Das Turnier des Zaren Tanz der Marionetten

Eröffnungsfeier in Sotschi: Männer sind Krieger und Helden, umtanzt von den zarten Solistinnen

Eröffnungsfeier in Sotschi: Männer sind Krieger und Helden, umtanzt von den zarten Solistinnen

Foto: Paul Gilham/ Getty Images

Das Mädchen schwebt scheinbar durch die Luft, Lubov heißt es. Das ist russisch für Liebe. Doch anders als im Pop, wo Love bekanntlich ganz ohne technische Hilfsmittel in the air ist, ist die 11-jährige Lubov angewiesen auf den ältesten Trick aller Artisten: Sie hängt an Schnüren - und wirkt so doch eher wie eine Marionette als wie ein Luftgeist.

Dass ausgerechnet das Marionettenmädchen die Figur ist, deren Auftritte sich wie ein Leitmotiv durch die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Sotschi ziehen, ist womöglich gar nicht beabsichtigt - und sagt doch vieles über diese Inszenierung aus. Auf der Tribüne wacht, von der Fernsehregie immer wieder ins Bild gerückt, über allem mit unbeweglicher Miene der Mann, der sich selbst wahrscheinlich gern als Marionettenspieler, der alle Fäden in der Hand hat, charakterisiert sähe: Wladimir Putin (lesen Sie hier das Minutenprotokoll der Zeremonie).

Die Eröffnungsfeier wirkt wie ein Abend am Hofe: Der Herrscher hat die Tänzer und die Gaukler kommen lassen. Nun sollen sie von seiner Größe künden, und von der seines Reiches. Eine große Vergangenheit und nationale Werte, die heroische, rücksichtslose Durchsetzung historischer Umbrüche sind die großen Motive der Feier.

Die russische Nationalhymne singt der Männerchor des Sretensky-Klosters, mit seiner 600-jährigen Geschichte eines der Symbole der Restauration orthodoxer Traditionen. Akrobaten umtanzen im auf den Einmarsch der Nationen folgenden Showteil Nachbildungen der Türme Moskauer der Basiliius-Kathedrale - wie der Chor Inbegriff der alten, zaristischen Ordnung, einer autokratischen Tradition.

Fotostrecke

Olympische Winterspiele: Die besten Bilder der Eröffnungsfeier

Foto: Julio Cortez/ AP/dpa

Dafür steht auch Peter der Große, der in der nächsten Szene gewürdigt wird. Dass Konstantin Ernst, Regisseur der Feier und zugleich Generaldirektor des wichtigsten russischen Senders, sich gerade auf ihn als historische Figur konzentriert, wirkt wie eine Verbeugung vor Putin. Auch bei anderen Olympia-Eröffnungsfeiern wurde die Geschichte des Gastgeberlandes thematisiert - doch in Sotschi geschieht das mit nur mühsam von spielerischen Elementen kaschiertem, nationalem Pathos - das vollends ins Militaristische umschlägt, als die Soldaten Peters ausführlich zu Marschmusik paradieren.

Die Musik von Tschaikowski, Motive aus Tolstois "Krieg und Frieden" sind Versatzstücke für eine völlig ironiefreie Überhöhung russischer Geistesgröße. Auch Oktoberrevolution und Sowjetunion dürfen nicht fehlen: in Sotschi dargestellt als eine Art Wirtschaftswunder, in dem schließlich - wäre hätte es hier erwartet - sogar das Wort "Hipster" auftaucht, gemeint ist damit eine unbotmäßige Jugendkultur der Sowjetzeit, deren Erwähnung der Eröffnungsfeier wohl den Hauch subkultureller Aufmüpfigkeit verleihen sollen - und doch nur den Umstand bemäntelt, dass sich im heutigen Russland nur diejenigen wohlfühlen dürften, die weder regimekritisch sind, noch schwul.

Männer sind Krieger und Helden in dieser Eröffnungsfeier, umtanzt von den zarten Solistinnen des Bolschoiballets. Männer, deren Stärke nur von der des Staates übertroffen wird, dazu zerbrechliche Frauen, ein bisschen Kultur als Fassade - woran liegt es nur, dass diese Eröffnungsfeier, sieht man von der allgegenwärtigen Showtechnik ab, eine geradezu feudalistische Anmutung hat?

Konsequent preist schließlich Dmitri Tschernyschenko, der Chef des Organisationskomitees erst die russische Einzigartigkeit, dann deren "Stolz, die Tradition" und schließlich deren obersten Supervisor: Putin.

Wieder schwebt das Marionettenmädchen durch die Luft. Die russische Flagge bläht sich im Wind. Dahinter flattert die mit den Ringen, ziemlich schlapp. Es ist ein Bild für Putins Spiele.

Sebastian Hammelehle

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.