Münchner NS-Dokumentationszentrum Weißer Würfel für die braune Vergangenheit

Adolf Hitler ernannte München zur "Hauptstadt der Bewegung", jahrelang fiel es der Stadt schwer, sich ihrer Nazi-Vergangenheit zu stellen. Jetzt feiert sie die Eröffnung ihres NS-Dokumentationszentrums.

DPA

Von , München


Zwei US-Soldaten tragen am 30. April 1945 nach dem Einmarsch in München die Trophäe in ihren Händen: ein Ortsschild, das zuvor bereits von einer Kugel durchschlagen wurde. Seine Aufschrift ist noch klar zu lesen: "München - Hauptstadt der Bewegung".

Das Bilddokument ist zusammen mit weiteren Fotografien, Dokumenten und Filmprojektionen im Münchner NS-Dokumentationszentrum zu sehen, das jetzt eröffnet wird. Am morgigen Donnerstag, 70 Jahre nach der Befreiung der Stadt durch die Alliierten, wird es mit einem Festakt mit internationalen Gästen eingeweiht, ehe es am 1. Mai regulär für Besucher zugänglich ist.

Es wurde an historischer Stätte gebaut, auf dem Grundstück der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP. Der Neubau bricht mit der Architektur der historischen Bauten in der Nachbarschaft, etwa dem früheren "Führerbau", in dem heute die Musikhochschule untergebracht ist. Die Berliner Architekten Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wetzel entwarfen einen Würfel mit 22,50 Meter Kantenlänge aus Weißbeton. Große Lamellenfenster ermöglichen den Ausblick auf die geschichtsträchtige Umgebung.

Es sei "Zeit ins Land gegangen, mehr Zeit als andernorts", sagte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) am Mittwoch bei einer Pressekonferenz im NS-Dokumentationszentrum. Aber jetzt sei die Zeit, dass aus dem Ort, "von dem der Ungeist seinen Ausgang nahm", ein Erinnerungs- und Lernort werde.

Jahrzehntelanges Verdrängen

Tatsächlich dürften viele Münchner aufatmen, dass die Stadt nach Jahrzehnten des Verdrängens, verschämten Wegschauens und anschließender Diskussionen jetzt mit dem NS-Dokumentationszentrum über einen prominenten Ort der Erinnerung und Auseinandersetzung verfügt. Ein offensiver Umgang mit der dunklen Nazi-Vergangenheit galt in Deutschland lange als heikel, München tat sich mit seinem Erbe besonders schwer: So wurde zum Beispiel erst 1996 vor dem Sockel des nördlichen "Ehrentempels" eine Informationstafel aufgestellt, die die Bedeutung des Königsplatzes in der NS-Zeit erläutert.

Nach München kam Hitler aus dem Ersten Weltkrieg zurück, hier begann seine politische Karriere, hier scheiterte er 1923 zunächst mit einem Putsch, hier stieg er mit demagogischen Reden in Wirtshäusern und auf Plätzen zum Volkstribun auf: So warb die NSDAP etwa auf Plakaten für eine Rede Hitlers am 20. April 1923 auf dem Marsfeld. Thema: "Politik u. Rasse". "Juden haben keinen Zutritt" stand auf den Plakaten. Schon rund zwei Jahre zuvor hatte Hitler entschieden, dass der "Sitz der Bewegung München ist und immer bleibt". Nach der Machtübernahme entstand in der Stadt ein Parteiviertel, in dem rund 6000 Menschen für den Unterdrückungsapparat des Regimes arbeiteten.

"Immerwährende moralische Verpflichtung"

Erst 2006 entschied sich die Stadt für den Bau eines NS-Dokumentationszentrums an dem historisch belasteten Ort. Zuvor hatten sich jahrelang Initiativen und engagierte Bürger für eine entsprechende Ausstellung stark gemacht, unter anderem Winfried Nerdinger - der Architekturprofessor ist Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums.

Auch nach der Entscheidung für den Bau gab es zunächst Probleme: Das ursprüngliche Ausstellungskonzept der zunächst beauftragten Historikerin wurde abgelehnt, die Wissenschaftlerin von ihren Aufgaben entbunden. München stelle sich seiner NS-Vergangenheit, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) am Mittwoch. Dies habe man einer "engagierten Stadtgesellschaft" zu verdanken.

Auf vier Etagen ist im NS-Dokumentationszentrum die Dauerausstellung "München und der Nationalsozialismus" zu sehen. Sie reicht vom Aufstieg der Nazis in der Stadt bis hin zum Zusammenbruch des Regimes und den Nachwirkungen in der Gegenwart. So werden auch die Morde der mutmaßlichen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)" thematisiert.

Es bleibe für Deutschland eine "immerwährende moralische Verpflichtung", die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten und ihrer Opfer zu gedenken, erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Der Freistaat Bayern und dessen Landeshauptstadt würden sich "der lange verdrängten Auseinandersetzung" mit der besonderen Rolle Münchens "auf vorbildliche Weise stellen", so die CDU-Politikerin.



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