NSU-Kunstprojekt "UweUwe" "Hipster, die hilflos Nazis spielen"

Ein Kunstprojekt zeigt den Nationalsozialistischen Untergrund beim Trash-Theater in der Vorhölle. Ist das respektlos, oder zeigt es vielleicht, vor welcher Ungewissheit wir im Fall NSU noch immer stehen?

Sebastian Jung

    Dr. Verena Krieger ist Professorin für Kunstgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 1987 bis 1989 Mitglied der grünen Fraktion im Deutschen Bundestag.

SPIEGEL ONLINE: Frau Krieger, der bildende Künstler Sebastian Jung hat ein Theaterstück über den NSU geschrieben. Wie genau verbindet sich die bildende Kunst mit dem Theater?

Krieger: Performative Elemente spielen in der bildenden Kunst schon seit Langem eine wichtige Rolle. Eine neuere Entwicklung ist aber - wie auf den gerade eröffneten Großausstellungen Documenta in Kassel und "Skulptur Projekte" in Münster zu sehen ist -, dass die Künstler ihre Performances nicht in eigener Person durchführen. Sie entwickeln Handlungsanweisungen oder komplexe Choreografien, die sie von anderen Personen ausführen lassen. Sehr häufig geschieht dies im öffentlichen Raum. Dass ein Künstler ein Stück verfasst, das in einem Theater zur Aufführung kommt, ist hingegen ungewöhnlicher. Allerdings handelt es sich bei Sebastian Jungs "UweUwe" nicht um ein Drama. Es ist ein intermediales Kunstwerk, das sich aus mehreren sehr unterschiedlichen Elementen zusammensetzt.

Die echten Uwe und Uwe
DPA/ Ostthüringer Zeitung

Die echten Uwe und Uwe

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Krieger: Da gibt es einerseits das im Theaterhaus Jena aufgeführte Stück, das dem Muster einer Stand-up-Comedy folgt - eine lose Folge von kurzen Dialogen zwischen den beiden Uwes. Dann gibt es Kurzfilme, bei denen Benjamin Schönecker vom Theaterhaus Jena Regie geführt hat und die man sich auf YouTube anschauen kann. Sie zeigen Varianten dieser Dialoge in einer gesichtslosen Plattenbauwohnung aufgenommen, die an Winzerla erinnert, den Jenaer Stadtteil, in dem die beiden Uwes und Beate Zschäpe zu Neonazis sozialisiert wurden. Diese filmischen Szenen sind wiederum gerahmt durch Kommentare einer Sprecherin, die das Verhältnis von Fiktionalität und Dokumentarismus thematisieren. Und schließlich gibt es eine Zeitschrift, die Analysen verschiedener Autoren zu NSU und Rechtsextremismus enthält, vor allem aber Texte von Sebastian Jung selbst, in denen er sich mit seiner Kindheit in Winzerla auseinandersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Besondere an den Texten?

Krieger: Das sind Texte von einer rauen Poesie, die kindliche Emotionen und erwachsene Reflexion verbinden, begleitet von Zeichnungen, die vordergründig kindlich wirken und gerade daraus ihre expressive Kraft beziehen. All diese Elemente - Theaterstück, Kurzfilme, Zeichnungen und Texte - verweisen aufeinander. Sie bilden ein dichtes Netzwerk von Reflexionen darüber, wie der NSU und seine Morde zustande kommen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Kommt dieses Werk denn zu einer Aussage darüber, wie es zu den NSU-Morden kam?

Krieger: Kernthema des Stücks ist, dass die beiden Uwes - Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - gemeinsam in der Vorhölle sitzen, die durch eine Winzerlaer Plattenbauwohnung repräsentiert wird, und auf das Jüngste Gericht warten - in Analogie zu dem laufenden Prozess gegen Beate Zschäpe. Beide sehen sich zum Verwechseln ähnlich und sind mit glänzenden roten Bomberjacken auch identisch gekleidet. Innerhalb dieser grotesken Szenerie entspinnen sich absurde Dialoge über Nebensächlichkeiten wie zum Beispiel latente Konkurrenzen, Eifersucht wegen Beate, Angst vor dem Jüngsten Gericht. Eine Pseudo-Psychologisierung, die nicht wirklich zur Aufhellung des Mordgeschehens beiträgt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Krieger: Das Ganze ist ziemlich trashig gemacht, die Schauspieler treten nicht etwa überzeugend als Neonazis auf, sondern als Hipster, die hilflos versuchen, Nazis zu spielen. Die Dialoge sind wiederum in sich mehrdeutig. Rassistische Äußerungen werden konterkariert durch deren Infragestellung, es findet also ein ständiger Wechsel zwischen den Ebenen statt. Die Zuschauer können nie genau wissen, womit sie es gerade zu tun haben, müssen sich immer wieder neu zu dem Geschehen positionieren. Die Erwartung, die der Titel des Stücks weckt - einen intimen Einblick in die Motive und das Geschehen zu bekommen -, wird also gezielt enttäuscht. Stattdessen findet man sich in der Rolle des Voyeurs, dem das Objekt seiner Begierde systematisch entzogen wird. Das Stück bietet scheinbare Erklärungen und nimmt sie gleich wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieser ironische Ansatz nicht respektlos gegenüber den Opfern und ihren Familien?

Es ist Sebastian Jung sehr ernst mit dem Thema. Dass es sich nicht etwa um Comedy handelt, sondern dieses Genre nur als äußere Form verwendet wird, verdeutlicht der immer wiederkehrende Kommentar im Film: "Alles ist Fiktion, und alles ist bitterer Ernst." Dieses kontinuierliche Spiel mit der Wirklichkeit und ihrer Infragestellung leistet Aufklärung auf einer anderen Ebene: Es reflektiert die allgemeine Ungewissheit, vor der wir alle kurz vor Abschluss des Zschäpe-Prozesses stehen, dass nämlich die Rolle des Staates, des Verfassungsschutzes, der Polizei in dieser katastrophalen Geschichte letztlich unklar bleibt. Nachdem wir uns recht bequem eingerichtet haben in diversen Erklärungsansätzen psychologischer, sozialer oder politischer Art, stört uns Sebastian Jungs Arbeit auf und thematisiert die Dimensionen unseres Nichtwissens.

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NSU-Kunstprojekt "UweUwe": Warten auf das Jüngste NSU-Gericht

Uwe und Uwe sitzen in der Vorhölle fest und warten auf das Jüngste NSU-Gericht. Es kommt zu Streit. Uwe demütigt Uwe. Uwe macht sich über Uwe lustig.

Alles zu sehen ab dem 8. Mai in der Webserie auf UweUwe.de und in der szenischen Lesung am 10. und 11. Mai im Theaterhaus Jena. Karten sind online erhältlich.

Zum Projekt erscheint ein Magazin, das in einer Auflage von 2000 Stück kostenlos verteilt wird und zudem hier zum Download bereitsteht.

Das intermediale Kunstprojekt von Sebastian Jung ist eine Kooperation des Theaterhauses Jena mit dem Kunsthof Jena e. V. in Kooperation mit SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
anna.kronismus 14.06.2017
1. Ein typisches Ballungszentrum-Interlektuellen Elaborat.
Jede/r schon grundlegend Antinazi Eingestellte/r kann diese Performance nur als Quatsch betrachten. Klamauk um der Betätigung willen. Großstadtinterlektuelle mögen ja Hintergründiges entdecken , Kunstmodernisten es als zeitgemäßen Ausdruck betrachten : ich finds schrottig. Eine/n Normalbürger/in mit latent rechtskonservativer Grundeinstellung wirds eher abschrecken oder erbosen mit der unterschwelligen Aggression : " die linken Kanaken bedampfen uns wieder mit Scheiße". So bleibts nur ein Selbstfuck für Gleichgesinnte . Bravo !
susuki 14.06.2017
2.
Ich fands ziemlich gut. Kunst ist es allemal.
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