identität. Umso erhellender ist das Schlaglicht, dass das Feuer auf uns Betrachter der Katastrophe geworfen hat. Im medialen Widerschein gab es mindestens drei Dinge, die aus dem Brand zu lernen sind.

1. Wir wissen jetzt, wie wenig wir wissen: Man sieht, dass da etwas brennt, was man von Klassenfahrten oder aus dem Kino kennt - und hat doch keine Ahnung. Weder, was da alles drinsteckt an Bedeutung und Baugeschichte. Noch, was das eigentlich ist, was da soeben eingestürzt ist. Der "Mittelturm", weil's ein spitzes Türmchen in der Mitte ist? Oder doch eher der Dachreiter? Der Vierungsturm? Alles zu spezialistisch. Bleiben wir beim Mittelturm. Kaputt ist kaputt.

Heute ist die Erleichterung groß, dass die beiden Haupttürme und die Fassade verschont geblieben sind - desgleichen verschiedene Reliquien unterschiedlicher Heiligkeit und Kunstwerke diverser Relevanz, die in Sicherheit gebracht werden konnten. Die Kulisse für touristische Selfies ist also weitgehend erhalten, desgleichen die Struktur der Kathedrale "in ihrer Gesamtheit".

Bauhistorisch interessant sind an einem Gebäude dieses ehrwürdigen Alters aber vor allem die Fundamente - und der Dachstuhl. In 850 Jahren brennt es mal hier und dort, wird da etwas abgeschlagen und hier etwas ersetzt. Die genaue Geschichte aber lässt sich dendrochronologisch nur anhand des Dachstuhls ablesen, der in Notre-Dame besonders beeindruckend war, ein "Wald" aus bis zu 1300 Eichen. Denkmalpfleger flippen aus, wenn an einer solchen Kostbarkeit nur ein Splitter ersetzt werden muss. Nun ist er Asche.

2. Die Kathedrale ist Pop: "Aller Augen hatten sich nach der Höhe der Kirche erhoben. Was sie da sahen, war etwas Ungewöhnliches. Auf dem Gipfel der höchsten Galerie, hoch oben über der Mittelrosette, war eine große Flamme zu sehen, die zwischen den beiden Glockentürmen mit Funkenwirbeln aufstieg, eine große, prasselnde, grimmige Flamme, von welcher der Wind zeitweilig eine Funkenwolke im Rauche davontrug".

Was klingt wie ein Augenzeugenbericht vom Montagabend, ist das Finale von "Der Glöckner von Notre-Dame". Im Orginal hieß Victor Hugos Roman (den Sie hier komplett lesen können) schlicht "Notre-Dame de Paris", und erst nach Erscheinen dieses Bestsellers 1831 erinnerten die Pariser sich ihres Wahrzeichens - und bemühten sich darum, es zu restaurieren. Der spitze "Mittelturm" von Viollett-le-Duc war sozusagen eine historisierende Nachdichtung von 1843.

Verfilmung von Victor-Hugo-Roman von 1923
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Verfilmung von Victor-Hugo-Roman von 1923

Das Beispiel zeigt, wie das Imaginäre - die Fiktion - auf das Reale einwirkt, es erhält oder wiederbelebt. Und umgekehrt. Das gilt für die lange verschmähte, inzwischen wieder als ureuropäisch geltende Gotik insgesamt. Aber auch für Notre-Dame, verewigt in zahlreichen Verfilmungen des "Glöckners", bis hin, wenn man so will, zu King's Landing, der fiktiven Hauptstadt von Westeros in "Game of Thrones". Wie nach den Anschlägen von Bataclan "A Moveable Feast", die Paris-Hymne von Ernest Hemingway, sich plötzlich wieder in Massen verkaufte, so stand nach dem Brand von Notre-Dame auf einmal wieder Victor Hugos "Notre-Dame de Paris" an der Spitze der Amazon-Verkaufsliste.

3. Jede Katastrophe befeuert die Idiotie: Als es noch lichterloh flackerte, das Feuer, trudelten in den sozialen Netzwerken die ersten Gags ein. Quasimodo aus der Disney-Verfilmung des "Glöckners". Lässige Verweise auf andere, noch unversehrte "Notre-Dames".

Es war noch nicht gelöscht, da wucherten die ersten Verschwörungstheorien. Warum so kurz vor Ostern? Warum kurz vor der geplanten Rede des Präsidenten über die "Gelbwesten"-Krise? Gehört die Kathedrale nicht dem Staat? Gibt es da nicht das Foto einer Gelbweste am Turm? Ist die brennende Kathedrale nicht ein Sinnbild für ein "apokalyptisches" Europa?

Ein Kurzschluss kann es nicht gewesen sein, zu banal. Also war es der laizistische Staat, der von seiner Krise ablenken will. Wahlweise auch ein Islamist, womöglich mehrere. Reagierten nicht Muslime weltweit mit Zwinkersmileys auf den Brand der Christenheit? Nach dem Löschen lodert das Freudenfeuer der "Fake News", von angeblichen "Allahu Akba"-Rufen angesichts der brennenden Kirche bis zu gefälschten CNN-Tweets, nach denen es sich um einen "Terrorakt" handele.

Der Brandbeschleunigung auf rechter Seite steht mindestens Indifferenz, gerne aber auch hämischer Beifall von linker Seite gegenüber. Fingerzeige auf die Verbrechen des Christentums. Ablehnung der französischen Geschichte, besonders ihrer kolonialen Vergangenheit. Ausbeutung der Arbeiter. Hinweise auf ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer oder irgendeine andere Katastrophe, mit der die Betroffenheit über das Feuer diskreditiert werden soll. Noch mehr Gags. Ist ja niemand gestorben, oder?

Mit dieser komplementären Idiotie von rechts wie links werden wir uns noch herumschlagen müssen. Wohl auch dann noch, wenn Notre-Dame längst wieder in neuem Glanz erstrahlt.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 16.04.2019
1. Naja...
In vernünftigeren, konstruktiveren und eher der Zukunft zugewandten Zeiten hätte man jetzt erleichtert aufgeatmet und das häßliche Ding endlich abgerissen, nachdem man die hübscheren Teile auf Museen verteilt hätte, und hätte an dieser Stelle Wohnungen gebaut, die Paris viel nötiger hat als verzweifeltes Festhalten an den Symbolen der Irrationalität von Vorgestern. Das macht man nur, weil man nicht weiß wie es weitergehen soll und man lieber verzweifelt auf den Trommeln von gestern herumdrischt. Menschen sind dann alt und gehen auf den Tod zu, wenn sie mehr von ihrer Vergangenheit reden als über ihre Zukunft und für Gesellschaften gilt dasselbe. Mir geht dieses ganze Notre Dame Getue auf die Nerven. Haben wir eigentlich keine dringenderen Probleme?
klogschieter 16.04.2019
2. Pop?
Wenn Pop in erster Linie die Abkürzung von "populär" ist, und dieser Ansicht neige ich zu, hat der Autor recht. Das wäre an sich überhaupt nicht problematisch, wenn da nicht die riesigen Schnittmengen mit der Idiotie wären. Ansonsten: Man sollte da mal drin gewesen sein. Es haut einen um. Es ist atemberaubend da drin. Es ist vor allem der Sound. Augen zu. Die Selfiemenschen sind dann völlig wurschtegal. Sie sind nur noch abstrakter Teil des Klangs und nerven nicht.
antonia.colloni 16.04.2019
3.
Dennoch: Die Headlines! Notre Dame brennt. Notre Dame in Flammen. Übersetzen Sie das mal! Ja, kurz vor Ostern. Ein möglicher Anschlag. Wie kann unsere heilige Mutter und liebe Frau ihren geliebten Sohn beweinen, wenn sie brennt? Die "Hexenverfolgung" war ein Krieg gegen Frauen. Es war eine Frauenverfolgung! Und wieder, ist die Spaltung und Verteufelung in vollem Gange.
Enkidu 16.04.2019
4. @zeichenkette
Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.
Benjowi 16.04.2019
5.
Zitat von zeichenketteIn vernünftigeren, konstruktiveren und eher der Zukunft zugewandten Zeiten hätte man jetzt erleichtert aufgeatmet und das häßliche Ding endlich abgerissen, nachdem man die hübscheren Teile auf Museen verteilt hätte, und hätte an dieser Stelle Wohnungen gebaut, die Paris viel nötiger hat als verzweifeltes Festhalten an den Symbolen der Irrationalität von Vorgestern. Das macht man nur, weil man nicht weiß wie es weitergehen soll und man lieber verzweifelt auf den Trommeln von gestern herumdrischt. Menschen sind dann alt und gehen auf den Tod zu, wenn sie mehr von ihrer Vergangenheit reden als über ihre Zukunft und für Gesellschaften gilt dasselbe. Mir geht dieses ganze Notre Dame Getue auf die Nerven. Haben wir eigentlich keine dringenderen Probleme?
Geht es noch etwas überheblicher? Es sind nun einmal nicht alle Menschen derartig ignorant eingestellt..... Und wenn viele in Deutschland meinen, man hätte die Rationalität mit dem Löffel gegessen, frage ich mich, wieso hierzulande so gut wie nix mehr funktioniert-und zwar im Wesentlichen wegen der Irrationalitäten von heute!
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