Ötzi-Doku auf ProSieben CSI im Steinzeitalter

ProSieben gräbt noch mal den Ötzi aus: Die Doku-Fiction "Mord im Eis" soll bei der jungen Zielgruppe Lust auf Wissenschaft wecken – und ist Vorbote einer Programm-Offensive, von der sich der Münchner Sender im nächsten Jahr gute Quoten und Prestige verspricht.


Drei Theorien über den Ötzi verhandelt "Mord im Eis": Gemäß Variante eins könnte der Gletschermann, dessen konservierter Leichnam 1991 von Bergsteigern in den Ötztaler Alpen gefunden wurde, vor 5300 Jahren als Hirte gelebt haben und in einem Schneesturm umgekommen sein. Zehn Jahre lang habe diese Einschätzung als wahrscheinlich gegolten, informiert der Off-Kommentar, bis weitere Analysen die Forschung davon Abstand nehmen ließen: So stammten untersuchte Tierdung-Spuren von Wildziegen und Hirschen - mithin nicht von Hütevieh.

Theorie zwei entwickelt die Idee, dass Ötzi, der eine Kupferaxt bei sich trug, ein Schmied und reisender Händler gewesen sei. War er womöglich als Fremder in die Gegend gekommen und hatte nach einem schief gelaufenen Handel fliehen müssen? Seit 2001 bei einer Röntgenaufnahme eine bis dato übersehene Pfeilspitze im Rücken der Mumie entdeckt wurde, existiert die dritte, in ProSieben-Diktion "farbigere" Hypothese: Derzufolge war der Gletschermann Oberhaupt einer Dorfgemeinschaft und wurde im Zuge eines feindlichen Angriffs getötet. Welcher Variante die Filmautoren zuneigen, zeigt der Titel der von BBC, Discovery Channel, France 2 und ProSieben produzierten Doku-Fiction an, die heute Abend um 20.15 Uhr gesendet wird.

Zur Illustrierung der Szenarien, die von mehreren Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen hergeleitet werden, setzen die Macher (Regie: Richard Dale; Soundtrack: Alan Parker) Spielsequenzen ein. Mark Noble verkörpert unseren Urahn aus der Bronzezeit als pittoresk zerzausten Bart- und Mähnenträger mit einem gewissem Hippie-Appeal. Emphatische Sprecherkommentare wie "Ötzi war gut beraten, sich zu beeilen" vermitteln nebenbei den Eindruck, der in einer Phantasiesprache brabbelnde Zottelkerl sei irgendwie ein guter Kumpel.

Zu den weiteren Stilmitteln gehören Fadenkreuz-Zooms auf bestimmte Details, was dem Ganzen sicher nicht unbeabsichtigt einen Hauch von Profiler-Krimi à la "CSI" verleiht. Und ein zünftiges Gemetzel bekommt der Zuschauer selbstverständlich auch geboten: Der vermutete Angriff auf das Ötzi-Dorf wird von martialisch kostümierten Mimen vorgetragen; der nunmehr als Krieger imaginierte Ötzi teilt wacker Kopfstöße aus.

Diese Machart ist typisch für das zunehmend international betriebene Genre der Doku-Fiction. Im Branchenjargon werden die aufwendigen Spektakel auch Event-Dokus oder Super-Docs genannt. Die öffentlich-rechtliche BBC hat diesbezüglich ein Finanzierungsmodell perfektioniert, bei dem ausländische Partner gegen geringes Mitspracherecht Geld dazugeben und dafür als Co-Produzenten firmieren dürfen.

ProSieben, ansonsten vor allem als Abspielstation von US-Lizenzserien ("Desperate Housewives", "Lost") und Hollywood-Blockbustern bekannt, ist auf dieser Schiene schon gut gefahren: So bescherten etwa die gemeinsam mit den Briten hergestellten animierten Dino-Epen "Im Reich der Giganten" (1999) und "Die Erben der Saurier" (2002) dem Privatsender Einschaltquoten von bis zu sechs Millionen Zuschauern. Nun soll der Erfolg ausgebaut und verstärkt auf Dokutainment zur Primetime gesetzt werden.

Für Februar 2006 ist die Ausstrahlung von "Die Ahnen der Saurier" (Originaltitel: "Walking with Monsters") geplant. Hier gingen Produzent Tim Haines und seine Firma Impossible Pictures noch weiter in der Zeit zurück: Der Film, als "erdgeschichtliches Prequel" annonciert, spekuliert fröhlich über die Ursprünge des Lebens vor 500 bis 600 Millionen Jahren und malt sich in bizarren Formen und Farben das Fressen, Jagen und nicht zuletzt Sich-Paaren von allerlei Urviechern aus.

Eine weitere Spielart der fürs nächste (Früh-)Jahr unter dem Doku-Label avisierten Beiträge stellen Werke wie "Hannibal" dar, die komplett inszeniert sind und bisher schlicht Historienfilme hießen. "Da versteckt sich die Doku hinter dem Drama", umschreibt Thomas von Hennet, Leiter Dokumentation bei ProSieben, sehr elegant das Phänomen. Man könne doch dem jungen Publikum von heute keine abgefilmten Münzen mehr zeigen. Wohingegen sich mit einer dramatisierten Darstellungsform vielleicht weitergehendes Interesse für die Materie wecken lasse.

Ähnliches erhofft man sich von der Piratensaga "Blackbeard", wie der Ötzi-"Mord im Eis" von der Produktionsfirma Dangerous Films realisiert. Mit "San Francisco - Living the Quake" hat von Hennet darüber hinaus ein Erdbeben-Movie mit sicherlich hohen Schauwerten im Repertoire. Als Hollywood-affiner Sender scheut sich ProSieben nicht, diese Projekte ganz ironiefrei als Desaster-Movies anzupreisen. Dass Puristen den Versuch, historischen Ereignissen und Figuren durch das sogenannte Re-Inactment neues Leben einzuhauchen, kategorisch ablehnen, schert die Programmverantwortlichen in Bayern wenig - aber natürlich nur so lange, wie das Publikum das Angebot goutiert. So gesehen wird der Ötzi heute Abend auch noch zum Objekt der Quoten-Forschung.



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