Olympia vom TV-Sofa Gute Miene zu bösen Spielen

Die Olympischen Planspiele riechen so sehr nach Massenware und Masseninszenierung, dass man seinen Augen und Ohren nicht mehr traut. Sportler tricksen, Chinesen machen Propaganda - und die ARD-Ulknudeln Waldi und Harry lachen dem Übel auch noch ins Gesicht.
Von Reinhard Mohr

Merkwürdig ist der Lauf der Welt. Alles rauscht vorbei wie im Zeitraffer. Eben noch die monatelange politische Debatte über Tibet, Fackellauf und Olympia-Boykott, über Doping, politischen Protest der Sportler und die Auszehrung der olympischen Idee – und schon saust der Jamaikaner Usain Bolt durchs Pekinger "Vogelnest" wie das Fabelwesen einer anderen Galaxie. Nicht nur die Fernsehzuschauer reiben sich die Augen.

Vielen dürfte es so wie dem Sportphilosophen Gunter Gebauer gehen: "Nach dem 100-Meter-Lauf hatte ich das Gefühl: Jetzt ist wirklich der Schlusspunkt dessen erreicht, was man der olympischen Idee an Gemeinheiten noch zufügen kann." Eine "Riesenverarschung" nennt der deutsche Läufer Tobias Unger Bolts surreale Performance, die man auch für eine Computersimulation hätte halten können.

Die provozierende Lässigkeit, mit der der Supersprinter schon 30 Meter vor der Ziellinie begann, den Beifall des Publikums entgegenzunehmen, passte tatsächlich zu anderen Eindrücken der Olympischen Spiele von Peking – vom heimischen Sofa aus gesehen.

Es riecht und schmeckt nach Fabrik

Trotz aller echten Begeisterung für große sportliche Augenblicke, für den Wettkampf und die Spannung, für das unplanbare Wechselspiel von Glück und Unglück legt sich ein schales Empfinden über das glänzende Weltsportereignis.

Es riecht und schmeckt nach Fabrik, es sieht nach Massenproduktion und Masseninszenierung aus, nach Kollektiv und Planwirtschaft, nicht zuletzt: nach Pülverchen und Essenzen, Spritzen und Pillen.

Keine Frage: Man kann den eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen.

Allein das wie programmierte Einheimsen von weit mehr als 50 Goldmedaillen der chinesischen Mannschaft ruft ein eher taubes Gefühl von Gleichgültigkeit bei all jenen hervor, die nicht gerade Chinesen sind oder mit ihnen fiebern. Fast wäre man geneigt zu sagen: Gebt ihnen noch 50 dazu, wenn es sie glücklich macht.

Wo es nur noch um den äußeren Eindruck von Erfolg und Perfektion geht, um die Demonstration nationaler Überlegenheit, da scheint so gut wie alles erlaubt.

Die zahlreichen Tricksereien bei der optisch überwältigenden Eröffnungsfeier, Vorspiegelungen falscher Tatsachen, waren nur die Einstimmung auf das große Spektakel, mit dem sich das neue fortschrittliche China präsentieren wollte.

Nordkoreanische "Politkunst"

Jetzt offenbart der Choreograph der Zeremonie, der chinesische Starregisseur Zhang Yimou, in einem Zeitungsgespräch auch noch ganz offen seine Bewunderung für die nordkoreanische "Politkunst", deren militaristisch-kollektivistische Manifestation von "Gleichheit" angeblich die wahre "Schönheit" hervorbringe. Früher hieß das "faschistische Ästhetik".

Typisch für den "chinesischen Geist" sei zudem, dass alle Darsteller den Befehlen strikt "gehorchen". Zhang voll Stolz: "Sie können es wie Computer". Im dekadenten Westen könne man davon leider nur träumen – schon wegen dieser obskuren "Menschenrechte". Nebenbei verrät Zhang noch, wie absolut die Kontrolle durch die Spitze der Kommunistischen Partei war und ist.

Aber wen wundert all das eigentlich?

Selbst auf 8000 Kilometer Entfernung ist unverkennbar, dass Freiheit und Demokratie in China immer noch keinerlei Chance haben – ganz egal, was die professionellen China-Versteher vom IOC bis zu deutschen Wirtschaftsvertretern erzählen. Dass die universellen Menschenrechte, das höchste Gut unserer prekären Zivilisation, nicht einmal als Potemkinsche Fassade zugelassen waren, wurde ebenso schnell klar wie das Fortbestehen der Zensur. Selbst im Olympischen Dorf und dem internationalen Pressezentrum.

Waldis Weisheiten

Die drei offiziellen "Protestzonen", eine Art Meinungszoo unter strengster Bewachung, erwiesen sich als Orwellsche Farce. Wie üblich gab es Verhaftungen der üblichen Verdächtigen, und seien es fast 80-jährige Rentnerinnen, die naiv an die Versprechungen des Regimes geglaubt hatten und eine kleine Kundgebung anmelden wollten.

Vielleicht hätten Waldemar Hartmann und Harald Schmidt ja doch mal vorbeischauen sollen, frei nach der Spruchweisheit des Konfuzius: "Es ist besser, das winzigste Lämpchen anzuzünden, als sich über Dunkelheit zu beklagen." Das bisschen Knastchinesisch hätten sich die beiden sicher schnell draufgeschafft.

Aber im Ernst: Bei "Waldi & Harry" in der ARD bekommt man von alldem natürlich nichts mit.

Das ist weder den beiden Stimmungskanonen im "Deutschen Haus" noch den Programmverantwortlichen in Köln, Hamburg und München vorzuwerfen. Denn es geht einfach nicht: Man kann keine Unterhaltungssendung machen und zugleich, womöglich per Einblendung, Einspieler oder Kurzinterview, in regelmäßigen Abständen auf die Tatsache hinweisen, dass die Olympischen Spiele in einer üblen Diktatur stattfinden. Motto: "Der Menschenrechtsbeauftragte warnt. Diese Sendung kann ihre geistig-moralische Gesundheit gefährden. Bleiben Sie wachsam!"

Sommerspiele in Pjöngjang?

Man hätte das alles vorher wissen können, und man wusste es ja auch: Gerade totalitären Systemen gelingt die Selbstinszenierung in Perfektion. Die schöne Hoffnung auf eine politisch-gesellschaftliche Öffnung mit Hilfe eines staatlich organisierten Massenereignisses, das in den Händen der Kommunistischen Partei liegt, ist deshalb völlig illusionär, ja absurd. Dazu kommt: Das Massenmedium Fernsehen, selbst ein System höchstmöglicher Planungssicherheit und Perfektion, ist als letztes imstande, spontane Löcher der Transparenz in den totalitären Pekinger Panzer zu schlagen.

Und seien wir ehrlich: Wer sich gerade einem Beachvolleyballspiel der Damen hingibt oder den zweiten Durchlauf des Springreitens anschaut, wer mit Britta Steffen fiebert oder den Superschwergewichtsheber Matthias Steiner sieht, wie er das Foto seiner tödlich verunglückten Frau neben die gerade gewonnene Goldmedaille hält, der will nichts von entrechteten chinesischen Wanderarbeitern hören.

Frei nach Habermas: auch das ein klarer Fall von performativem Widerspruch.

Und so bleibt uns nichts übrig, als die wenigen Tibet-Protestler und Menschenrechtsaktivisten für ihren Mut und Einsatz zu bewundern und ansonsten selbst zu entscheiden, was wir uns ansehen, also geistig, moralisch und ästhetisch zumuten wollen – und was nicht.

Nicht vergessen: In gut sechs Jahren finden die Olympischen Winterspiele in Sotschi am Schwarzen Meer statt, nur wenige Kilometer von den russischen Panzern in Georgien entfernt.

Vielleicht vergibt das weise IOC die übernächsten Sommerspiele ja gleich nach Pjöngjang. Nordkorea hat sich zwar nicht beworben, aber auch dort wäre ja ein klein wenig gesellschaftliche Öffnung gar nicht schlecht.

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