Premiere am Gorki Theater Der Wald ist nicht genug

Der Regisseur Nurkan Erpulat inszeniert am Berliner Gorki Theater Tschechows Klassiker "Onkel Wanja". Der Held verdient bei ihm kein Mitleid. Aber war das so gewollt?
Hübscher Beginn, maue Entwicklung: Szene aus "Onkel Wanja" am Gorki Theater

Hübscher Beginn, maue Entwicklung: Szene aus "Onkel Wanja" am Gorki Theater

Foto: Gorki Theater/ Ute Langkafel

Der Professor steht allein im Wald. Es ist ein schöner, dichter grüner Laubwald, der da an die Rückseite der Bühne projiziert ist; keine Birken. Also eher ein deutscher als ein russischer Wald. Der Professor steht da und spricht von seiner Heimkehr: Nicht in der Stadt, wo er Karriere gemacht hat, sei sein "eigentliches Leben", sondern hier, auf dem Landgut seiner verstorbenen Schwester. Nichts habe sich verändert, "hier ist nichts fremd". Außer er selbst, aber das will er nicht wahrhaben.

Es ist eine der ruhigeren und interessanteren Szenen aus Nurkan Erpulats Inszenierung von "Onkel Wanja", die am Samstag im Berliner Gorki Theater  Premiere hatte. Erpulat, 40, der in der Türkei als Schauspieler gearbeitet hat und erst als Erwachsener nach Berlin kam, um hier an der Ernst-Busch-Hochschule Regie zu studieren, stand im Herbst 2013 am Anfang der neuen, "postmigrantischen" Ära am Gorki Theater.

Er eröffnete die erste Saison unter der Intendanz von Shermin Langhoff mit einer krachbunten Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten", die eine erstaunlich schlüssige Neuinterpretation des Klassikers bot: Der neureiche Kaufmann, der der bornierten, alteingesessenen, aber verarmten Gutsherrenfamilie am Schluss triumphierend ihr Land abkauft, war bei Erpulat ein Mann mit türkischem Migrationshintergrund. Die Stimmung nach der Premiere damals war euphorisch, aber die Kritiker mäkelten größtenteils über diese allzu plakative Tschechow-Deutung.

Ist das der Grund, warum Erpulats Tschechow-Interpretation diesmal, beim "Onkel Wanja", weniger eindeutig ist? Man könnte auch sagen: unentschlossener, mauer? Die Szene mit dem Professor als spätem Rückkehrer etwa, sie könnte eine Schlüsselszene sein. Aber der Regisseur verfolgt den Ansatz nicht weiter.

Dabei beginnt der Abend sehr hübsch. Die ganze Hausgemeinschaft des Landgutes, das von Onkel Wanja und seiner Nichte Sonja seit Jahren verwaltet wird, kommt zum Essen zusammen, hastig schieben sie Tische aneinander und holen die Gartenstühle raus - und dann essen sie alle erst mal, stumm, minutenlang. Als sie endlich zu sprechen beginnen, wird klar: Hier wird der Text nicht ausgestellt.

Der Versuch, die Tischgespräche tatsächlich wie alltägliches Geplauder zu sprechen, gelingt allerdings nicht allen. Dimitrij Schaad als Landarzt Astrow etwa wirkt wie ein lebendiger Mensch. Onkel Wanja dagegen verkommt bei Tim Porath zu einem stumpfen Nörgler, als ob ein Kabarettist einen Schrebergärtner darstellen würde. Die Freundschaft zwischen Astrow und Wanja bleibt so eine Behauptung.

Schuften bis ans Lebensende

Für die Figur des Professors, den Falilou Seck mit sonorer Stimme und angenehm wenig Weinerlichkeit spielt, scheint sich der Regisseur mehr zu interessieren. Am Ende seines Monologs im Wald darf Seck kurz aus seiner Rolle ausbrechen und eine Tür auf der Bühnenrückseite aufmachen. Dahinter: Schwärze.

Diese Idee führt allerdings nur zu einem Exkurs des Schauspielers über seine Rolle, nicht etwa - was ja auch denkbar gewesen wäre und in einem Text auf dem Programmzettel auch anklingt -, darüber, dass diese Tschechow-Gesellschaft immer noch in einem verdammten Idyll lebt, verglichen mit den Problemen jenseits der eigenen Gesellschaft, jenseits der EU-Grenzen. Die Eule, die am Ende als Menetekel über den Wald fliegt, bleibt so auch nur ein hübscher Effekt (Bühne: Alissa Kolbusch).

Tatsächlich wirken die Figuren weitgehend so, als würden sie ihre Probleme selbst nicht interessieren - zumindest tragen sie ihre Liebessehnsüchte, ihre Sinnsuche, ihre Verzweiflung über die eigene Nutzlosigkeit über weite Strecken derart uninspiriert vor, als ginge sie das Ganze gar nichts an. Nur wenn sie singen, laut und immer an der Grenze zwischen Euphorie und Melancholie, ist das anders.

Am Ende, als der Professor abgekommen ist von seiner Idee, das Landgut zu verkaufen, und klar ist, dass Onkel Wanja und seine Nichte (Mareike Beykirch) dort nun bis an ihr Lebensende weiterschuften, hatte ich erstmals in einer Inszenierung dieses Tschechow-Klassikers kein Mitleid mit den beiden. Stattdessen fiel mir auf, dass die zwei ja tatsächlich geistig ganz schön unbeweglich sind. Ob das nun der Punkt war, auf den Erpulat hinauswollte? Oder ist ihm und seinen Schauspielern diese Pointe mehr so passiert?


Onkel Wanja . Gorki Theater Berlin, nächste Vorstellungen am 10. und 17.5., Tel. 030/20 22 11 15, www.gorki.de