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Spielplan-Wahl: Triumph der Unbekannten

Öffentliche Spielplanwahl Hoffnungslos vergurkt in Hamburg

Das Hamburger Thalia Theater lud zur öffentlichen Spielplanwahl ein, das Publikum spülte zum Teil völlig unbekannte und skurrile Werke auf die vordersten Plätze. Bei der Präsentation der Ergebnisse bemühten sich die Verantwortlichen um Haltung. Ob die Stücke gezeigt werden, ist fraglich.

"Sie machen Vorschläge. Wir nehmen sie an", so heißt es seit Monaten auf der Website und in den Programmheften des Thalia Theaters zu Hamburg - inspiriert von einem Zitat von Bertolt Brecht. Der hatte sich für seinen Grabstein die Inschrift gewünscht: "Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen." Man habe sich erlaubt, das umzudeuten, erklärt Dramaturg Carl Hegemann am Samstagabend: "Wir akzeptieren, dass wir keinen Wissenvorsprung haben."

Annahme verweigert? Das sollte es nicht geben bei dieser Publikumswahl. Vier Stücke des kommenden Thalia-Spielplans  sollten per Plebiszit bestimmt werden - unverrückbar und definitiv. Hegemann - Vater der Autorin Helene Hegemann - steht am Abend der Gewinner-Bekanntgabe in der Thalia-Theater-Bar Zentrale und erklärt das Projekt. Nein, die Autonomie der Kunst habe man nicht zur Disposition stellen wollen. Die Idee hinter der Spielplanwahl sei eine andere gewesen: "Wir müssen was machen, damit sich die Zuschauer mit dem Spielplan beschäftigen", erklärt der kleine Mann mit dem wilden grauen Lockenkopf.

So haben Hegemann und Thalia-Intendant Joachim Lux sich das womöglich gedacht: Dass auf ihren Aufruf hin ein mehr oder minder verständiges Völkchen in den heimischen Bildungsbürger-Bücherwänden nach vergessenen dramatischen Perlen sucht oder neue Stoffe zur Bearbeitung vorschlägt. "Kann man so naiv auf die Schwarmintelligenz vertrauen?" fragt Hegemann in die Runde und verrät, dass die Publikumswahl im Haus "erregte Debatten" hervorgerufen habe.

Triumph für die Underdogs

Verwundert musste die Thalia-Führung mit ansehen, wie Werke an die Spitze des Votings drängten, von denen weder sie noch ein sachverständiges Publikum jemals gehört haben konnten. Ganz weit nach oben kam etwa "Die Erbsenfrau", ein Werk des unbekannten dänisch-schweizerischen Schauspieler-Regisseurs Jens Nielsen.  Thalia-Schauspieler Philipp Hochmair trägt aus dem Stück vor, eine geschwätzig-humorige Groteske, sie handelt von einer Dame, die aus Erbsen Männer züchtet. Das Publikum in der Bar Zentrale gluckst. Man ahnt, warum die Werke Nielsens am Züricher "Theater an der Winkelwiese" uraufgeführt zu werden pflegen und danach nirgendwo anders mehr.

Außer vielleicht im Thalia Theater. Denn Jens Nielsen mag ein von Dramaturgen verschmähter Autor sein, aber er weiß offensichtlich, wie man Bekannte und Fans mobilisiert. Wer noch nicht im Internet für den Kurzfilm oder das Bewerbungsvideo irgendeines entfernten Facebook-Freundes gevotet hat, der werfe den ersten Stein. Kost' ja nix! Drei Mal irgendwo klicken, wieder jemandem einen Gefallen getan. Oder einfach eine Mail ans Thalia Theater geschickt. Internet-Voting: Man weiß ja, wie das funktioniert.

Das wusste man aber offensichtlich nicht in den Chefetagen des Thalia-Theaters. Anfang Dezember kämpften neben der "Erbsenfrau" das Musical "Jack The Ripper", getextet und komponiert von zwei Musikpädagogen aus Gummersbach, sowie das Musical "Peers Heimkehr" der Metal-Acapella-Band Van Canto  (Mobilisierungsvideo: "Damit endlich mal'n bisschen was anderes passiert auf deutschen Bühnen!") um die Spitzenplätze.

Hoffnungslos vergurkt

Es wäre für die Thalia-Führung der richtige Zeitpunkt gewesen, sich dafür zu entschuldigen, dass man keine Ahnung vom Internet hat und die Angelegenheit abzublasen. Stattdessen entschloss sich Hegemann dazu, die Spielplanwahl durchzuziehen. Und so erlebt das staunende Fachpublikum - gerade mal 50 Theaterleute und Journalisten haben den Weg in die Theaterbar gefunden - wie ein aufgedrehter Spitzendramaturg sich auf höchstem Diskursniveau an einem hoffnungslos vergurkten Projekt abarbeitet.

Die zur Podiumsdiskussion erschienenen beiden Dramaturgie-Kolleginnen kommen kaum zu Wort. Zeit-Feuilletonchef Jens Jessen erklärt, dass sich Kunst und Mehrheitsentscheidungen nicht vertragen und räsoniert darüber, dass und warum das Bürgertum "das Gute, das Wahre und das Schöne" dem Plebiszitären entzogen habe. Doch auch er muss eingestehen, dass all das mit der Spielplanwahl des Thalia Theaters gar nichts zu tun habe: "Im Internet artikuliert sich ja nicht der Publikumsgeschmack, sondern irgendwelche Freundeskreise."

So ist es wohl. Die Hamburger Piratenpartei-Vorsitzende Anne Alter versucht immerhin, Hegemann eine Grundregel der internetgestützten Basisdemokratie beizubringen: "Diese Systeme müssen übernahmesicher gegen Interessengruppen sein." Alles vergebens. Man habe mit dieser Abstimmung etwas erzeugt, was sich nach herrschenden Kulturkriterien nicht legitimieren lasse und mit dem man sich jetzt künstlerisch auseinandersetzen wolle. Es gäbe doch eine Menge irrsinnige Stücke, aus denen man eine Menge machen könne.

Heavy Metal im Thalia

Zum Beispiel eben "Peers Heimkehr", das durch die Fan-Mobilisierung der Band "Van Canto" ganz nach oben gevotete Singspiel. Gregor Hopf, Librettist des Werks, ist gekommen, um zu erklären, dass es sich keineswegs um ein Musical handele, sondern um ein "modernes Metal-Acapella-Schauspiel". Er hat ein Goethe-Zitat aus "Faust II" mitgebracht, in dem es darum geht, dass man auch mal was wagen muss. Man merkt: Hier hat ein verkannter Autor lange auf seine Gelegenheit gewartet. Und gewiss hätte er auch gerne länger gesprochen über das Oeuvre der Acapella-Virtuosen aus Bingen und über die von ihm gedichtete Peer-Gynt-Fortsetzung, die enthülle, "was Ibsen offen lässt". Aber Carl Hegemann, offensichtlich nervös geworden durch so viel selbsternannte Kongenialität, würgt den nassforschen Autor zügig ab.

Das Endergebnis, gegen 22:45 Uhr auf den großen Bühne des Thalia Theaters verkündet, hält dann noch eine kleine Überraschung bereit. Neben "Peers Heimkehr", das Platz zwei erobert, haben sich zwei langvergessene Dramen ganz nach oben katapultiert: "Die Ehe des Herrn Mississippi", eine reichlich verquast-allegorische Groteske von Friedrich Dürrenmatt aus dem Jahre 1952, schafft mit 703 Stimmen den ersten Platz. Und das nicht minder ältliche Drama "Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder von 1944 belegt den dritten Platz. Das Geheimnis liegt auch hier im Gruppenvoting: Ein Facebook-Anonymus namens "Friedrich T. Halia Wilder" hatte in den vergangenen Wochen dafür mobilisiert, ungeliebte Machwerke wie "Die Erbsenfrau" per kollektivem Dürrenmatt- und Wilder-Voting auf die Plätze zu verweisen. Operation gelungen, Patient am Boden zerstört. Hegemann spricht von "harten Brocken" und dass die Kunst "halt mit dem Zufall dealen müsse". Das Schlusswort gehört dem Intendanten Joachim Lux. Der erklärt mit langen Zähnen, man werde sich nun "ernsthaft damit auseinandersetzen". Näheres könne man erst bei der Spielplankonferenz im Frühjahr bekanntgeben.

Man darf also getrost darauf wetten, dass von den gewählten Stücken keines den Weg in den regulären Spielplan findet. Obwohl: Auf Platz vier ist immerhin "Black Rider" von Robert Wilson und Tom Waits gelandet. In ironischer Überdrehung des Voting-Spektakels hatte nämlich die freie Hamburger Theaterproduktionsstätte Kampnagel zur Wahl des Achtziger-Jahre-Thalia-Klassikers aufgerufen. Die Kampnagel-Dramaturgie hatte vorausschauend schon mal bei Wilson nachgefragt, ob er überhaupt bereit wäre, seine erfolgreiche Freischütz-Bearbeitung noch mal auf die Bühne des Thalias zu bringen.

Seine Antwort per Mail: "I will re-stage it. Love, Bob.*g"

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