Ferda Ataman

NSU-Trauma Nichts ist wieder gut

Der Prozess ist vorbei - aber das Leben geht nicht einfach weiter: Ich kann mich nicht mit dem NSU-Komplex beschäftigen ohne Kloß im Hals. Denn Türken und alle, die so aussehen, wissen: Der Staat schützt sie im Zweifel nicht.
Proteste nach dem Urteil

Proteste nach dem Urteil

Foto: Boris Roessler/ dpa

Stellen Sie sich vor, Sie leben in der Schweiz und Terroristen bringen Menschen um - acht Deutsche und einen Österreicher, den sie für einen Deutschen halten. Und begehen Bombenanschläge auf deutsche Geschäfte. Einfach nur, weil sie Deutsche hassen. Und dann steht eine Überlebende aus der Terrortruppe vor Gericht und tut nichts, um zur Aufklärung beizutragen. Erklärt stattdessen, sie habe nur Sekt getrunken und ihre Katze gestreichelt.

Aber zurück nach Deutschland, in die Wirklichkeit: Am Mittwoch wurde das Urteil im NSU-Prozess gesprochen. Deckel drauf, das Leben geht weiter. Nur, wie soll das gehen? Der Mammut-Prozess hat gezeigt, dass es wohl ein ganzes Terrornetzwerk gibt. Die Untersuchungsausschüsse  haben gezeigt, dass der deutsche Rechtsstaat seine Bürger nicht ausreichend vor braunem Treiben schützt. Dass der Verfassungsschutz bei Bedarf Akten schreddert und Aussagen verhindert. Dass er seine Neonazi-Agenten vor der Polizei warnt .

Das NSU-Kapitel markiert nicht nur den Tiefpunkt in der Geschichte der Einwanderungsrepublik. Es stellt alles infrage, wofür wir stehen. Die ganze Sache ist einfach zu viel. Zu groß. Ich kann mich nicht mit dem "NSU" beschäftigen ohne einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Es ist mehr Wut als Angst. Also habe ich mich die letzten Jahre immer irgendwie davor gedrückt.

Ich glaube, vielen Menschen geht es so. Vielleicht deswegen haben die wenigen Talkshows, die Spielfilme und die akribischen Dokumentationen keine guten Einschaltquoten gebracht, wurden die Bücher zum Ladenhüter. Entweder deswegen - oder, weil es den meisten irgendwie wurscht ist.

Auch die Zivilgesellschaft hat versagt

So oder so müssen wir uns eingestehen: Nicht nur der Staat, auch die Zivilgesellschaft hat versagt. Die große Solidaritätswelle, die einzig logische Reaktion einer halbwegs empathischen Gesellschaft, ist ausgeblieben. Die meisten Menschen haben sich fürs exzessive Verdrängen entschieden. So wie ich.

Vor fünf Jahren, kurz bevor der NSU-Prozess in München begann, habe ich in Berlin eine Veranstaltung (Pdf)  moderiert. In einem Nachbarschaftshaus erzählte die Witwe Elif Kubasik, wie es ihr erging, damals 2006, als ihr Mann ermordet wurde und die Ermittler ihre Familie so lange verhörten, bis die Nachbarn dachten, sie müssten wirklich Dreck am Stecken haben. Es war haarsträubend. Alle Anwesenden weinten.

Am Ende des Abends stand fest: Das Vertrauen in diesen Staat ist dahin. Futsch. Kaputt. Dabei war es immer groß. Wer aus der Türkei kommt, weiß einen Staat zu schätzen, der nicht in üble Machenschaften verstrickt ist. Oder: wusste ihn zu schätzen, bis zum Terror-Kapitel des NSU.

Auf dem Panel war auch eine Psychotherapeutin, die erzählte, dass Menschen in ihre Praxis kommen, die deswegen traumatisiert seien. Das klang für mich absurd. Inzwischen verstehe ich das.

Kurden, Griechen, Türken, alles Alis!

Ich glaube, wir "Türken" haben ein kollektives Trauma durch den NSU-Komplex . Ich setze Türken in Anführungszeichen, weil die Mehrheit der Opfer Kurden waren. Aber die Sicht der Täter hat sich konsequent durchgesetzt. Kurden, Griechen, Türken, alles Alis! So haben die Terror-Uwes ihre Opfer nummeriert: Ali eins, Ali zwei, ... Ali neun. Und für die Medien: Alles Döner-Verkäufer. Zum aus der Haut fahren.

Es hätte auch meinen Vater treffen können, der eine Nähmaschinen-Reparaturwerkstatt in Stuttgart hatte und dort meistens allein saß. Stand sein Name auch auf der Adressliste mit den 10.000 Einträgen , die bei den Terroristen gefunden wurde?

Im Internet steht, ein Trauma sei "ein zutiefst erschütterndes Ereignis" , das durch "eine außergewöhnliche Bedrohung für das Leben" ausgelöst werden kann.

Zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge, 15 Raubüberfälle, eine Brandstiftung - meistens dreht sich alles um die Verbrechen des "NSU-Trios". Das Traumatisierende aber ist, worum es den Rechtsterroristen ging . Das Motiv. Nämlich ethnische Säuberung. Alis sollten sterben. Und zwar die, die noch jung genug sind, um Kinder zu zeugen. Die Botschaft: Wir nehmen die Endlösung selbst in die Hand. Taten statt Worte.

Genug verdrängt

Und bei diesen Taten sollten keine Italiener umgebracht werden, keine Spanier oder Bulgaren. Es traf vermeintliche "Türken" und einen Griechen, der für einen "Ali" gehalten wurde. Rassisten hassen eben bestimmte Migranten mehr als andere. Heute sind vor allem kulturfremde Muslime im Trend.

Aber weder das braune Netzwerk, das offenbar noch existiert, noch das Trauma werden sich von selbst erledigen. Und wer jetzt denkt, hm ja, blöd, aber das sind die Probleme von Migranten, der irrt. Sie betreffen die gesamte Gesellschaft und gefährden unsere Demokratie. Um das zu kitten, brauchen wir - jetzt - vertrauensbildende Maßnahmen.

Der Jenaer Pfarrer Lothar König zitiert bei Domradio.de  aus gegebenem Anlass Jesus, vermutlich frei: "Ich will nicht andere verurteilen, ich mache selber genug Mist." Wäre das nicht auch ein schöner neuer Leitsatz für unseren Rechtsstaat?

Und wenn wir gerade beim Wunschkonzert sind: Prima wäre noch die von Merkel versprochene Aufklärung  über die Helfershelfer und Hintermänner. Und sie wollte auch sonst alles Nötige tun, "damit sich so etwas nie wiederholen kann". Ja. Bitte. Auf geht's. Wir haben jetzt genug verdrängt.

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