Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Wenn Worte Waffen werden

Wer einen Diskurs der Abgrenzung pflegt, der schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihren Hass ausleben. Die Morde von Orlando und Leeds sind Folgen einer kriegerischen Rhetorik.
Trauernde in Orlando

Trauernde in Orlando

Foto: JIM YOUNG/ REUTERS

Was passiert, wenn Rassisten regieren?

Menschen sterben.

Was passiert, wenn Hass, Misstrauen und Verachtung jeden Tag in den Abendnachrichten zu hören sind, als sei es das Normalste auf der Welt?

Menschen sterben.

Was passiert, wenn die Grenzen der Zivilisiertheit jeden Tag aufs Neue herabgesetzt werden? Wenn Politiker zu Hetzern werden? Wenn Worte zu Waffen werden?

Menschen sterben.

Oder, wie Barack Obama gerade gesagt hat: "Where does this stop?"

Es ging Obama um Donald Trump, der die Morde von Orlando mal wieder dazu benutzt hatte, seine islamophobe Agenda zu propagieren.

Trump war es egal, dass der Mörder von Orlando Amerikaner war, er forderte erneut - "a complete and total shutdown" - Einreisebeschränkungen für Muslime.

Kurz zuvor hatte er einem Richter mit einem mexikanisch klingenden Namen gedroht und damit nicht nur die Verfassung mit Verachtung gestraft - "Textbuch-Rassismus" sei das, sagten Parteikollegen von Trump.

Aber wo endet das?

Was passiert also, wenn die Menschen, die in einer Demokratie regieren wollen, selbst nicht mehr an die Grundlagen und die Grenzen der Demokratie glauben?

Wo endet das?

Was passiert, wenn jemand wie der Ukip-Chef Nigel Farage die Diskussion um den Brexit nutzt, um Hass auf syrische Flüchtlinge zu schüren?

Wo endet das?

Es endet damit, dass ein offenbar geistig verwirrter Mann in Leeds auf eine Politikerin schießt und "Britain First" ruft und einen Menschen ermordet und all das angreift, wofür die Demokratie steht.

Eines nämlich sollte man langsam begriffen haben: Worte haben Wirkungen.

Das gilt, wenn irgendwo im Mittleren Osten ein wütender Mann sagt: Tötet alle Ungläubigen - und in Orlando ein wütender Mann tanzende Homosexuelle ermordet.

Und das gilt auch, wenn eine Gesellschaft es zulässt, dass Hass auf Minderheiten scheinbar okay ist - und die Menschen, die sich für diese Minderheiten einsetzen, wie Jo Cox, zum Ziel dieses Hasses werden.

War es ein Akt des Terrorismus, was in Orlando geschah?

Ja.

War es ein Akt des Terrorismus, was in Leeds geschah?

Ja.

Es ist das, was passiert, wenn Menschen sich systematisch ermutigt fühlen, den Hass, den sie im Herzen tragen, auszuleben.

Es ist das, was passiert, wenn das politische, soziale und kulturelle Umfeld sich so verändert hat, dass Hass eine akzeptable Haltung zu sein scheint.

Es ist das, was passiert, wenn es zu viele Menschen zu lange hinnehmen, dass nach und nach die Grenzen des Sagbaren verschoben werden.

Hier zeigt sich, wie sich die Härte, die die öffentliche Auseinandersetzung über die Frage der Flüchtlinge geprägt hat, langfristig auswirkt.

Es ist ein Gift, das in viele Verästelungen der Gesellschaft sickert und das Denken und Reden der Menschen schon mehr prägt, als sie wissen.

Das Erschrecken über den Mord an Jo Cox ist damit das eine - das andere ist, daraus die Konsequenzen zu ziehen.

Wer einen Diskurs der Angst und der Abgrenzung pflegt, der schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihren Hass ausleben.

Im Fall der Flüchtlinge, die nach Europa kommen, ist das exemplarisch falsch, weil hier gerade die Chance war, Politik auf andere und inspirierende Weise neu zu deuten.

"Es darf nicht sein, dass das Ende der Willkommenskultur als ein Fest gefeiert wird", sagte vor Kurzem der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier  in Richtung eigene Partei, die CSU. Alles "Positive und glücklich Erreichte", wie Maier es nannte, werde durch solch eine Haltung aufgezehrt - und, kann man anfügen, durch das Negative und gezielte Manipulation ersetzt.

Das ist es, wie Rassisten regieren. Trump sei die "nationale Verkörperung all unserer Ängste", schrieb neulich Mark Danner  - und Angst produziert eben neue Angst.

Angst braucht Angst - das ist eine Beschreibung dessen, was in Leeds und auch in Orlando passiert ist.

Es sei ein "warrior narrative", das Donald Trump antreibt, schrieb gerade der Psychologe Dan P. McAdams  - die Kriegserzählung als grausam narzisstische Heldensage.

Aber wo Krieg ist, da gibt es Opfer.

Und das gilt auch umgekehrt: Man braucht Opfer, damit Krieg herrscht.

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