Georg Diez

Öffentlich-rechtliche Sender Reflexionsniveau einer Streichholzschachtel

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist zur Simplifizierungsmaschine verkommen. Es muss sich grundlegend wandeln, wenn es der komplexen Gegenwart gerecht werden will.
ARD-Schaltraum

ARD-Schaltraum

Foto: Marcus Brandt / dpa

Ich habe so oft über das deutsche Fernsehen geschrieben in den vergangenen Jahren, und immer wieder stellte sich dabei die Frage, was das kulturelle Versagen besonders der öffentlich-rechtlichen Sender mit den politischen Verschiebungen in diesem Land zu tun hat.

Es ging dabei oft um die Unfähigkeit der Nachrichtensendungen, sich von der staatstreuen Dackelhaltung der Fünfzigerjahre zu lösen, journalistisch im frühen 21. Jahrhundert anzukommen und eine eigene Rolle in einem neuen Land zu definieren.

Das sture Einfach-Weitermachen und das Wir-fragen-am-liebsten-Politiker und das Sich-vor-den-Reichstag-stellen-und-so-tun-als-sei-das-Politik hat seine Berechtigung verloren und ist grundsätzlich gefährlich geworden, gefährlich für die Demokratie, weil sie auf das Reflexionsniveau einer Streichholzschachtel reduziert wurde.

Es ging aber auch immer wieder um die Qualität der öffentlich-rechtlichen Serien und des Erzählfernsehens generell, es ging um das stets uneingelöste Versprechen von komplexen neuen Formaten, wie sie aus den USA, aber auch aus Frankreich oder Dänemark schon lange bekannt sind, es ging um die bizarre Kombination von Krimis und Komödien, es ging um das dauernde Melodram und ein Land im Mehltau - und wie beides zusammenhängt.

Was also bedeutet es, wenn es zwei Fernsehextreme gibt, Verbrecherjagd und Realitätsflucht, also einerseits die Polizei Abend für Abend als die wichtigste Institution des Landes, Deutsche auf dauernder Tätersuche, und andererseits das große Eiapopeia einer Gesellschaft im luftleeren Raum, Provinz-Possen und Rentner-Romantik?

Medienkritik ist im Idealfall immer Gesellschaftskritik

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, hier kann man immerhin eine selbst formulierte Verantwortung ausmachen, ist seit Jahren und Jahrzehnten eine Simplizifierungsmaschine geworden - wo es doch das ideale Medium wäre, in diesem "golden age of television", wie es in Amerika heißt, gerade die Komplexität unserer Zeit zum Thema zu machen, von Transgender-Liebe bis Mittelschichts-Angst, von Drogen, Krieg und Terror.

Die dauernde Banalisierung aller Lebensverhältnisse hat dabei dazu geführt, dass so etwas wie "das Böse" selbst im Krimi praktisch nie vorkommt, alles wirkt therapeutisch abgefedert - so als sitze bei den Deutschen der Schreck vor "dem Bösen" so tief, seit sie den Judenmord verantwortet haben. Die Folge davon ist aber, dass man "das Böse", das man in der Fiktion verbannt hat, auch in der Wirklichkeit nicht mehr erkennt.

Das Fernsehen hat so mitgeholfen, das Land in einen Kokon zu verspinnen, gerade in einer Epoche, die von elementaren Brüchen durchzogen ist - die bornierte und destruktive Sparpolitik in der Eurokrise war so leichter durchsetzbar, das Abschotten vor Krieg und Flucht und vor dem massenhaften Tod auf dem Mittelmeer war eher möglich, das Verleugnen von rechtem Denken und rechtem Terror.

Und jetzt, nach Hunderten Anschlägen auf Ausländerunterkünfte, bei denen niemand nach der Bundeswehr im Inneren rief, soll auf einmal "alles anders sein", weil der islamistische Terror auch in Deutschland angekommen ist - ja, überrascht kann man da nur sein, wenn man seit Jahren den Kopf in den Sand gesteckt und die Welt trivialisiert hat.

Geht halt nicht anders, heißt es dann aus den Schaltzentren der Angst, will doch keiner sehen, sagen Redakteure, die nur an die Quote denken und die eigene Mutlosigkeit verwalten und dabei selbstherrlich regieren in einem System, das vor vielen Jahrzehnten entstanden ist und sich so verändert hat, dass es an ein Ende gekommen ist, kulturell, politisch, strukturell, ökonomisch.

Wenn es die Sender nicht schaffen, sich eine wirkliche inhaltliche Berechtigung zu verschaffen, die Automatismen und Abläufe entscheidend zu verändern, die Herausforderung der überbordenden Rentenrechnungen zu meistern - dann werden sie irgendwann dem Druck der Verhältnisse nicht länger standhalten.

Die Herausforderung, vor der das öffentlich-rechtliche Fernsehen steht, ist dabei eine Herausforderung, vor der viele Institutionen in diesem Land stehen, das sich seit seiner Gründung gewandelt hat: Wie kann man sie verändern, ohne sie zu zerstören - oder muss man sie zerstören und neu bauen?

Medienkritik hatte früher oft das Problem, dass sie wie rückwärtsgewandter und selbstgefälliger Kulturpessimismus wirkte; Medienkritik hat heute oft das Problem, dass man von Trollen, Verschwörungstheoretikern oder anderen Nervensägen bejubelt wird, die noch hinter der GEZ die Weisen von Zion am Werk sahen.

Medienkritik ist aber im Idealfall immer Gesellschaftskritik, die dazu dient, dieses Land heller und besser zu machen, offener, kritikfähiger, konfliktfähiger, erwachsener, realistischer, klüger.

Was wir brauchen, ist ein grundsätzlich anderes öffentlich-rechtliches Fernsehen, anders strukturiert, anders organisiert, anders ausgerichtet, bereit, Fehler zu machen, weil man das Richtige versucht.

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