"Occupy"-Proteste in Deutschland Für eine Revolution ist es zu frisch

Jede und jeder darf mal ans Mikro: Die Demonstranten, die nach dem Vorbild der "Occupy Wall Street"-Bewegung vor deutschen Banken ausharren, sind eine bunte Truppe. Noch sind es wenige, aber allmählich manifestiert sich ein neuer Typus von Empör-Bürgern. Nur das Wetter könnte zum Problem werden.

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"Ich bin hergekommen, weil ich finde, dass es so nicht weitergehen kann", sagt Maria, während sie ihr Ein-Frau-Zelt auf dem Kopfsteinpflaster vor der HSH-Nordbank, mitten in der Hamburger Innenstadt, enthüllt. Ihre Arbeit könne sie auch von hier aus erledigen, sie mache "so einen Online-Job" und ein W-Lan-Netz werde sich schon finden.

Früher habe sie bei einer großen Unternehmensberatung gearbeitet, sagt Maria. Sie ist Betriebswirtschaftlerin und hat auch mal Anlageberatung für eine Bank gemacht. Wenn die Bank irgendwelche Beteiligungen loswerden wollte, habe sie die ihren Kunden empfohlen. "Ich weiß, was die da machen", betont sie. Vor zwei Wochen ist sie zum ersten Mal zu einem "Occupy"-Treffen gekommen - ihr erstes politisches Engagement seit 15 Jahren. Wogegen sie damals demonstriert hat, erinnert sie nicht mehr so richtig. Wie lange sie bleiben will? "Mal sehen, wie lange ich es aushalte." Sie sieht ziemlich entschlossen aus.

"Gier statt Liebe" steht auf dem Transparent vor dem Mini-Camp an der HSH-Filiale. Eine kleine Gruppe aus der Menge der 2000 Demonstranten, die am Samstagnachmittag auf dem Rathausmarkt aufmarschiert waren, hatte beschlossen, vor der Landesbank, deren Zockerei dem Hamburger Haushalt ein 500-Millionen-Loch beschert hat, ihr "Occupy Hamburg"-Camp aufzuschlagen. Bis zum 10. November wollen sie bleiben, dann beginnt hier der Weihnachtsmarkt, dann müssen die Besetzer den Platz räumen. Maria, die Ex-Bankerin, kam mit einem Rollköfferchen an und fragte, ob sie mitmachen darf. Klar, sie durfte.

Der Zuccotti-Park an der Hamburger Mönckebergstraße oder am Frankfurter Römer? Die Madrider Puerta del Sol vor den Reichstag verpflanzt? Die Open-Air-Räterepublik auf den Straßen Athens oder auf dem Tahrir-Platz, die Zeltstädte von Tel Aviv - all das jetzt auch auf deutschen Straßen und Plätzen? "Occupy" Deutschland?

Wohl eher nicht. Den "Occupy"-Protestaufrufen in Deutschland sind nur ein paar Tausende gefolgt, was voraussehbar war. Dass die Revolution vorerst ausgeblieben ist, liegt jedoch nicht daran, dass die Deutschen von Natur aus keine Wutbürger, sondern Protestmuffel sind. Es liegt eher daran, dass die Krise die Einwohner dieser Republik noch nicht in dem Maße bedrängt wie die US-Bürger, die Spanier oder die Griechen. So einfach ist das.

Man kann es auch mit einer der Sache angemessenen Komplexität ausdrücken. Dann klingt es zum Beispiel so, wie in einem der schlaueren Manifeste zum abgelaufenen Protesttag am 15. Oktober: "Wir leben in dem Teil des Imperiums, in dem jede und jeder immer auch ProfiteurIn der globalen Desintegration ist, selbst wenn wir selbst auch Opfer der kapitalistischen Dynamik wurden." Will heißen: Die griechischen Rentner und Lohnempfänger müssen jetzt mal gehörig verarmen, damit bei uns in Euro-Deutschland und -Frankreich alles beim Alten bleiben kann. Jedenfalls im Prinzip - mal von den Schlaglöchern abgesehen, die nicht mehr oder nur noch manchmal geflickt werden.

Schneise der sozialen Verwüstung

"Wir sind die 99 Prozent" hatten auch die deutschen Demonstranten auf ihre Schilder geschrieben. Ein kurzer Ausflug auf das Blog der US-Bewegung reicht, um zu verstehen, dass dieser Slogan in den USA eine andere Bedeutung hat, als in unseren Breitengraden: Eine schier endlose Abfolge von überschuldeten, unversicherten und unterbezahlten Normalbürgern präsentiert sich hier - viele davon unter 30 - und versichert auf den Pappkartons und Schmierzetteln, die sie in die Kameras halten, dass sie doch eigentlich immer alles für ihre Karriere gemacht haben. Die Schneise der sozialen Verwüstung, die 30 Jahre Neoliberalismus und drei Jahre Krise geschlagen haben, ist in den USA unvergleichlich tiefer als in Deutschland.

Zur Hochphase der Hartz-IV-Proteste 2004 demonstrierte eine Viertelmillion Menschen - damals ging es darum, den bevorstehenden Sozialabbau zu verhindern. Was es derzeit zu verhindern oder zu erkämpfen gilt, ist den deutschen "Occupy"-Demonstranten weit weniger klar.

Kaum politische Kampfgeschichte

Das Interessante an der noch schwachen, aber eben doch stattfindenden "Occupy"-Bewegung in Deutschland: Sie mobilisiert und politisiert eine neue Sorte von Protestlern. Während die üblichen Verdächtigen aus der undogmatischen, radikalen Linken und Antiglobalisierungs-Bewegung hierzulande eher zögerlich reagieren, kommen Leute wie Maria, die kaum politische Kampfgeschichte mitbringen. Sie wirken, als seien sie erst durch die "Occupy Wall Street"-Bewegung auf die Idee gekommen, dass ein Facebook-Flashmob ein Ausdrucksmittel politischer Unzufriedenheit sein könnte.

Das Spektrum reicht vom braven "Gier zerstört Kapitalismus"-Transparent bis zu grundsätzlicher Systemkritik. Das Prinzip ist das des Open Mic: Jede und jeder darf ans Mikro, Profi-Agitatoren und Parteifunktionäre dagegen müssen draußen bleiben. "Das letzte, was die Empörten auf den Plätzen der großen und kleinen Städte dieser Welt brauchen, sind Flugblätter, die ihnen den Kapitalismus, den Fetischcharakter der Ware oder die Notwendigkeit erklären, sich der Arbeiterklasse anzuschließen", resümiert das Manifest der "Interventionistischen Linken" selbstkritisch.

Ob nun der Kapitalismus en gros das Problem ist, oder ob bloß die Maßlosigkeit der Banker-Kaste gedeckelt gehört, darüber ist man sich auch in der deutschen "Occupy"-Bewegung herzlich uneinig. Dass sich auch zweifelhafte Figuren und Denkmodelle einfinden, bleibt nicht aus. Beim ersten Camp-Versuch der "Echte Demokratie Jetzt"-Gruppe, die im August nach spanischem Vorbild den Berliner Alexanderplatz besetzen wollte, tummelten sich auch allerlei Verschwörungstheoretiker. Und dass Wolfram Siener auch der obskuren Internetsendung "Infokrieg.tv" ein Interview gab, ist kein Fehltritt: Man wolle ganz bewusst niemanden ausschließen und Grenzen ziehen, erklärte der 20 Jahre alte Sprecher der "Occupy Frankfurt"-Bewegung in der Sendung.

Die nassforsche Ihr-da-oben-wir-hier-unten-Logik von Leuten wie Siener ist schwer zu ertragen. Das Experiment auf der Straße dagegen ist auch in Deutschland ein neues, interessantes Phänomen. Auch wenn es nur ein paar Dutzend Zelte sind, aus denen die Empör-Bürger den Aufstand proben: Es ist eben der Versuch, eine andere, bessere Welt für ein paar fröstelige Tage auf dem Asphalt deutscher Fußgängerzonen greifbar werden zu lassen. Auf der Puerta del Sol in Madrid bildete sich im Sommer eine utopische Miniaturgesellschaft, mit Friseursalons, Bibliotheken und Gemüsegärten in den Blumenkübeln. Dafür dürfte es im nasskalten deutschen Oktober zu spät sein. Auf eine Weisheit aber können sich die "Occupy"-Camper auch hierzulande mit der Mehrheitsgesellschaft einigen - sie stand auf einem der Transparente in Hamburg: "Das Leben ist kein Bonihof".

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
farview 19.10.2011
1. Lachhaft
Solange diese "bunte Truppe" nicht begreift, dass ihre Demo vor den Bundestag gehört, denn unsere Politiker hebeln uns gerade in den Billionen-Bereich was Haftung für Bankrotteure angeht, solange kann ich diese Demois in keinster Weise Ernst nehmen, geschweige denn mich damit solidarisieren. Dass die Banken aus ihren Risiken vom Steuerzahler "rausgekauft" werden ist übrigens auch nicht ihre Schuld sondern die der Politiker. Ackermann, der einzig und allein seinen Aktionären verpflichtet ist, macht nur seinen Job, unsere Politiker, die dem gesamten Volk verpflichtet WÄREN, hingegen nicht.
Bregorius 19.10.2011
2. Frühling, Sommer, Herbst und Winter
Zitat von sysopJede und jeder darf mal ans Mikro: Die Demonstranten, die nach dem Vorbild der "Occupy Wall Street"-Bewegung vor deutschen Banken ausharren, sind eine bunte Truppe. Noch sind es wenige, aber*allmählich manifestiert sich*ein neuer Typus von Empör-Bürgern. Nur das Wetter könnte zum Problem werden. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,792557,00.html
Hätte es statt den arabischen Frühling den arabischen Winter gegeben, wäre das ganze vieleicht anders gelaufen. Auch wenn der Ausdruck ja eine doppelte Bedeutung haben soll. Der "deutsche Herbst" hingegen wird wohl vom deutschen Winter vertrieben werden. Schade.
Arion's Voice, 19.10.2011
3. Wer macht denn Politik?
Zitat von farviewSolange diese "bunte Truppe" nicht begreift, dass ihre Demo vor den Bundestag gehört, denn unsere Politiker hebeln uns gerade in den Billionen-Bereich was Haftung für Bankrotteure angeht, solange kann ich diese Demois in keinster Weise Ernst nehmen, geschweige denn mich damit solidarisieren. Dass die Banken aus ihren Risiken vom Steuerzahler "rausgekauft" werden ist übrigens auch nicht ihre Schuld sondern die der Politiker. Ackermann, der einzig und allein seinen Aktionären verpflichtet ist, macht nur seinen Job, unsere Politiker, die dem gesamten Volk verpflichtet WÄREN, hingegen nicht.
Lachhaft ist nur dass Sie nicht begreifen, dass Ackermann und Co. sich in die Politik einmischen, also Politik machen.
inkorekt, 19.10.2011
4. ".. sondern die politiker"
Zitat von farviewSolange diese "bunte Truppe" nicht begreift, dass ihre Demo vor den Bundestag gehört, denn unsere Politiker hebeln uns gerade in den Billionen-Bereich was Haftung für Bankrotteure angeht, solange kann ich diese Demois in keinster Weise Ernst nehmen, geschweige denn mich damit solidarisieren. Dass die Banken aus ihren Risiken vom Steuerzahler "rausgekauft" werden ist übrigens auch nicht ihre Schuld sondern die der Politiker. Ackermann, der einzig und allein seinen Aktionären verpflichtet ist, macht nur seinen Job, unsere Politiker, die dem gesamten Volk verpflichtet WÄREN, hingegen nicht.
alle versuche, ökonomische großkrisen einem bestimmten, einzelnen 'schuldigen' zuzurechnen, sind lachhaft. auch Ihrer.
Strichnid 19.10.2011
5. ...
Es ist doch völlig egal, ob die Teilnehmer sich bei den Lösungen für die Krise uneinig sind. Ob sie nur reformieren oder doch revolutionieren wollen: In beiden Fällen ist gehöriger Druck von der Straße nötig um etwas zu bewegen. Von allein werden die Politiker niemals die Finanzindustrie kleinregulieren, das sollte inzwischen jeder begriffen haben. Und solange die Umsätze der Finanzindustrie nicht auf ca. ein Zehntel schrumpfen, haben wir das Problem immer noch um die Ohren. Es kann auf vernünftige Weise geschehen, oder auf chaotische. Aber es muss passieren, da führt kein Weg dran vorbei.
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