NSU-Prozess auf der Bühne Kunstkackepralles Wuchern

Ist das etwa Hirn, das da aus Zschäpes Bauch gepresst wird? Regisseur Ersan Mondtag inszeniert an den Kammerspielen den NSU-Komplex - und der Zuschauer fühlt sich erschlagen von Geisterbahn-Kitsch.
Tina Keserovic

Tina Keserovic

Foto: Armin Smailovic

Eine Assoziation, so erklärt es uns das Lexikon, ist eine "unwillkürliche gedankliche Verknüpfung". Viele Assoziationen, so lehren uns Ersan Mondtag und Olga Bach bis zum Fürchten mit ihrer Produktion "Das Erbe" an den Münchner Kammerspielen, müssen nicht zwangsläufig zur Hinterfragung, Erklärung, Erhellung eines komplizierten Sachverhalts taugen. Ganz im Gegenteil: Sie können jeden Denkansatz unter sich begraben und ein Projekt in aufgemotzter Beliebigkeit scheitern lassen.

Unwillkürlich ist da in München vieles. Gedanklich verknüpft so gut wie gar nichts. Schließlich ist nicht jeder ein Walter Benjamin, der es schaffte, aus den entlegensten Geistessplittern und naheliegendsten Alltäglichkeiten ein Mosaik einer ganzen Epoche zusammenzufügen. Da hilft es auch nicht, dem Abend ein kluges Zitat des Denkers voranzustellen, das dann schon fast wie eine Entschuldigung klingt: "Vergangenheit historisch zu artikulieren, heißt nicht, es erkennen, 'wie es denn eigentlich gewesen ist'."

Wenn man am Ende nur noch wüsste, worum es da von Anfang an eigentlich gehen sollte! Also der Reihe nach hinein ins wüste Chaos des Disparaten, ins Gewimmel der Zitatenwut, in ein Theaterstück mithin, das angestrengt keines sein will und doch hemmungslos und bis tief in die visuelle Verquasung seines Themas mit theatralen Mitteln kunstkackeprall wuchert und verstört.

Die Frage nach der Mitschuld der Gesellschaft steht im Raum

Ausgehend von den NSU-Morden und dem seit vielen Monaten stockend ablaufenden Endlos-Prozess wollen Mondtag, Bach und Mitautor Florian Seufert mit "Artefakten kulturellen Erbes", wie sie das nennen, was sie sich aus Historie und Literatur zusammengeklaubt haben, angeblich die perfiden Versuche entblößen, mit denen Vergangenheiten, vornehmlich quälende, bei uns bewältigt werden. Die Frage nach der Mitschuld der Gesellschaft steht da im Raum und vor allem die Anklage eines demokratischen Systems, das sich sauber aus der Verantwortung zieht und sich seine Stellvertreter für den Akt des Büßens selber sucht.

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NSU auf der Bühne: Banale Illustrationen des Bösen

Foto: Armin Smailovic

In Beate Zschäpe, der Ikone des schweigenden Trotzes, hat man so ein Alibi gefunden. Sie spielt die Rolle des Bösen in uns, die ihr zugewiesen wurde, perfekt und befreiend für jeden, dem seine weiße Weste heilig ist. Bevor sie jedoch in "Das Erbe" auftaucht, gespielt von der Schauspielerin Tina Keserovic (die leider der echten Zschäpe sehr ähnlich sieht), muss kräftig Text gemacht werden. Sechs Figuren lässt Mondtag aufmarschieren in einem projizierten Schwarz-Weiß-Raum, der so etwas wie die gute Stube, ja: das Versteck des Bildungsbürgers vor der Wirklichkeit darstellen soll.

In Wechselrahmen sind die Schauspieler in lautlos kommentierenden Videoaufnahmen mit dem zu sehen, was sie im wahren Spiel auf der Bühne vermeiden müssen: mit Emotionen. Denn der Sechserpack kommt einheitlich gekleidet und knallig geschminkt, zudem irgendwie geschlechtslos wie eine plappernde Horde der Jungfräulichkeit entwachsener Rotkäppchen daher (Die garstige Wölfin lauert schon!) und agiert vornehmlich mit neutral steifem Ausdruck. Pantomimisch sind die Bewegungen zu dem, was da zu sagen ist, vertanzt werden Sätze, veralbert wird Schreckliches: Das alles geschieht - wie von Ersan Mondtag gewohnt - in extrem verkünstelter Weise, dass es seine verkleisternde Art hat. Banale Illustrationen des Bösen.

Die brütet Unheilvolles aus!

Kühn und kaum erhellend steht hier textlich Sophokles neben Kafka, findet sich Rudolf Heß in der Mini-Playback-Show, ein Massenmörder aus alten Zeiten trifft auf Spongebob Schwammkopf, ein Verfassungsrichter auf Dr. Oetker. Man kann mit bestem Willen keine Notwendigkeit der zusammengewürfelten Passagen aus Gedichten, Sitzungsprotokollen, Geistesgut und tieferem Blödsinn erkennen.

Man kapiert nicht, warum Merkels Bemerkung, die NSU-Morde seien "eine Schande" für das Land, im Kunstlied verballhornt wird, oder was das Bekenntnis eines toleranten Ehepaars zu Sklaven-Sex mit dem Leiden einer türkischen Frau zu tun haben soll, deren Ehemann oder Sohn von durchgeknallten Rechtsradikalen erschossen wurde. Ist es wirklich komisch, auszuwalzen, dass Uwe Mundlos gerne Pudding aß, und wie weit bringt uns die Erkenntnis, dass alle Menschen (die Braven und die Unartigen!) bis auf wenige Prozent gemeinsames Erbgut haben, wenn diese erschreckende Tatsache von einer sich zum Affen machenden Meute verbreitet wird?

Und dann also Zschäpe. Im Ganzkörper-Nacktkostüm erscheint sie und ist auch noch schwanger. Aha: Die brütet Unheilvolles aus! Geht es noch plumper? Ja, ein bisschen: Das stumme personifizierte schlechte Gewissen greint und grölt, führt sich auf wie ein bockiges Baby, wuselt herum, terrorisiert seine Umgebung wie ein Amokläufer im Kindergarten. Streicht sich wie abgeschaut die langen Haare von der Stirn und rückt die Brille zurecht. Zschäpe, der Störfaktor in unserem Gewissen, der Supergau unserer Verantwortungslosigkeit, rückt der Gesellschaft auf die Pelle und lässt sie nur unruhig den ungerechten Schlaf träumen. Unter ohrenbetäubend herausgeschrienen Schmerzen und zum schwellenden Weltuntergangssound wird sie am Ende gebären - ist das Hirn, das da blutig aus ihrem Bauch gepresst wird? Krankes doch wohl nur!

Die Aufführung hat zu diesem Zeitpunkt aber längst das Stadium des Geisterbahn-Kitsches überschritten und jongliert mit der Provokation, die wie eine klapprige Behauptung daherkommt. Inhaltlich ist sie leer, und mit Neonfarben gibt sie sich einen höchst ärgerlichen zirzensischen Anstrich, der die ernste Absicht, sollte sie jemals bestanden haben, lächerlich ad absurdum führt.

Nächste Vorstellungen von "Das Erbe" gibt es am 24. und 27. Juni sowie am 2. und 4. Juli in den Münchner Kammerspielen 

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