Sender in der Kritik ORF setzt Rassismus-Doku ab

Am kommenden Sonntag sollte im ORF eine Doku über schwarze Menschen und deren Erfahrungen mit Rassismus in Wien laufen. Jetzt ist der Film plötzlich aus dem Programm verschwunden. Warum?

"Schwarz in Wien von Soliman bis Alaba" heißt die 26-minütige Dokumentation des Filmemachers Teddy Podgorski. "Schwarze Wienerinnen und Wiener der zweiten und dritten Generation unterscheidet eigentlich nichts vom klassischen multiethnischen Wiener außer der Hautfarbe. Doch die Vorurteile sitzen tief und blicken auf eine lange Tradition zurück" - mit diesen Worten wurde der Fernsehbeitrag für Sonntag, 5. August, um 18.20 Uhr im ORF2 angekündigt.

Doch plötzlich, wenige Tage vor der Ausstrahlung, ist er aus dem Programm des Österreichischen Rundfunks verschwunden. Eine Erklärung gab es zunächst nicht, weder für das Publikum noch für die Filmemacher. Stattdessen soll nun ein Beitrag mit dem Titel "Der Wiener Heurige" gesendet werden, über die Weinwirtschaften der Stadt.

Was ist geschehen? Die Doku über das Leben schwarzer Menschen in Wien und welchen Rassismus sie erleben war erst im Frühjahr vom Landesstudio Wien des ORF bestellt worden, für die Sendereihe "Österreich-Bild". Darin werden die "schönsten und interessantesten Seiten unserer Heimat" vorgestellt, heißt es auf der Website des Senders.

Podgorski, der nicht zum ersten Mal für diese Reihe arbeitet, interviewte im Juni und Juli insgesamt sechs schwarze Wienerinnen und Wiener. "Es gibt keine kommentierende Stimme aus dem Off, keine Begleitmusik, keine Bilderstrecken, nichts. Nur die reinen Interviews, in denen diese Menschen zu Wort kommen", sagt er. "Sie erzählen von ihrem Leben in Wien und welchem Rassismus sie ausgesetzt sind, obwohl sie schon in zweiter, dritter oder vierter Generation Wiener sind."

Sendetermin verschoben?

In dem Film, den Podgorski nun unter Verschluss hält ("Ich bin dazu vertraglich mit dem ORF verpflichtet"), erzählen die Protagonisten nach seinen Angaben von den vielen alltäglichen Begebenheiten. Zum Beispiel vom Streit, warum ein Schokoladenkuchen in Österreich unbedingt "Mohr im Hemd" heißen müsse. "Das sind oft Dinge, von denen Menschen, die das nicht erleben, nicht nachvollziehen können, warum man sich darüber aufregen kann", sagt Podgorski. "Da entsteht dann leicht die Tendenz, das ins Lächerliche zu ziehen." Bei den Betroffenen würden sich aber "Mikroaggressionen" auftürmen und irgendwann harsche Reaktionen zur Folge haben.

"Häufig ist es ja auch kein böse gemeinter Rassismus, sondern Unwissenheit", sagt die Journalistin Vanessa Spanbauer, selbst eine der Protagonistinnen des Films. "Man bekommt Komplimente aus Blödheit und merkt, dass die Leute einfach uninformiert sind." Podgorski nennt es "gut gemeinten Rassismus". Hier wolle die Dokumentation einen Beitrag zur Aufklärung leisten.

Doch der Film ist vorerst gestrichen. "Der zuständige Redakteur hat ihn noch mit Begeisterung abgenommen", sagt Podgorski. Offensichtlich habe er aber der Wiener ORF-Landesdirektorin Brigitte Wolf nicht gefallen. Erst nachdem mehrere österreichische Zeitungen über die stille Streichung berichteten, erklärte der Sender, die abgelieferte Doku habe, "technisch, formal und inhaltlich nicht dem beauftragten Konzept entsprochen". Nähere inhaltliche Gründe nannte der ORF nicht. Der Sendetermin sei "verschoben", der "Gestalter wird mit einer Überarbeitung beauftragt".

"Ausdruck eines Klimawandels in Österreich"

Podgorski sagt, er wüsste gern, was er nun seinen Interviewpartnern sagen soll. Ihm sei unklar, was genau er überarbeiten soll. "Es sind eine Reihe von Interviews, bei denen wir die Betroffenen einfach selbst sprechen lassen. Da kann man keine Kommentare rausschneiden oder irgendwelche Bilderstrecken ändern."

Der ORF wurde zuletzt immer wieder von der rechten FPÖ unter Druck gesetzt. Die Partei regiert seit Dezember in Österreich als kleinerer Partner in einer Koalition mit der bürgerlich-konservativen ÖVP mit. Zuletzt hieß es, ORF-Journalisten dürften sich in den sozialen Medien selbst im privaten Umfeld nicht mehr kommentierend äußern. Aus dem ORF ist zu vernehmen, dass es in der Führung des Senders "einen vorauseilenden Gehorsam" und "Angst vor der Regierung" gebe, "aber auch ein paar Leute, die die FPÖ-Linie vertreten".

Podgorski sieht in dem Umgang mit seinem Film den "Ausdruck eines Klimawandels in Österreich". Politische Einflussnahme kann er sich aber nicht vorstellen - den Film habe außerhalb des ORF ja noch niemand gesehen.

Anmerkung: Das ORF-Landesstudio Wien teilte am Donnerstagabend mit, es halte an der Entscheidung fest, die Dokumentation nicht am ursprünglich geplanten Sendeplatz am Sonntagabend auszustrahlen. Der Film passe "nicht zur Anmutung und Bildsprache der Programmleiste". Jedoch werde die Produktion "natürlich gesendet". Es werde geprüft, welcher Sendeplatz für den Film passend sei, "um ihn innerhalb der nächsten Wochen zur Ausstrahlung zu bringen", heißt es in einer Pressemitteilung. Der Termin werde "zeitnah bekanntgegeben". Am 9.8. teilte der ORF mit, die Dokumentation werde am 26.8. um 13.30 auf ORF 2 gesendet.