Orthografie / Orthographie Hitzige Debatte um Rechtschreibreform

Die Entscheidung von Springer und SPIEGEL zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, hat in Deutschland eine leidenschaftliche Debatte ausgelöst. Von "Erpressungsversuch" bis "mutige Entscheidung" reichen die Reaktionen. Während CDU-Ministerpräsidenten die Initiative überwiegend begrüßten, kam von SPD-Politikern massive Kritik.


Zweifarbiger Duden: Im August 1996 erschien die erste Duden-Ausgabe mit neuer Rechtschreibung, seit 1. August 1998 wurde in den Schulen nur noch die neue Schreibweise gelehrt
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Zweifarbiger Duden: Im August 1996 erschien die erste Duden-Ausgabe mit neuer Rechtschreibung, seit 1. August 1998 wurde in den Schulen nur noch die neue Schreibweise gelehrt

Hamburg - FDP-Chef Guido Westerwelle begrüßte die Entscheidung der Hamburger Verlage und kündigte an, für die Rücknahme der Rechtschreibreform kämpfen. "Die neue Rechtschreibung ist so überflüssig wie ein Kropf", sagte er der "Welt am Sonntag". Daher könne und sollte sie rückgängig gemacht werden. Westerwelle forderte den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber auf, im Bundesrat einen entsprechenden Antrag einzureichen. "Jetzt geht das noch. Ich werde dafür kämpfen", sagte der FDP-Chef.

Zuvor hatten sich bereits der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber sowie Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und sein saarländischer Kollegen Peter Müller (beide CDU) für die Änderung der neuen Regeln ausgesprochen.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete die neue Rechtschreibung im Südwestrundfunk als "dämlich". Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die bereits ein Jahr nach der Reform zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt war, nannte die Reform "ein öffentliches Unglück". Dass jetzt der SPIEGEL und der Axel Springer Verlag zur alten Rechtschreibung zurückkehren, sei mutig und angesichts des Einflusses der beiden Verlage folgenreich. "Die Verlage handeln, wie auch diese Zeitung, aus Not, nicht aus ideologischem oder wirtschaftlichem Kalkül. Darin müssten sie von der Öffentlichkeit bitter ernst genommen werden: Ihr Schritt sagt nichts anderes, als dass es beim besten Willen nicht mehr geht", so Schirrmacher.

Empört reagierte dagegen der Geschäftsführer der Rechtschreibkommission, Klaus Heller, auf den Vorstoß der Verlage. Er nannte die Entscheidung in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" einen "Erpressungsversuch". Die Rechtschreibreform sei ein jahrzehntelanger demokratischer Prozess gewesen. Jetzt werde versucht, diesen einfach auszuhebeln. Er befürchte nun ein Chaos, so Heller weiter. In der Schule dürfe nichts anderes gelehrt werden, als in den Zeitungen steht.

Auch die Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern, Kurt Beck und Harald Ringstorff (beide SPD), wollen an der Rechtschreibreform festhalten. Beck kritisierte im "Tagesspiegel", der Vorstoß der Axel Springer AG und des SPIEGEL-Verlags habe "viel mit Kampagne und Public Relations, wenig mit Inhalt zu tun". Thomas Osterkorn, Chefredakteur der Zeitschrift "Stern", betonte im ZDF, die Unstimmigkeiten der alten Regeln seien "viel größer".

Kritik kam auch von der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan (CDU). "Die Bundesverbände der Zeitschriften- und Zeitungsverleger waren an der Entstehung der Rechtschreibreform beteiligt", betonte die CDU-Vize-Chefin am Freitag in Stuttgart. In der "Stuttgarter Zeitung" ergänzte Schavan, sie sei überzeugt, dass "die Entscheidung zweier Verlage" die Politik nicht zur Umkehr bringe.

Auch führende ostdeutsche Politiker sprachen sich gegen die Rücknahme der Rechtschreibreform aus: Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus wendete sich in der "Berliner Zeitung" gegen eine Reform der Reform. Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) sagte: "Für die nachfolgende Generation bringt die Rechtschreibreform wesentliche Vereinfachungen. Das zeigt sich bereits heute in den Grundschulen." Er verwies darauf, dass durch die Rechtschreibreform viele Ausnahmeregelungen sinnvollerweise aufgegeben worden seien. "Eine Abkehr von der Rechtschreibreform wäre auch ein finanzielles Problem", fügte Reiche hinzu. "In den vergangenen Jahren sind viele Schulbücher neu gedruckt und gekauft worden."

Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) betonte, wenn jetzt mehrere Zeitungen und Verlage zur alten Rechtschreibung zurückkehrten, würden sich auch die Kultusminister in dieser Frage neu positionieren müssen. Er bekräftigte seinen Wunsch einer vorsichtigen Revision der Reform, um deren hässlichste Fehler auszumerzen. Flierl betonte: "Die Hauptsache ist jetzt die Vermeidung von Kleinstaaterei und die Herstellung einer einheitlichen Rechtschreibung. Das muss vor allem mit Österreich und der Schweiz abgestimmt werden." Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) kritisierte: "Das ist nicht hilfreich". "Es kommt doch darauf an, den Kindern Freude am Lesen und Schreiben beizubringen", sagte Böger. In den Berliner Schulen werde sich am Prinzip der neuen Rechtschreibung nichts ändern.

SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust hat die Entscheidung seines Hauses unterdessen verteidigt, wieder die alten Rechtschreibregeln anzuwenden. Aust begründete den Entschluss im RBB-Inforadio mit der nach wie vor mangelnden Akzeptanz der neuen Regeln durch die Bevölkerung. "Als jetzt die Kultusministerkonferenz entschieden hat, dass im nächsten Jahr diese merkwürdige Reform auch noch Pflicht werden soll, da haben wird gedacht, jetzt müssen wir etwas tun, um diesem staatlicherseits verordneten Schwachsinn Grenzen zu setzen", sagte Aust.

In Schulen und Hochschulen soll am 1. August 2005 die Reform verbindlich werden. Damit drohen in Schulen und einem Teil der Medien künftig unterschiedliche Schreibweisen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) hatte sich bereits im Jahr 2000 von der Reform abgewandt. Bei der "Süddeutschen Zeitung" ist der Zeitpunkt noch offen, wann wieder nach den alten Regeln formuliert werden soll.

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