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22. August 2017, 16:39 Uhr

Danke, joergimausi

Die Tollen sind selten laut

Eine Kolumne von

Onlinekommentare sind wie eine Sonnenfinsternis - faszinierend, aber man sollte nicht genauer hingucken. Doch mit der hundertsten Kolumne hat sich die Autorin dem Übel gestellt.

Aus Anlass der 100. Kolumne - Stößchen - habe ich mir gedacht, ich rede nicht nur selbst, sondern lasse diejenigen zu Wort kommen, die mir jede Woche in mein postmodernes Poesiealbum schreiben, in Form von Onlinekommentaren. Diese Kommentare haben einen schlechten Ruf. Bei mir auch, ehrlich gesagt, deswegen lese ich sie meistens nicht. Aber weil man ja raus soll aus seiner Wellnessblase, habe ich mir in den letzten Tagen 1000 Onlinekommentare zu meinen Kolumnen reingezogen. Muss sagen: gar nicht so schlecht und für jeden was dabei. (Keine Ironie! Ich versuche dazuzulernen, und wenn ich eine Sache gelernt habe in knapp zwei Jahren SPON-Kolumne, dann ist es unter anderem die bittere Erkenntnis, dass Ironie nicht gut funktioniert, sonst würden mir nicht heute noch Leute begegnen, die denken, dass ich Justin Trudeau heiß finde.)

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben mit Onlinekommentaren ungefähr denselben Umgang wie mit Sonnenfinsternissen: Schon faszinierend, aber man sollte nicht hingucken, weil es ernsthafte Schäden geben kann. Dabei sind das eigentlich Schlimme in Onlineforen niemals die Onlineforen. Das eigentliche Übel sind die Menschen. Es sind immer auch ganz tolle dabei, aber halt auch andere, und die tollen sind selten laut.

Wenn man sich in der Bahn oder in der Kneipe neben irgendwelche Leute setzt und denen zuhört, dann ist das auch ziemlich oft ziemlich bekloppt. Und entsetzliche Sachen merkt man sich leichter als ganz okaye, und harte Kritik fällt mehr auf als knappe Zustimmung. Ich merke es mir selbst auch mehr, wenn in einem Blog jemand über mich schreibt, ich sei eine "philosophische Labertitte" oder "Spiegel Online-Überlesbe Margarete Stokowski". Ein Mirko W. schrieb mir auf Facebook, "du siehst aus wie eine plastiknutte zum aufziehen auf schwerer droge", und leider ist das Gehirn ja so, dass so etwas mehr hängenbleibt als "guter Text, weiter so!".

Menschen sind so, dass sie lange Texte selten zu Ende lesen, und vielen Kommentaren merkt man an, dass sie über die Überschrift nicht hinausgekommen sind, und ich könnte mich drüber aufregen, aber andererseits hab ich mir beim Lesen im Forum auch eher die kürzeren Kommentare rausgesucht, weil ich genau gleich faul bin. So nah am Leser!

Zur letzten Kolumne schrieb "medium07", ich sei mit schuld am Aufstieg der Rechtsextremen. "Auch Ihre in der Komfortzone verfassten Kolumnen haben zum Hass auf der 'anderen' Seite beigetragen, da Sie das Gesetz von Kraft und Gegenkraft sträflich ausser Acht gelassen und so zur Polarisierung beigetragen haben. Zudem sollten Sie sich in puncto Ausgrenzung nicht aufs hohe Ross setzen." Okay. Ich versuche mal, aufs niedrige Ross zu setzen und dabei alle physikalischen Gesetze zu beachten.

SPIEGEL ONLINE hat ja gerade so ein Transparenz- und Reflexions-Projekt am Laufen, SPON Backstage. Ich schließe mich an, auch wenn ich nicht Teil der Redaktion bin, sondern von zu Hause arbeite, im Bademantel und mit Prinzessinnenkrone üblicherweise. Es gibt viel Unklarheit darüber, wie Kolumnen entstehen, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass sie von sehr unterschiedlichen Leuten geschrieben werden, manche haben eine Stelle in der Redaktion, manche keine. Ich hab keine. (Will auch keine.)

Der normale Kolumnenentstehungsprozess geht bei mir so: Ich überlege mir bis Montagnachmittag ein Thema, rufe meinen Redakteur an, wir reden drüber, dann schreibe ich in der Nacht zu Dienstag einen Text, und irgendwann mittags oder nachmittags ist der Text online. Dazwischen wird er redigiert und von der Dokumentation gecheckt. Der Text hat eine Überschrift, die oft von mir ist, aber manchmal nicht, und einen Teaser, der eigentlich nie von mir ist, aber manchmal mit mir abgesprochen wird. (Wenn ich ihn unpassend finde, beschwere ich mich.) Deswegen ist es ein bisschen weird, wenn Leute schon kommentieren, wenn sie nur Überschrift und Teaser gelesen haben, aber was will man machen.

Die Kommentare schalten Leute in der Redaktion frei - oder auch nicht - , nie ich selber. Ich hab mal vorgeschlagen, dass Leute, bevor sie einen Text kommentieren dürfen, drei Verständnisfragen zum Text beantworten müssen. Warum denn nicht? Einfache Multiple-Choice-Fragen. Wer alle drei richtig beantwortet hat, kann mitdiskutieren. Ist das elitär? Antworten Sie gerne, ich lese heute oder morgen alle Kommentare zu dieser Kolumne und antworte auch. Äußern Sie sich gerne auch zu meiner Idee, eine Dating-Plattform ins Forum einzubinden, ich habe jedenfalls beim Lesen einige potenzielle Paare entdeckt.

Ein wiederkehrender Vorwurf ist, dass das alles hier nur Provokation ist. Forumsmitglied "p11" klagt an: "Wie immer, provokante Fragen und Vorschläge, die nur Klicks produzieren aber keine Substanz." Idealerweise würde ich gern beides herstellen, aber eins von beiden ist auch schon gut. Im Großen und Ganzen versuche ich, nur da Staub aufzuwirbeln, wo es eh schon die ganze Zeit dreckig ist. Saubermachen kann ich es nicht alleine, aber mal draufzeigen ist ein Anfang. Also ungefähr das Gegenteil von dem, was von einer Polin in Deutschland erwartet wird, Zwinkersmiley.

Ein weiterer wiederkehrender Vorwurf ist der der Abgehobenheit. "hockeyversteher" schrieb mal zu einer Kolumne: "Da ist kein Fünkchen Selbstzweifel, irgendwie daneben liegen zu können, [...] Echt Frau Stokowski - derartig selbstgerecht durchs Leben zu laufen ist auch irgendwie beeindruckend." Danke, danke! So was kam lustigerweise nie, als ich noch die "taz"-Kolumne hatte, aber vielleicht bin ich auch echt eklig geworden mit der Zeit, das kann man ja selbst immer so schlecht beurteilen. Ich denke natürlich bei vielen Texten, die ich schreibe, dass ich recht habe. Wär ja auch irgendwie blöd ansonsten. Niemand würde jede Woche einen Text lesen wollen, wo steht: Ist mir zu kompliziert, kann ich nichts zu sagen. Oder? Würden Sie lieber mehr Zweifel lesen? Hab ein paar, aber so viele dann doch nicht.

Darüber hinaus hat man die Wirkung eh nicht in der Hand. Es gibt ein paar Texte, die ich mit Depressionen geschrieben habe, zu denen Leute gesagt haben: Das war dein lustigster Text bisher. Es gab Texte, die ich betrunken geschrieben habe, und Leute fanden: so viel Klarheit. Und dann gab es welche, an denen habe ich tagelang gebrütet und Leute sagen: irgendwie wirr. Einmal hab ich gekifft, hat keiner gemerkt.

Dass das Genderthema so oft vorkommt in meinen Kolumnen, ist nicht meine Schuld, also fast nicht. Die Welt ist so. Wenn ich mal eine feministische Kolumne schreibe und alle im SPON-Forum stimmen mir zu, suche ich mir ein neues Thema. Einmal schrieb ein Nutzer namens "joergimausi" zu einer Kolumne übers Ehegattensplitting: "Es wird immer abstruser, was Sie so schreiben. [...] Ich sag Ihnen jetzt mal woran es liegt, dass manche Frauen das Gefühl haben, dass es so etwas wie ein Patriarchat gibt. Setzen Sie sich aber vorher, das wird jetzt hart, Achtung jetzt kommt es: Manche Frauen haben es einfach nicht drauf. Die würden sich auch von einem Gänseblümchen herumkommandieren lassen. Richtige Frauen hingegen haben noch nie unter irgendjemand gelitten oder sich von irgendjemand Vorschriften machen lassen." Danke, joergimausi! Für Leute wie Sie mache ich weiter. Schätze, noch ne Weile.

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