Oscar-Gala für Henckel von Donnersmarck Wenn Bayern Größe zeigen

Heimat, Pathos, Edmund: Der erste deutsche Empfang für Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck geriet zur bajuwarischen Jubelfeier. Ministerpräsident Edmund Stoiber hielt stolz den Oscar, den Henckel von Donnersmarck nur als "Gebrauchsgegenstand" bezeichnete.

Von , München


München - Der Mann ist eine Lichtgestalt. Die Dämmerung ist schon lange hereingebrochen, doch Florian Henckel von Donnersmarck ist erleuchtet. Von Ferne sieht es sehr einsam aus, wie er da mitten im Kaiserhof der Münchner Residenz steht, das Haupt umglänzt.

Stoiber, Henckel von Donnersmarck: "Ein Oscar ist eben ein Gebrauchsgegenstand"
Getty Images

Stoiber, Henckel von Donnersmarck: "Ein Oscar ist eben ein Gebrauchsgegenstand"

Doch weiter unten, da wuselt es gewaltig: Fotografen, Kameraleute, Journalisten. Der 2,05 Meter lange Regiestar überragt sie alle. Und weil die Reporter vom Boulevard meist Reporterinnen sind, müssen sie sich schon gewaltig strecken, um ihre Mikrofone in Position zu bringen. Das sieht dann ein bisschen überirdisch aus: Oben der markante Henckel-von-Donnersmarck-Kopf im Licht, dann zig Mikrofone drum herum und schließlich die aufgeregten Frager.

"Wir wollen ihn sehen, Florian, zeig' ihn uns!", rufen sie. "Wollt ihr ihn sehen?", grinst Henckel von Donnersmarck, geht zum Kofferraum seines 7er-BMW, greift in eine Art gepolsterten Hausfrauen-Nachmittags-Einkaufskorb und holt den Oscar hervor: "Hier isser!" "Ahhh!", macht es um ihn herum. "Naja", sagt Henckel von Donnersmarck, "er ist tatsächlich schon ein bisschen zerkratzt - ein Oscar ist eben ein Gebrauchsgegenstand".

"Besseres Verhältnis zu Größenwahnsinnigen"

Vor drei Wochen hat Florian Henckel von Donnersmarck für seinen Film "Das Leben der Anderen" im Kodak Theatre von Los Angeles einen Oscar gewonnen. Und dies hier in der Residenz ist sein erster Gala-Empfang in Deutschland. Drüben in Amerika hatte der Regisseur gesagt, er hätte seinen Film ohne Bayern gar nicht machen können: "Die Bayern haben irgendwie ein besseres Verhältnis zu Größenwahnsinnigen als Leute in anderen Bundesländern."



Der buchstäblich größte deutsche Filmemacher variiert auch an diesem Abend in München von Beginn an das bajuwarische Heimatmotiv und spricht schon draußen in der Dämmerung davon, dass er "siegreich heimkehre mit dieser Statue". Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber kennt sich mit diesem Motiv natürlich bestens aus, dankt Henckel von Donnersmarck, dass der "in der Stunde des Triumphes sein Heimatland nicht vergessen" habe, er sei "ein Oscar-Preisträger hier aus unseren Reihen".

Es wird ein sehr bayerischer Abend. Das hat viel mit der Geschichte des Oscar-prämierten Werks zu tun. Es sei schwierig gewesen, den Film durchzukämpfen, sagt Henckel von Donnersmarck. Fast alle Verleiher hätten abgelehnt, nur dank der bayerischen Filmbranche und des Bayerischen Rundfunks sei er machbar gewesen. "Mein Rom ist München", sagt er schließlich.

"Bayern ist mehr Haltung als Blut und Biografie"

Henckel von Donnersmarck scheint Stoiber als personifiziertes Bayern zu begreifen. In einer Mischung aus Pathos und Schlitzohrigkeit dankt er dem Ministerpräsidenten immer wieder, drückt ihm den Oscar in die Arme, legt ihm die Hand auf die Schulter. Der Fast-zwei-Meter-Mann Stoiber wirkt neben dem Hünen Henckel von Donnersmarck wie ein kleiner Bub, der sich über eine neue Spielzeugeisenbahn freut.

Er habe mit dem Filmgeschäft angefangen, als Stoiber im dritten Jahr Ministerpräsident gewesen sei, sagt Henckel von Donnersmarck. Deshalb "bin ich persönlich sehr glücklich, dass ich den Oscar 2007 und nicht 2008 bekommen habe", grinst er mit Blick auf Stoibers nahenden politischen Abschied. Die Leute vom Film hätten sich, so Henckel von Donnersmarck, von Stoiber immer "sehr ernst genommen gefühlt".

Seinen jungen Produzenten Quirin Berg und Max Wiedemann dankt Henckel von Donnersmarck für die "herrlich bayerische Mischung aus großer Intelligenz und Unbestechlichkeit". Überhaupt: Bayern habe "mehr mit Haltung zu tun als mit Blut und Biografie", sagt der gebürtige Kölner. Die Menschen gäben "hier mehr als nötig: Die Schaufensterauslagen sind schöner und das Abitur besser". Jubel in der Residenz.

Im Überschwang zieht Henckel von Donnersmarck Bayern sogar aus Deutschland ab: Kalifornien und Bayern seien ja Partnerstaaten, "zwischen München und Los Angeles erscheint mir die Entfernung manchmal geringer als die zwischen München und Berlin". Da muss sogar Stoiber ein wenig kritisch mit dem Kopf wackeln. Doch für Henckel von Donnersmarck scheint Berlin nur die graue Stadt aus seinem Stasi-Film zu sein. Das größte Opfer für seinen Film sei es gewesen, zeitweise "von Bayern wegziehen zu müssen".

Zum Schluss spricht der Regisseur über seine Zukunft. Es ist beinahe eine Entschuldigung. Er habe jetzt "große Chancen in Amerika". Wenn er diese nutze, dann sei das "kein Verlassen dieses Landes". Er wolle nur "die Möglichkeit, die sich mir bietet, nicht verstreichen lassen". Er hoffe, sagt er ins Publikum, "dass Sie mich hier weiter als einen der Ihren sehen können".

Manche tragen jetzt ein seliges Lächeln im Gesicht.

Und Edmund Stoiber tippt dem jungen Regisseur auf die Brust: "Das war eine tolle Rede!"



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.