"Öl" im Deutschen Theater Ehekrieg im Krisengebiet

Europäische Profitgier, Wirtschaftsimperialismus - und dazu die Rückwirkungen auf das westliche Durchschnittsego: Das Deutsche Theater Berlin spielte "Öl", das neue Stück des Schweizers Lukas Bärfuss. Ein politisches Statement? Nein, eine ganz normale Ehetragödie.
Von Christine Wahl
"Öl"-Darsteller Susanne Wolff, Nina Hoss: Innerlichkeitskitschgefahr durch Sachlichkeit gebannt

"Öl"-Darsteller Susanne Wolff, Nina Hoss: Innerlichkeitskitschgefahr durch Sachlichkeit gebannt

Foto: Arno Declair

Die Putzfrau Gomua aus Beryok, einer Stadt in einem fiktiven Dritte-Welt-Land, ist um ihren Job wahrlich nicht zu beneiden. Neben der Getränkebeschafferin und der rituell beschimpften Köchin ist dabei vor allem die Fußabtreterin Gomua gefragt: An irgendeinem Gegenüber muss Gomuas Arbeitgeberin Eva ihre brachliegenden Ambitionen und zunehmenden neurotischen Anfälle ja ausleben. Schließlich hockt sie seit geschlagenen 36 Monaten allein in einem Kellergeschoss am Stadtrand. Den tristen Verschlag mit abgerissenen Tapeten und einem behelfsmäßigen Matratzenlager traut sie sich nicht zu verlassen. Denn draußen herrscht offenbar Krieg.

John von Düffel

Joseph Conrad

Andreas Kriegenburg

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss, der letztes Jahr mit "Hundert Tage" einen viel beachteten Roman über den Völkermord 1994 in Ruanda aus Sicht eines Mitarbeiters der Schweizer Botschaft in Kigali vorlegte, hat sich erneut mit den Verstrickungen und der Schuld des Westens beschäftigt. Die Uraufführung seines Schauspiels "Öl" hätte nicht prominenter platziert sein können: Ulrich Khuon, der neue Intendant des Deutschen Theaters Berlin, wählte es programmatisch für seinen Eröffnungspremieren-Reigen aus. Bereits am Vorabend hatte auf der Kammerspielbühne s Bearbeitung von s Afrika-Erzählung "Herz der Finsternis" in s Regie Premiere. Bärfuss verlängert deren Thematik nun praktisch in die Gegenwart: europäische Profitgier, Ressourcenausbeutung, Wirtschaftsimperialismus und deren irritierende Rückwirkungen auf das sich unbeteiligt wähnende westliche Durchschnittsego.

Doch im Gegensatz zu seinem hervorragend recherchierten Ruanda-Roman schrumpft "Öl" zusehends zu einer bürgerlichen Ehetragödie. Der politische Hintergrund, Bärfuss' eigentlicher Anspruch und Ansatz, droht zum bloßen Motivationscocktail für die üblichen Paarprobleme zu verkommen. Während Gatte Herbert mit wachsender Verzweiflung - weil vergeblich - nach Öl bohrt, dreht Eva in ihrer Isolation mehr und mehr durch. Doch was aus dieser Situation resultiert, ist von Shakespeare bis Ibsen bereits tausendfach unerreicht durchdekliniert worden und soll auch diesseits von Krisenregionen in den besten Familien vorkommen. Die sexuelle wie intellektuelle Unterforderung einer Hausfrau mit Hochschulabschluss knallt lautstark auf die Nervosität eines Gatten, dessen beruflicher Misserfolg am Macho-Selbstbild kratzt.

Klassische Problemlage, bekannte Fluchtwege

So klassisch wie die Problemlage sind die Fluchtwege, die die Figuren aus ihr suchen: Herbert schwankt zwischen Tobsuchts-, Zynismus- und Verzweiflungsanfällen. Eva tröstet sich erstens mit Alkohol und zweitens mit dem Geschäftspartner ihres Mannes, natürlich weniger aus Lust als aus Mangel an standesgemäßeren Gelegenheiten. Kurzum: Bärfuss' Stück wirkt mit ziemlich heißer Nadel gestrickt, das Personal recht schablonenartig und sein Text oft entsprechend nah am Klischee.

Stephan Kimmig

Nina Hoss

Gemessen daran holen die Schauspieler - ein schönes Misch-Ensemble aus geschätzten alten DT-Kräften und verheißungsvollen Neuzugängen unter der Regie des neuen Hausregisseurs - maximalen Facettenreichtum aus dem Abend heraus. Vor allem lässt aus der westeuropäischen Klischee-Zicke Eva ein vergleichsweise differenziertes Nuancenspektrum zwischen Einsamkeit, Verzweiflung und politisch unkorrekter Aggression vornehmlich gegenüber der Haushälterin hervorbrechen. Die wiederum bewahrt bei diesen demütigenden Attacken in der trockenen Darstellung von Margit Bendokat eine derart stoische Würde, dass die Szenen zwischen den beiden Frauen zu den spannendsten des Abends werden.

Innerlichkeitskitschgefahr - souverän gebannt

Thalia Theater

Auch Felix Goeser zwingt seinem Vorlagen-Zyniker Herbert glaubwürdige Brüche ab. Und Susanne Wolff, die mit Khuon vom Hamburg ans DT gekommen ist, darf man insofern bewundern, als ihr neben Hoss der schwierigste Job des Abends obliegt: Sie muss als eine Art innere Erscheinung Evas auftreten, als personifiziertes Gewissen, das sich in Evas alkoholisierte Alpträume schleicht und ihr rebellische Wahrheiten einflüstert. Bei solchen Rollen ist per se Innerlichkeitskitschgefahr im Verzug. Aber Wolff begegnet dieser moralischen Rolle wirkungsvoll mit einer Sachlichkeit, die sie vor dem Abrutschen in die Plattitüde bewahrt, ohne die Figur deswegen zu verraten.

Bleibt zu konstatieren: Das neue DT hat bei weitem noch nicht alles gezeigt, was es kann. Bärfuss hat schon bessere Stücke geschrieben. Und sowohl der "Öl"-Regisseur Stephan Kimmig als auch Andreas Kriegenburg, der den Conrad-Text am Vorabend eher naheliegend bebildert hatte, sind in den letzten Jahren ja auch mit sehr bemerkenswerten Inszenierungen hervorgetreten.

Also keine vorschnellen Schlüsse: Das eherne Naturgesetz von Eröffnungen besteht schließlich darin, dass eben tatsächlich alles auf Anfang steht. Es bleiben ausreichend Zeit und Möglichkeiten, die vorhandenen Qualitäten auch flächendeckend zu beweisen.

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