Design-Ideen für soziale Städte Nimm Platz, komm rum

Sicher trampen für Senioren und ein Gewächshaus über einer U-Bahnstation: Diese Ideen gewannen den ersten Orange Social Design Award für sozial nützliches Design. Haben sich die Projekte im Alltag bewährt?

Gewinner-Idee "U-Rangerie": Verbindung von Ober- und Unterwelt

Gewinner-Idee "U-Rangerie": Verbindung von Ober- und Unterwelt

Von Hannah Knuth


Speicher, im Juli 2015: In der kleinen rheinland-pfälzischen Gemeinde gibt es ein neues Verkehrsnetz - nicht aus Bussen, Rädern oder Straßenbahnen, sondern aus Bänken. Neun türkisfarbene Sitzgelegenheiten sind über das Örtchen verteilt. Sie sollen Senioren ein sicheres Trampen ermöglichen: Auf den Bänken nimmt Platz, wer von anderen Menschen mit dem Auto mitgenommen werden will - ins Zentrum, ins Nachbardorf oder ins knapp 20 Kilometer entfernte Bitburg.

Dieser Treffpunkt für spontane Fahrgemeinschaften, der vor allem für die älteren Bewohner von Speicher gedacht ist, mittlerweile aber auch Jüngere zum Trampen einlädt, soll eine Antwort auf die dürftige Nahverkehrslage auf dem Land sein. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von der Caritas Westeifel und weiteren Freiwilligen, die mit ihrer Idee der "Mitfahrerbank" im vergangenen Jahr den von SPIEGEL ONLINE und KulturSPIEGEL ausgeschriebenen "Orange Social Design Award" gewannen: Gesucht waren Designprojekte, die das Zusammenleben in einer Stadt verbessern. Ein Jury- und ein Publikumspreis wurden vergeben - letzteren gewann die "Mitfahrerbank" mit großem Abstand: Rund 58 Prozent der SPIEGEL-ONLINE-Leser wählten das Projekt zum Sieger.

Die Gewinner des Publikumspreises 2014 (v.l.): Marius Berrens, Karin Plein, Ursula Berrens, Senta Plein und Joachim Hansen
Katrin Würtemberger

Die Gewinner des Publikumspreises 2014 (v.l.): Marius Berrens, Karin Plein, Ursula Berrens, Senta Plein und Joachim Hansen

In diesem Jahr wird der Orange Social Design Award fortgesetzt, dieses Mal werden "Gute Ideen für die Schule" gesucht - ob es ein Netzwerk ist, eine App, ein umgebauter Raum, hier ist alles gefragt, was die Schule und das Zusammenleben dort für Schülerinnen, Schüler und Lehrer verbessert.Die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 31. August.

"Wir sind heute schwer am Arbeiten, das Netz weiter auszubauen, damit die Leute irgendwann innerhalb der Landgemeinde richtig rund reisen können", erzählt Initiatorin Ursula Berrens. Seit der Preisverleihung im Herbst 2014 hat das Team weitere Mobilitätsprojekte gestartet: Den "Rufbus" etwa, einen Kleinbus, der Senioren und Schwerbehinderte kostenlos innerhalb der Gemeinde fährt; auch ein Rollator-Training wurde durchgeführt, ein Scooter-Training ist in Planung.

Den Jurypreis gewannen 2014 sieben Studierende der TU Berlin mit ihrem "U-Rangerie"-Projekt, einem Gewächshaus über einem U-Bahn-Schacht, das im Sommer von der Abluft gekühlt und im Winter geheizt wird. Das Projekt verknüpfe das Konzept der Stadt als Landwirtschaftsraum "mit einer faszinierend einfachen und nachhaltigen Idee", lobte die Jury. "Hat es nicht auch etwas Poetisches", fragte sogar Jury-Mitglied Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums in Baden-Württemberg, "die urbane Ober- und Unterwelt auf diese Weise zu verbinden?"

Gewinner-Idee "Mitfahrerbank": Anlaufpunkt für Tramper jeden Alters

Gewinner-Idee "Mitfahrerbank": Anlaufpunkt für Tramper jeden Alters

Zum 50-jährigen Jubiläum des Berliner Wohnviertels Gropiusstadt, das von Bauhausgründer Walter Gropius errichtet wurde und als soziales Problemviertel gilt, hat die Gruppe um Sara Lusic-Alavanja, Stefan Liczkowski und Zara Pfeifer den Prototypen 2012 entwickelt und aufgebaut.

Mittlerweile haben die meisten von ihnen ihr Studium beendet, drei arbeiten noch an ihrer Abschlussarbeit. Trotz verschiedener Wohnorte und Alltagsrhythmen kommt das Team immer wieder für Architekturprojekte zusammen: "Fast alles, was wir seit dem Award machen, läuft in der gleichen Gruppenkonstellation und Arbeitsweise ab", sagt Zara Pfeifer. "Der Award hat unser Gruppenbewusstsein gestärkt, hat gezeigt, dass wir als Team zusammengehören". Im vergangenen Jahr hat sich die junge Architektengruppe zum Kollektiv ENTER THIS zusammengeschlossen.

Der Prototyp der "U-Rangerie" ist mittlerweile in der Gropiusstadt abgebaut und in den Besitz des örtlichen Oberstufenzentrums übergegangen. 2015 wurde das Projekt zudem für den "Architectus Omnibus" auserwählt, eine deutsch-spanische Kulturbegegnung in Berlin, bei der zehn Architekturprojekte vorgestellt werden, die Antwort auf gesellschaftliche Bedürfnisse geben sollen. Im Herbst ist ein zweiter Teil in Spanien geplant, "dann wird die 'U-Rangerie' in Madrid präsentiert", freut sich Pfeifer.

Die Sieger des Jurypreises 2014 (v.l.): Malte Heinze, Salome Wackernagel, Sara Lusic-Alavania, Zara Pfeifer, Stefan Liczkowski, Paul Kunzel und Johanna Streicher
Katrin Würtemberger

Die Sieger des Jurypreises 2014 (v.l.): Malte Heinze, Salome Wackernagel, Sara Lusic-Alavania, Zara Pfeifer, Stefan Liczkowski, Paul Kunzel und Johanna Streicher

Vom Preisgeld hat die Gruppe im vergangenen Jahr erst einen kleinen Teil benutzt, vor allem um an Wettbewerben teilnehmen zu können. Der Großteil soll in ihre nächsten Projekte fließen. "Das ist für uns ein Polster für die Zukunft", erklärt Liczkowski. Im Herbst will die Gruppe von dem Geld eine "Residency" organisieren, "also fernab des Alltags für eine Woche konzentriert im Kollektiv zusammen kommen, um neue Ideen zu entwickeln", sagt Pfeifer.

"Plötzlich wurde unser Projekt nicht länger belächelt"

"Wir haben das Preisgeld natürlich sofort ausgegeben", erzählt indes "Mitfahrerbank"-Initiatorin Berrens, "es hat für fünf Bänke gereicht." Das Geld für die weiteren Bänke sammelt das Team seither über Spenden ein, Unterstützung kriegt es dabei vor allem von ortsansässigen Firmen. "Wir sind begeistert, wie viele Leute bereit sind, für eine gute Idee Geld auszugeben", sagt Mit-Initiatorin Karin Plein. Das sei vor allem dem Medieninteresse geschuldet: "Es hat uns einen enormen Schub an Anerkennung gebracht", erzählt sie, "plötzlich wurde unser Projekt nicht länger belächelt, sondern ernst genommen."

Das mediale Interesse an der Mitfahrerbank hat auch zu Nachahmern geführt: Ähnliche Bänke stehen mittlerweile nicht nur in umliegenden Orten, sondern auch in Märkisch-Oderland und Nordhessen. Es gibt sogar Anfragen aus Österreich und Frankreich. "Dass unsere Idee jetzt auch an anderer Stelle umgesetzt wird, ist für uns die größte Anerkennung", sagen Plein und Berrens.

Wie erfolgreich die Bank in der Praxis funktioniert, wissen die beiden über die vielen Geschichten, die aus der Gemeinde an sie herangetragen werden. "Die Leute teilen ihre Erlebnisse: Wie es zum Beispiel Diskussion gab, wer von zwei Wartenden als erstes mitgenommen wird oder wie fünf Damen auf einmal auf einer Bank warteten - da hat sich am Ende niemand getraut, anzuhalten, um alle fünf Damen auf einmal mitzunehmen", erzählt Berrens. Konkrete Fahrgastzahlen gibt es allerdings nicht, denn an den Bänken sind keine Zählerwerke installiert - mit Absicht: "Das wollen wir nicht, denn die Idee ist ja eine andere", erklären sie. "Es soll ein Zugewinn an persönlicher Freiheit sein, an Kommunikation, Lebensqualität und Gemeinsinn."

Gute Ideen für die Schule gesucht!
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Orange Social Design Award 2014: Die Sieger - und die Shortlist

hkn

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