Organspende-TV Mieser Trick, guter Zweck

Kann es wahr sein, dass im Rahmen einer Reality-Show die Organe Todgeweihter an sterbende Kandidaten verzockt werden? 72 Minuten lang berserkerte sich die "Große Spendershow" durch die Emotionen der Zuschauer. Dann war klar: Alles nur gespielt, aber kein Anlass für Erleichterung.

Von Ina Florin, Amsterdam


Okay, alle wussten es, die "Große Spendershow" war eine Show. Aber was für eine! Eine Art Frankenstein unter den Reality-Shows, zusammengeschneidert aus den nervigsten dramaturgischen Elementen, die das Genre hergibt. Konzeptionell ein gruseliges Konglomerat aus "Herzblatt", "Nur die Liebe zählt" und "Deutschland sucht den Superstar". Das Studio-Styling eine räumliche Reminiszenz an eine Gladiatoren-Arena: Gäste im Dreiviertelrund um die zentrale Bühne. Morituri te salutant!

Jetzt fragt man sich: Hätte man es vorher wissen können? War es wirklich nicht zu ahnen?

Nein. Bis auf einen kleinen Fehler schien die Show authentisch – gerade weil sie noch hanebüchener war als befürchtet. Peinlich bis zur Schmerzgrenze, eine emotionale Achterbahnfahrt bis zum großen Ätschebätsch. TV-Müll aber, traurig genug, ist der moderne Zuschauer so sehr gewohnt, dass er ihn zähneknirschend erträgt – ohne an seiner Echtheit zu zweifeln. Eher im Gegenteil.

Aber von vorn. "Heute ist ein besonderer Tag in der Geschichte des Fernsehens. Heute wird etwas passieren, das es so noch nicht gab."

Genug gequatscht: Auftritt der Todgeweihten

Punkt halb neun am Freitagabend spricht Moderator Patrick Lodier diese Worte. Es folgt ein Zusammenschnitt der Politiker- und Medienmeinungen im Vorfeld, ein Rückblick auf das Leben des Sender-Gründers Bart de Graaff – auch er starb an einem Nierenleiden -, Statistiken, der Aufruf, sich als Organspender registrieren zu lassen.

Mit den Worten "Genoeg geluld" (Genug gequatscht) leitet der Mann abrupt über zu den "eigentlichen Stars der Show", den Kandidaten.

Wie bitte? Vor Ablauf der Schrecksekunde geht’s weiter. "Das ist Lisa. Und Lisa wird sterben".

Film ab. Man sieht die angeblich todkranke Spenderin Lisa im Park, Lisas Freund beim Werkeln in der Küche - hätte einem nicht eigentlich da schon auffallen müssen, dass was faul ist? Lisa hier, Lisa dort, Lisa voll im Leben. Aber eben nicht mehr lange.

Live-Auftritt Lisa. Erste Frage. "Warum tun Sie das?". Zweite Frage. "Wie fühlt sich das an, zwischen drei Menschen zu entscheiden?". Dritte Frage: "Nach welchen Kriterien werden Sie auswählen?"

Der Moderator hält voll drauf. Dann wieder genug gequatscht. "Nehmen Sie bitte Platz auf dem Spenderstuhl." Auch mit den anderen Kandidaten macht der Moderator um keinen Abgrund einen Bogen. Er hüpft direkt hinein. Erste Frage an die erste Bewerberin. "Wie sehr willst du diese Niere?" So geht es lustig weiter.

Regelmäßig wird der Stand des Zuschauer-SMS-Votings für die Todgeweihten eingeblendet. Lisa befragt sie nach Herzblatt-Manier. Unbarmherzig müssen sie wieder und wieder begründen, warum gerade sie die Niere verdienen. Funky Musik umspült die aufregenden Momente. Trauriges Klaviergeklimper die rührseligen. "Spannend", sagt der Moderator ab und zu. Und immer wieder: "Wenn dieser Kandidat Sie überzeugt hat, dann schicken Sie eine SMS an die Nummer xyz." Nie hat man sich sehnlicher eine Werbepause gewünscht.

Dann, endlich, nach siebzig zermürbenden Minuten der Höhepunkt der Show. Alle erheben sich. Lisa schmeißt den ersten Bewerber raus. Trommelwirbel. Tränen in allen Augen. Sie setzt zur finalen Entscheidung an. Trommelwirbel lauter. Dann spricht der Moderator die erlösenden Worte. Stopp! Alles nur gefakt!

Das unterirdisch trashige Format entpuppt sich als Mediensatire mit ernstem Hintersinn.

Je abgefahrener, desto wahrscheinlicher?

"Wir wollten ein Statement geben. Das ist geglückt. In den letzten sieben Tagen wurde mehr über Organspenden diskutiert als in den vergangenen sieben Jahren." Unendlich erleichtert und emotional am Ende sackt der Zuschauer in sich zusammen.

War das vor der Enthüllung zu erkennen? Nicht wirklich.

Nur ein winziger Hinweis inmitten dieses Panoptikums an Peinlichkeiten hätte stutzig machen können. Ein chronologisches Missgeschick: Lisa siebte ihre drei Kandidaten angeblich am selben Nachmittag aus einer Gruppe von 25 Bewerbern aus. Wunderbarerweise liefen aber abends in der Sendung bereits jede Menge aufwendig gedrehte Filme über die drei Auserwählten.

Es war ein besonderer Tag in der Geschichte des Fernsehens, aber es war nicht die erste fiktive Show. 1970, quasi im Präkambrium moderner Fernsehunterhaltung, lief im deutschen Fernsehen "Das Millionenspiel". Ein Mann wird sieben Tage lang gejagt. Überlebt er, gewinnt er eine Million Mark. Den Chef der Killerbande spielte - im Ernst - Dieter Hallervorden, den Moderator im Studio Dieter Thomas Heck. Gefakte Werbeeinblendungen untermalten die Menschenhatz. Eine Welle der Empörung schwappte durch die Republik. Gleichzeitig wollten sich unzählige Menschen als Jäger oder Gejagter für die Show melden.

Doch die "Spendershow" setzt da noch eins drauf: War das "Millionenspiel" noch eine düstere Utopie, ein Ausblick auf die Trash-TV-Zukunft, beschrieb die niederländische Show nicht mehr als eine durchaus denkbare Realität. Das eigentlich Erschütternde war nicht der wohlmeinende, wenn auch schrill verpackte Appell in Sachen Organspende, sondern das alles hätte durchaus wahr sein können.

Kein Zweifel, die "Große Spendershow" sorgte für viel Diskussion. Meist aber kreiste die um die moralische Schmerzgrenze modernen TV-Entertainments. Ob sie sich auf die Zahl der Organspender auswirkt, bleibt abzuwarten. Und ob misstrauische Zuschauer künftig öfter auf ein erlösendes "Haha, nur gefoppt" harren, ebenso. Anzuraten ist es nicht. Die Chance, enttäuscht zu werden, ist riesig.



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