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Olympische Winterspiele: Zwischen Flip und Flop

Foto: DYLAN MARTINEZ/ REUTERS

Das Turnier des Zaren Spannungsfunken im TV

Zum Frühstück gleich eine Riesenüberraschung: Da gibt es ein sportliches Großereignis im hintersten Winkel Osteuropas oder vordersten Eckchen Westasiens, wer weiß das schon so genau, und das ZDF überträgt nicht aus Usedom, Görlitz oder Bad Reichenhall - sondern direkt aus Sotschi!

Da spaziert Gerhard Delling zwischen den Wettkämpfen über diesen stummbetonierten Platz rund um das olympische Feuer und deutet begeistert auf die umliegenden Stadien, die alle in Sichtweite herumstehen wie Exponate einer intergalaktischen Raumschiffausstellung.

Delling freut sich schneeköniglich, dass es endlich losgeht. Immerhin war seit Monaten aus Sotschi nichts anderes berichtet worden als das, was bisher noch vor allen aufwendigen Wettkämpfen berichtet wurde, sofern sie nicht in Deutschland stattfinden: Die werden "da unten" niemals rechtzeitig fertig, und wenn sie es werden, sieht es von hinten trotzdem schlimm aus. Dazu passten die lustigen Tweets von Athleten und Journalisten, denen die trübe Trinkwasserqualität und bauliche Mängel der Unterkünfte aufs Gemüt schlugen.

Vorbei, verweht. Morgens rauschen sonnige Snowboarder einen Parcours herunter, der aussieht, als würde Disney die Spiele ausrichten. Es gibt nicht nur stilisierte Treppengeländer, auf denen im Urbanen so gerne die Skater runterrutschen, sondern auch stilisierte Pipelines für Gas und Öl, weil wir ja in Russland sind. Dann fallen Sätze wie: "Eine kleine Unsicherheit hatte er da oben am ersten Eisenrohr!" Auch eine gigantische Matroschka steht da herum, die von den Snowboardern im Sprung berührt werden kann, wofür es Lässigkeitspunkte gibt.

Lässig auch die Sprache, in der über die junge Sportart berichtet wird. Da geht es um Begriffe wie "front side double cork 1440", "back side triple cork", "triple underflip", es geht um "sketchy" Sprünge und darum, "die Rotation rechtzeitig zu stoppen und die Landung zu organisieren". Wobei der Moderator stets so lange begeistert ist, bis er über schlechte Wertungen entgeistert ist und sich dann von der Zeitlupe belehren lassen muss, warum er anfangs zu begeistert war.

Shaun White, dem Gott aller Schneebrettfahrer, war dieser Kurs zu gefährlich, weshalb er nicht teilgenommen hat, was seine Konkurrenten "tierisch nervt". Denn eine Goldmedaille, wie Sage Kotsenberg sie nun errungen hat und die halt leider nicht in Konkurrenz zu Shaun White erobert wurde, ist so wertlos wie eine deutsche Fußballmeisterschaft unter Ausschluss von Dortmund und Bayern zusammen. Sehr sympathisch bei diesem Ehrgeizstadl das Interview mit einem Österreicher, der es nicht ins Finale geschafft hat, aber dennoch betont: "Dös issamoal kuhl zuschaumg ze diafn!"

Nebenbei wird die ehemalige Biathletin Kati Wilhelm zur Frage interviewt, wie es sich anfühlt, zum ersten Mal als Expertin dabei zu sein. Es fühle sich gut an, meint Wilhelm und schwärmt: "Die Bedingungen für die Athleten sind perfekt." Tatsächlich wird eine ganz entscheidende Botschaft im Hintergrund immer mitgesendet. Unter stahlblauem Strahlehimmel schmiegen sich bewaldete Hänge an anschmiegsame Architektur, während in der Ferne freundlich weiße Gipfel blitzen. Sieht sehr sauber, natürlich und alpin aus. Und gar nicht korrupt, subtropisch oder gar homophob.

Dann macht Delling einen "kleinen Wischer" rüber zum Eishockey der Damen, USA gegen Finnland. Eine US-Spielerin gilt "als Legende in ihrer Heimat", eine Finnin als "Berühmtheit in Finnland". Und der Experte fragt nach dem 3:1-Anschlusstreffer der Finninnen in der letzten Minute: "Ist da sogar noch etwas möglich, gibt es einen Spannungsfunken?"

Den versucht auch Delling vergeblich zu entfachen, als er im Anschluss mit drei Damen vom deutschen Eishockey-Team spricht. Einziges Thema ist der Umstand, dass Sportlerinnen wie die Torfrau Fiona Harrer manchmal auch bei den Männern mitspielen. Klar, dass Delling wissen will, ob diese Männer auf dem Eis "auch mal zeigen, wo der Hammer hängt". Wir werden beruhigt, Männer seien in Sachen "Kraft und Schnellkraft" den Frauen überlegen, die auch woanders duschen und ihre "Schweißwäsche" woanders anziehen als die Herren, die übrigens auch keinen "Beschützerinstinkt" (Delling) gegenüber den weiblichen Mitspielerinnen entwickeln.

Nach dem Skiathlon und vor dem Biathlon beklagt sich eine Teilnehmerin über den krassen Unterschied zwischen matschigem Schnee in der Sonne und schorfigem Schnee im Schatten. Wer denkt da nicht sofort an Ernst Jünger, der dabei war, als zuletzt bewaffnete Deutsche auf Skiern im Kaukasus um einen Sieg kämpften? In seinen "Kaukasischen Aufzeichnungen" notierte er 1942: "Vom Tal abbiegend fuhren wir, allmählich ansteigend, weiter im Winterwald dahin. Vorübergehend wurden hohe Gipfel sichtbar, die auf kurzen Strecken einleuchteten. Zum Teil befanden sie sich in russischer Hand (…) Dort lag ein leichter Schnee, der angetaut und über Nacht von neuem gefroren war. Die Umkristallisierung hatte Muster von breiten Nadeln auf ihm getrieben, die bläulich funkelten".

Keine guten Bedingungen für Gebirgsjäger. Umso mühe- und schwereloser wirkte dafür am Nachmittag dann der angebliche Eisschnelllauf mit seiner tatsächlichen und sehr telegenen Zeitlupenhaftigkeit. Dös woa amoal kuhl zuschaumg ze diafn.

Arno Frank

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