Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Körperhass will gelernt sein

Von wegen Rabeneltern! Wer seine Dreijährigen über die Ziellinie eines Spaßlaufs schleift, bereitet sie damit bestens auf das Leben in einer Gesellschaft vor, in der kaum jemand ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper hat.
Zieleinlauf mit Kindern beim Linzer Marathon

Zieleinlauf mit Kindern beim Linzer Marathon

Foto: FOTO LUI/SPORTMEDIAPICS.COM

Applaus, Applaus, für die Eltern, die am Wochenende beim Linzer Marathon ihre heulenden Kinder ins Ziel gezerrt haben, Glückwunsch! Nicht zum sportlichen, nun ja, "Erfolg" ihrer Kleinen, sondern zu der Einsicht, dass richtig tief sitzender Körperhass nicht früh genug gelernt werden kann. Drei- und Vierjährige, die wissen, dass sie selbst für ein Spaßevent am Wochenende nicht gut genug sind, haben noch die Chance, bereits vor ihrer Einschulung vollends zu verinnerlichen, dass ihre Körper etwas sind, das sie lebenslänglich perfektionieren sollten. In diesem Sinne - aufrichtige Gratulation an die Eltern! Sie haben den Geist der Zeit erkannt. (Und nein, keinen ironischen Glückwunsch, ich mache hier gar nichts mehr mit Ironie, seit die Leute denken, ich wär echt in Justin Trudeau verliebt.)

Die Kinder vom Linzer Juniormarathon werden zumindest nicht mehr überrascht sein, was das Leben noch so für sie bereithält. Sie werden aufwachsen als vollständig integrierter Teil einer Gesellschaft, in der kaum jemand ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper hat - und zu denen der anderen auch nicht.

Zunächst werden sie einfach weiterhin das lebendige Statussymbol ihrer neurotischen Eltern sein, die zu eitel und zu blöd sind, ihr Kind alleine laufen zu lassen, egal ob und wann es dabei ins Ziel kommt. Wahrscheinlich haben die Eltern es eilig, weil sie ihr niedliches Projekt noch zum Frühballett bringen müssen oder weil bald die Anmeldefrist zum Hochbegabten-Sommercamp abläuft, und es wäre ja peinlich, wenn ausgerechnet ihr Kind in den Ferien nur Ponys reitet wie der letzte Trottel. Der Berliner Künstler Fil hat für diese Eltern die Hymne "Mein Kind ist geiler als dein Kind" geschrieben, aber die werden sie vielleicht gar nicht so lustig finden .

Wenn die Kinder dann in der Schule sind, müssen sie im Sportunterricht nur auf die richtigen Lehrer treffen, um zu lernen, dass Wettbewerb auch heißt, dass nicht jeder Dödel mitmachen kann. (Weiß man ja auch aus Germany's Next Topmodel.) Sie werden erfahren, was das Symbolbild für Außenseitertum schlechthin ist, nämlich als Letzter auf der Bank zu sitzen und gar nicht mehr in eine Mannschaft gewählt zu werden, sondern eben nur noch dahin zu trotten, wo zahlenmäßig eine Person fehlt - und sie werden dabei hoffentlich auf der richtigen Seite stehen: bei den Allerersten. In Mathe oder Englisch wär ein solches Auswahlverfahren pervers. Bei Sport heißt es: Komm, da musst du durch, da mussten wir alle durch.

Und es stimmt ja auch: Da müssen wir alle durch. Seit der Körper ein optimierbares Produkt ist, muss er auch optimiert werden - und da fällt man nur raus, wenn man Samson aus der Sesamstraße ist oder schon tot.

"Körperhass ist mittlerweile ein heimlicher westlicher Exportschlager"

Natürlich gibt es auch die Sorte Helikopter-Eltern, die die Bundesjugendspiele abschaffen wollen, damit Kinder nicht mehr ganz so früh traumatisiert werden, aber das ändert nichts an einer Gesellschaft, in der die einen immer dicker werden und die anderen sich nur noch von Detox-Smoothies ernähren , aber besonders zufrieden sind sie alle nicht damit, und warum sollten es ihre Kinder dann sein? So viel Gerechtigkeit muss sein. "Körperhass ist mittlerweile ein heimlicher westlicher Exportschlager", schreibt die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach in "Bodies - Schlachtfelder der Schönheit".

Die Mehrheit (78 Prozent) der elf- bis 17-Jährigen findet heute, dass es einen Zusammenhang zwischen Dünnsein und Beliebtsein gibt, und jede vierte Zwölfjährige hat bereits eine Diät gemacht. So steht es in der aktuellen Studie der "Bravo" , einer Zeitschrift, die sich wiederum auch nicht zu dämlich ist ein Heft zum Titel "Tricks dich sexy" zu machen, in dem eine YouTuberin Stylingtipps gibt für "Girls, die ihre Oberweite zu klein finden": "Kuschelsocken im BH sind der Shit! Die gibt's im 1-Euro-Laden - und es hat einen unglaublichen Effekt. Man muss sie umdrehen und geschickt reinstecken!"

Einen unglaublichen Effekt hat auch das zehnjährige Supermodel Kristina Pimenowa, das inzwischen 1,4 Millionen Follower auf Instagram hat . Über deren Eltern will man vielleicht gar nicht erst anfangen nachzudenken. "Remember beauty is inside", steht auf ihrem Instagramprofil, aber okay, mit zehn ist man halt auch noch naiv wie ein halber Goldhamster und fürs Denken wird sie auch nicht bezahlt.

Also, Linzer Marathonkids, die ihr bestimmt auch schon lesen könnt: Freut euch, solang eure Eltern euch noch mit sich ziehen. Bald müsst ihr alleine laufen und das wird nicht leichter. Und selbst wenn ihr mal meint einen Job gefunden zu haben, bei dem es wirklich scheißegal ist, wie euer Körper ist, weil ihr nur schreiben müsst und das auch von zu Hause in Jogginghose tun könnt, schreibt jemand zu eurem Autorenfoto: Kämmen Sie sich mal die Haare.