Occupy-Streit unter Comic-Titanen Alan Moore greift Frank Miller an

Mit seiner Blog-Tirade gegen die Occupy-Bewegung brachte Comic-Ikone Frank Miller seine Fans gegen sich auf. Nun kritisiert ein ebenso legendärer Kollege die reaktionären Ausfälle des "Sin City"-Schöpfers: der Brite Alan Moore, aus dessen "V for Vendetta"-Comic das Anonymous-Antlitz stammt.
Anonymous-Motiv aus Moore-Comic "V wie Vendetta":

Anonymous-Motiv aus Moore-Comic "V wie Vendetta":

Foto: Panini Comics

Klappern gehört zum Handwerk. Dass Frank Miller nur einen Monat nachdem seine jüngste Graphic Novel "Holy Terror" erschienen ist einen vielbeachteten Blog-Eintrag veröffentlichte, lässt sich mühelos als PR-Maßnahme für das eigene Buch lesen.

In dem Eintrag beschimpfte Miller die Anhänger der Occupy-Bewegung als "Rüpel, Diebe und Vergewaltiger", die keine Ahnung hätten von der eigentlichen Bedrohung namens al-Qaida und Islamismus, und riet ihnen, sich bei der US-Army einzuschreiben ("Vielleicht kriegt das Militär euch erzogen"). Millers Buch handelt vom Kampf aufrechter Amerikaner gegen superbrutale islamische Terroristen.

Millers Tirade sorgte vor allem innerhalb der US-Comic-Szene für einen Aufruhr. Neben den zu erwartenden Boykott-Aufrufen aller Miller-Werke von diversen Fans gab es auch Empfehlungen wie die, Miller solle gefälligst selbst zur Armee gehen, so wie sein großes Vorbild Will Eisner ("The Spirit") das in den vierziger Jahren getan hatte.

Andere, vor allem Comic-Zeichner, reagierten deutlich kreativer. Der ehemalige "Batman"-Zeichner Ty Templeton illustrierte Millers Worte , indem er ihn mit seinem eigenen Kopf im Hintern zeichnete. Und Marvel-Zeichner Richard Pace lieferte ein in mehrtägiger Feinarbeit gezeichnetes Miller-Pastiche  im "Dark Knight Returns"-Stil, in dem er Frank Miller als wirren, alten Mann darstellt, der vor dem Fernseher hockend auf die Welt schimpft.

Sturz eines ehemaligen Helden

Allen Reaktionen gemeinsam ist eine gewisse Enttäuschung über den Sturz eines ehemaligen Helden. Miller hatte, zusammen mit Alan Moore, in den achtziger Jahren die US-Comic-Szene revolutioniert. Millers "Dark Knight Returns" und Moores "Watchmen", beide 1986 erschienen, stehen sinnbildlich für die Zuwendung der US-Comics zu ernsthafteren Themen und komplexeren Ansätzen.

Was also hat Alan Moore zu den Äußerungen des ehemaligen Wegbegleiters zu sagen? "Das ist, was ich von ihm erwartet habe", fasst er seinen Eindruck in einem Interview des britischen Literatur-Blogs Honest Publishing  zusammen. Er habe bereits "Sin City" sexistisch und "300" schwulenfeindlich und ahistorisch gefunden. Angesichts dessen könne man sagen, "dass Frank Miller und ich in nahezu allen Punkten vollkommen entgegengesetzte Sichtweisen haben", so Moore.

Anders als Miller hat Moore entsprechend nur lobende Worte für die Occupy-Bewegung übrig. "So wie ich es sehe, besteht die Occupy-Bewegung aus ganz normalen Menschen, die Rechte einfordern, die ihnen schon immer zugestanden hätten", erläutert er im selben Interview. Occupy sei ein "absolut gerechtfertigter Ausbruch moralischer Empörung".

Dabei spielt Moore indirekt eine tragende Rolle bei diesem Ausbruch. Die von vielen Occupy-Demonstranten getragenen Masken mit dem Gesicht des britischen Verschwörers Guy Fawkes  basieren auf einem Entwurf, den Moore und Zeichner David Lloyd für ihren später verfilmten Comic "V for Vendetta" gestaltet hatten. In dem Comic bringt ein Anarchist unter der Maske ein faschistisches Großbritannien der nahen Zukunft zu Fall.

Zur Verwendung der Maske durch die Protestbewegung fand Moore in der britischen Sonntagszeitung "The Observer" klare Worte : "Es sieht einfach cool aus." Die Maske stehe "für die Stimme des Volkes", so wie auch das letzte Kapitel seines zugrunde liegenden Comics heiße.

Beide, sowohl Lloyd als auch Moore, beteiligen sich aktuell an einem Projekt, das die Geschichte von Occupy Wall Street in Comic-Form erzählen soll. Zu den weiteren Beteiligten gehören der "The Walking Dead"-Zeichner Charlie Adlard, "30 Days of Night"-Autor Steve Niles und "Spider-Man"-Autor J.M. DeMatteis.

Und einen Seitenhieb gegen Millers künstlerisches Ego kann Moore sich dann doch nicht verkneifen. "Ich bin sicher", diktiert er Honest Publishing, "wären diese Demonstranten gewalttätige Soziopathen mit Batman-Make-up, Miller stünde voll hinter ihnen."

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