Opernstiftungschef Schindhelm "Ich fühle mich von Wowereit abgewiegelt"

Kultur wird Chefsache in Berlin. Aber ist die Übernahme des Kulturressorts durch Bürgermeister Klaus Wowereit wirklich ein Vorteil für die Hauptstadt? Der Direktor der Opernstiftung, Michael Schindhelm, ist skeptisch: "Die Tonlage ist alles andere als freundlich."


SPIEGEL ONLINE: Mit dem Abgang des Kultursenators Thomas Flierl verlieren Sie einen Verbündeten im Senat. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit verlangte von Ihnen schon vor der Wahl Einsparungen bis 2009 in Höhe von 17 Millionen Euro. Verschärft sich Ihre Situation?

Stiftungschef Schindhelm: "Man kann gespannt sein"
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Stiftungschef Schindhelm: "Man kann gespannt sein"

Michael Schindhelm: Die Tonlage ist alles andere als freundlich. Der Regierende Bürgermeister weiß, dass ich Zweifel hege, ob die Einsparungen realisierbar sind, die in der alten Regierung Wowereit von Flierl und Finanzsenator Thilo Sarrazin beschlossen wurden. Ich habe vor den Wahlen gesagt, dass das Opernstrukturkonzept in dieser Form nicht funktioniert, und vorgeschlagen, es neu zu justieren. In groben Zügen ist auch Wowereit bekannt, in welche Richtung ich denke. Ich war sehr überrascht, dass ich vor den Wahlen zum ersten Mal das Signal bekam: Der Schindhelm soll jetzt mal die Hausaufgaben machen. Eine Einladung zur Mitarbeit war das jedenfalls nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Staatsoper ist baulich marode und hat enormen Finanzierungsbedarf. Rot-Rot will den Bund vollständig in die Pflicht nehmen und selber gar nichts beisteuern. Wird die Oper zum Spielball des Berliner Trotzes?

Schindhelm: Ambivalenz gibt den Ton an. Zum einen heißt es: Wir schließen keine Opern, wir werden uns dem Verfassungsgericht nicht beugen. Zum anderen verlautet: Wir haben aber nur Geld für zwei Opern; die Staatsoper muss der Bund übernehmen. Da wird natürlich eine offene Rechnung präsentiert. Über der Koalitionsverhandlung steht: "Berlins Zukunft gestalten aus eigener Kraft". Da kann man gespannt sein...

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie lieber eine Stiftung mit zwei Opern führen?

Schindhelm: Davon gehen meine konzeptionellen Überlegungen nicht aus. Natürlich wäre es eine Erlösung für den Berliner Kulturhaushalt, würde der Bund die Staatsoper übernehmen. Aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass man damit nicht rechnen kann. Ich will mit meinem Konzept drei künstlerisch unabhängige Opernhäuser ermöglichen. Ich bezweifle allerdings, dass ich mit dem künftigen Kultursenator einer Meinung bin. Ich fühle mich von Wowereit abgewiegelt, denn die Aussage, es muss alles finanziell so bleiben ist, widerspricht dem, was ich angekündigt habe.

SPIEGEL ONLINE: Rot-Rot hat im Rahmen der Koalitionsverhandlungen angekündigt, sich in der Stadtentwicklung stärker dem Westen zuzuwenden. Könnte dies Folgen für die kulturelle Infrastruktur des Ostens haben?

Schindhelm: Tatsächlich stellt sich die Frage, wie es mit dem Westteil der Stadt weitergeht nach einer strukturellen Vernachlässigung, die in den vergangenen Jahren wahrscheinlich stattgefunden hat. Haben die Berliner Philharmoniker einen Vorteil gegenüber den Symphonikern, die Schaubühne gegenüber der Volksbühne oder die Deutsche Oper gegenüber der Staatsoper? Dies ist momentan schwer einzuschätzen. Da die Dichte der Kulturinstitutionen im Osten höher ist als im Westen, kann es sein, dass bei künftigen Einsparungen der Osten stärker betroffen sein wird. Zentrale Frage jedoch bleibt: Wie ernst meint es der Regierende Bürgermeister und künftige Kultursenator, wenn er sagt, der Bund müsse die Staatsoper übernehmen? Wir balancieren da auf einem sehr dünnen Seil, denn seit Jahren ist die Staatsoper nur noch mit einer Ausnahmegenehmigung zu führen. Sollte es über längere Zeit dabei bleiben, dass keine Sanierungszusage gemacht wird und wir dementsprechend auf unbestimmte Zeit den Betrieb unter den bestehenden Verhältnissen fortsetzen müssen, dann bin ich nicht bereit, weiter die Verantwortung zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Der Staatssekretär André Schmitz wird wahrscheinlich das operative Kulturgeschäft für Wowereit bestreiten. Was erhoffen Sie sich von ihm?

Schindhelm: Ich schätze Schmitz sehr, er ist ein Advokat der Berliner Kultur, der sehr viel Sensibilität für den Betrieb mitbringt und über eine doppelte Optik verfügt, die den Ossi-Wessi-Antagonismus nicht mitmacht. Die Frage ist aber: Wie viel Spielraum bekommt er letztendlich?

SPIEGEL ONLINE: Wowereit ist bekannt als politischer Partygänger; mit dem Kulturressort hat er jetzt die maximale Spielfläche zur Selbstdarstellung. Ein Standortfaktor für Berlin? Oder ist die Vernachlässigung programmiert, weil der Chef subalterne Beamte losschicken wird?

Schindhelm: Es gibt außer Herrn Wowereit auch noch eine Bundesregierung und dazu viele ausländische Gäste, die die Kultureinrichtungen der Stadt besuchen und dazu beitragen, dass die Opern, Theater und Museen so etwas sind wie der Spiegelsaal der deutschen Hauptstadt. Berlin wird hoffentlich nicht zu einer Art städtischem Versailles werden, wo der neue Ludwig XIV. auf- und abschreitet. Aber wenn Wowereit in Zukunft noch mehr als jetzt die Opernhäuser und Theater besucht, werden sie sich sicher freuen.

Das Interview führte Daniel Haas



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