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20. Juli 2008, 16:28 Uhr

Obamas Berlin-Reise

Sieg der Säule

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Ausgerechnet die Siegessäule: Barack Obama hat sich für seine geplante Berlin-Rede einen Ort ausgesucht, der kaum geschichtsträchtiger sein könnte. Kritiker werfen ihm jetzt vor, er unterschätze die Nazi-Symbolik des Bauwerks. Dabei steht die Säule heute viel eher für Spaß als für Größenwahn.

Die gute Nachricht zuerst: Ab Mitte nächsten Jahres soll die Siegessäule endlich saniert werden. Das Denkmal auf dem Großen Stern mitten im Berliner Tiergarten ist nämlich baufällig, der Putz bröckelt vom graffitibeschmierten Sockel, das Blattgold blättert von der Siegesgöttin, die ruhmreichen Zeiten sind vorbei. "Es gibt Hoffnung für Victoria" seufzte die "Berliner Zeitung" im Mai, allerdings muss der klamme Berliner Senat 3,5 Millionen Euro aufbringen, um die Touristenattraktion wieder ansehnlich zu gestalten; die Hauptstädter können sich schon mal auf eine längerfristig mit Bauplanen und Werbebannern verhüllte Säule einstellen.

Doch vorher will nun Barack Obama eine Rede vor der Siegessäule halten, am Brandenburger Tor darf er ja nicht, das hat die Bundeskanzlerin nicht gewünscht. Das geschichtsträchtige Tor dürfe nicht zum Schauplatz für einen ausländischen Wahlkampfauftritt werden, lautet die offizielle Begründung, doch unausgesprochen ist klar, dass man dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber nicht schon jetzt mit seinem berühmten Vorredner Kennedy ("Ick bin ein Berliner!") auf einen Sockel stellen möchte. Also kein Brandenburger Tor für den Amerikaner, stattdessen will er - das teilte sein Wahlkampfteam am Sonntag mit - am kommenden Donnerstag an der östlichen Seite der Siegessäule reden (also in Sichtweite des Tors), an einer Stätte, die mit ihrer asphaltgrauen Kreisverkehr-Umrundung vielleicht nicht ganz so glamourös ist, es aber historisch gesehen nicht minder in sich hat.

Schon regen sich erste Proteste gegen Obamas Ausweichort. Politiker von CDU und FDP monierten, dass die Säule einst von den Nationalsozialisten an ihren aktuellen Ort gestellt worden sei und an vergangene Siege über heutige Bündnispartner (Frankreich, Dänemark) erinnere. Für Hitler sei die Siegessäule "das Symbol deutscher Überlegenheit und siegreicher Kriege" gewesen, sagte der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle der "Bild am Sonntag", es stelle sich die Frage, ob das die richtige Symbolik für eine Rede über internationale Zusammenarbeit sei, so der Politiker.

Gespaltenes Verhältnis der Hauptstadt zur Säule

Tatsächlich war Hitler und seinem Architekten Albert Speer die Säule eher im Weg. Das 1873 nach Plänen Heinrich Stracks fertiggestellte Denkmal erinnert an die Siege Preußens gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) und stand ursprünglich auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, in der Nähe des Reichstages. Der wurde jedoch erst knappe 20 Jahre später erbaut und harmonierte optisch eher schlecht mit der Siegessäule, so dass es Speer nicht schwer fiel, das preußische Bauwerk an einen für ihn passenderen Ort zu verlegen: den großen Stern an der Verlängerung der heutigen Straße des 17. Juni, wo das Bauwerk die größenwahnsinnige Architektur der geplanten Nazi-Metropole Germania nicht weiter stören, sondern unterstützen würde. Hitler, bekanntermaßen maßlos, ließ die ursprünglich aus drei Rundelementen bestehende Säule noch um ein viertes, 7,5 Meter langes Stück verlängern, so dass sie ihre aktuelle Höhe von 66,89 Metern erreichte.

Nach dem Krieg wollten die Franzosen das für sie so schmachvolle, vom Bombenhagel erstaunlich unversehrte Preußen-Denkmal abreißen lassen, scheiterten jedoch am Veto und Desinteresse der anderen Alliierten. Engländer und Amerikaner machten geltend, dass die Säule vor dem 1. August 1914 errichtet worden sei; der Stichtag für den Beginn des Ersten Weltkriegs galt damals als entscheidend für die Sprengung von Kriegsdenkmälern. Den Russen war das Schicksal der Siegessäule egal, schließlich stand sie nicht im Ost-Sektor.

Sogar der Magistrat von Berlin soll sich damals für den Abriss der Siegessäule ausgesprochen haben, was vielleicht den Grundstein für das gespaltene Verhältnis der Hauptstadt zur Säule legte. Die vergoldete Bronzeskulptur der Kriegsgöttin Victoria wird im Berliner Volksmund verächtlich "Goldelse" genannt, das zeugt nicht gerade von Hochachtung, zudem dürfte es nicht nur an den fehlenden Finanzen liegen, dass die Stadt sich mehr als zwei Jahre Zeit ließ, bis sie die überfällige Restaurierung genehmigte.

Liebesbotschaft von den Plattentellern

Signifikanz erhält das Denkmal heute allenfalls durch seine touristische Bedeutung; Bis zu 150.000 Besucher strömen alljährlich zum Großen Stern, um zur 50 Meter hohen Aussichtsplattform zu gelangen. Der Blick über den Tiergarten auf die Spree-Metropole gilt als einer der besten Blicke auf Berlin.

Politisch spielt die Siegessäule längst keine Rolle mehr, und fast hätte es mit dem Abriss doch noch geklappt, als die antiimperialistischen "Revolutionären Zellen" 1991 in ihrer Spätphase einen Sprengsatz an der Plattform anbrachten, der jedoch fehlerhaft detonierte und kaum Schaden anrichtete. Seitdem hat sich die Subkultur der Siegessäule bemächtigt, das Denkmal gilt nicht zuletzt wegen seiner phallischen Form als symbolischer Ort der schwullesbischen Bewegung Berlins und gab auch einer bekannten Szene-Zeitschrift seinen Namen. Zum Treffpunkt der homosexuellen Party-Gemeinde wird der Große Stern samt Säule alljährlich bei der Parade zum Christopher Street Day.

Als Popkulturstätte entdeckt wurde der Verkehrsknotenpunkt einst von den damals noch als Demonstranten firmierenden Loveparade-Machern um den Techno-DJ Dr. Motte, der bis Mitte der Neunziger so manche Friedens- und Liebesbotschaft von seinem mit Plattenspielern ausgestatteten Rednerpult herunterschmetterte, während um die Siegessäule herum bis zu 1,5 Millionen Menschen einen hedonistischen Rave veranstalteten.

Wer sich kritisch zur Historie dieses Platzes äußert, sollte also nicht nur auf die unheilvolle NS-Zeit schauen, sondern auch sehen, zu welcher aktuellen, gänzlich friedvollen Bedeutung es die alte Säule im modernen urbanen Zusammenhang gebracht hat. Wer die Massenkundgebungen der Nazis beschwört, muss auch die Massenekstase der Raver berücksichtigen, wobei die Karriere des Denkmals vom erigierten Siegsymbol der strengen Preußen zum ironischen Riesendildo der ultraliberalen Spaßgesellschaft nicht einer gewissen Komik entbehrt. Vielleicht sollte sich Obama bei seiner Suche nach einem symbolträchtigen Berliner Ort eher an der homosexuellen Konnotation stoßen als an der historischen Komponente.

Die einzige Bedrohung, die von der Siegessäule heute noch ausgeht, ist wahrscheinlich die marode Substanz. Hoffentlich fällt Barack Obama, dem neuen Hoffnungsträger der amerikanischen Politik, am Donnerstag kein bröckelnder Siegessäulenputz auf den Kopf. Das wäre dann in der Tat ein sehr symbolischer Auftritt. Und ein Fest für den spröden Berliner Humor.

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