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16. April 2008, 16:39 Uhr

Online-Expansion

ARD will sich im Netz verjüngen

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Das haben sich die ARD-Granden fein zurechtgelegt: Nach diversen Flops im Vorabendprogramm hat man den mangelnden Zuspruch junger Zuschauer als Problem ausgemacht. Und wie will man das lösen? Mit der mehr als umstrittenen Expansion ins Netz.

Bonn - Erst floppte der von ProSieben zur ARD gewechselte Stylingberater Bruce Darnell mit seiner Show, diese Woche folgte ihm die Kuppelshow "Ich weiß, wer gut für dich ist" in die ewigen Quoten-Jagdgründe. Die ARD hat offensichtlich kein Glück mit ihrem Vorabendprogramm. Nachdem der Publikumszuspruch dort kontinuierlich mies ist, will man jetzt die Strategie ändern.

ARD-Vorsitzender Raff: Ihm ist das Quotendebakel nicht verborgen geblieben
AP

ARD-Vorsitzender Raff: Ihm ist das Quotendebakel nicht verborgen geblieben

"Uns ist nicht verborgen geblieben, was sich dort in den vergangenen Monaten abgespielt hat", sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff nach der Hauptversammlung seines Senders am Mittwoch in Bonn. ARD-Programmdirektor Günter Struve kündigte derweil an, künftig werde auf Qualität gesetzt.

Und wie sieht die Qualitätsoffensive à la Struve aus? Jetzt werde mit "Berlin, Berlin" (Wiederholungen) und "Türkisch für Anfänger" das gesendet, was der Zuschauer bei der ARD erwarte - hochqualifizierte, fiktionale Programme. Damit werde die Quote zwar nicht durch die Decke gehen, aber es gelte nun, etwas fürs Image zu tun.

"Bruce" war vorzeitig abgesetzt worden, nachdem nur etwas mehr als eine Million Zuschauer pro Folge eingeschaltet hatten, die Kuppelshow "Ich weiß, wer gut für dich ist" ereilte diese Woche dasselbe Schicksal - nachdem der Zuschauerzuspruch fast identisch schlecht war. Unbeteiligten Beobachtern mag diese Programmpolitik etwas hilflos erscheinen. Struve sieht das nicht so: "Ratlosigkeit werden Sie bei der ARD nicht finden. Und wenn es sie gibt, werden Sie kein Geständnis von uns erwarten können."

"Chancen in der digitalen Welt"

Eine Strategie immerhin hat man bei der ARD: Man will an junge Zuschauer ran. Die Konferenz der Gremienvorsitzenden erklärte dies heute zu einem der vorrangigen Ziele in den nächsten Jahren und beauftragte die ARD-Intendanten "angesichts niedriger und zudem sinkender Marktanteile", ein Konzept zu entwickeln, wie man junge Menschen erfolgreich ansprechen könne.

Eine Idee scheinen die ARD-Chefs schon zu haben: Volker Giersch, Gremienvorsitzender, schlug Internetangebote für junge Leute vor, denn die "Chancen in der digitalen Welt" müssten genutzt werden. Nötig sei diese Expansion im Internet nicht zuletzt, damit die öffentlich-rechtlichen Sender ihren Auftrag für die junge Generation erfüllen könnten.

Sonderlich überraschend kommt dieser Vorstoß nicht. Folgt man der Argumentation, bedeutet das letztlich, dass die ARD im Internet expandieren muss, damit sie ihren verfassungsgemäßen Auftrag erfüllen kann.

Damit bringt sich die Gremienkonferenz der ARD klar in Stellung: Man fordert den weiteren Ausbau öffentlich-rechtlicher Internet-Angebote. Ein politisch ganz und gar nicht unumstrittenes Ansinnen: Diese Woche finden die Hearings zu einem neuen Gesetz statt, das den öffentlich-rechtlichen Sendern untersagen soll, Texte ins Netz zu stellen, die mehr bieten, als nur Begleitinformationen.

Der Grund: Besonders den Verlegerverbänden sind die Nachrichtenportale einiger öffentlich-rechtlicher Sender ein Dorn im Auge, denn sie fürchten eine Wettbewerbsverzerrung durch die gebührenfinanzierte Konkurrenz. Die Verleger stehen damit nicht allein. Zuletzt hatte sich auch Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) für die Beibehaltung einer Ausgaben-Obergrenze für die Online-Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen stark gemacht.

Dem können die Vertreter der Öffentlich-Rechtlichen naturgemäß nicht folgen. ARD-Intendant Fritz Raff appellierte heute erneut an die Länder, die ARD könne nur dann publizistische und kulturelle Vielfalt gewährleisten, "wenn man den Auftrag nicht auf Hörfunk und Fernsehen beschränkt". "Bei uns ist Alarmstufe Eins bei dem, was als Referentenentwurf auf dem Tisch liegt", sagte Raff.

mit Material von ddp und dpa

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