Osman Kavala in Haft Alles, woran es der Türkei mangelt

Seit 100 Tagen sitzt Osman Kavala, Vorsitzender einer Kulturorganisation, in türkischer Haft. Er steht für: Dialog, Begegnung, Versöhnung.
Von Esra Küçük und Necati Öziri

Dies ist kein Porträt. Um ein Porträt über Osman Kavala zu schreiben, hätten wir uns normalerweise mit ihm in einem kleinen angesagten, aber nicht zu hippen Café im Istanbuler Künstlerviertel Cihangir verabredet. Wahrscheinlich wären wir, zwei Berliner Kulturschaffende, die den Istanbuler Verkehr immer wieder unterschätzen, viel zu spät gekommen. Wir würden hektisch in das Café stürzen, in dessen hinterster Ecke Kavala völlig entspannt mit einer Tasse Kaffee sitzt, blaue Augen, grauer Bart, dunkle Locken und hoffnungsvoll in seine Zeitung vertieft.

Zu den Autoren

Esra Küçük ist Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theaters und leitet das Gorki Forum. Necati Öziri ist Autor und und leitet bei den Berliner Festspielen das Internationale Forum des Theatertreffens.

Kavala gehört zu einer der wohlhabendsten Industriellenfamilien in der Türkei. Anstatt sich mit Künstlerinnen und Künstlern abzumühen, könnte er es sich locker leisten, jeden Tag seines Lebens seinen Reichtum zu genießen. Doch seitdem er mit 24 Jahren, nach dem Tod seines Vaters, das Familienunternehmen - die Kavala-Group - übernahm, hat er es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, mit Kunst- und Kulturprojekten Dialog und Begegnung zu ermöglichen.

Als Präsident der 2002 von ihm gegründeten Organisation Anadolu Kültür sowie als Mitglied zahlreicher anderer Initiativen gehört er zum Kreis jener Menschen in der Türkei, die die kulturellen und zivilgesellschaftlichen Brücken nach Europa auf- und ausgebaut haben.

Zur Demokratisierung beitragen

Geboren in Paris, studierte er in Großbritannien, an der University of Manchester, Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Militärputsch in der Türkei im September 1980 gründete Osman Kavala einen Verlag: Das Iletsim Publishing House will zur Demokratisierung des Landes beitragen. Nicht zuletzt hat das große Erdbeben von 1999, bei dem fast 20.000 Menschen in der Türkei starben, Kavala dazu bewegt, sich voll und ganz der Zivilgesellschaft zu widmen.

In dem Café, in dem wir Osman treffen, würden wir wahrscheinlich als Erstes mit ihm über sein neuestes Projekt in Gaziantep sprechen; dort will er gerade ein Kunst- und Kulturzentrum aufbauen, um im Südosten der Türkei, fernab der Metropolen Istanbul und Ankara, Plattformen der künstlerischen Auseinandersetzung zu erschaffen. Dann hätten wir gefragt, wie die Arbeit mit marginalisierten kurdischen Künstlern in seinem Kulturzentrum in Diyarbakir läuft, wann das armenisch-türkische Symphonieorchester, das er ins Leben gerufen hat, das nächste Mal wieder in Berlin spielt und wie der Schüleraustausch zwischen Deutschland und der Türkei wieder ins Laufen zu bringen ist.

Wir hätten ihn ins Gorki Theater nach Berlin eingeladen, zum alljährlichen Gedenkabend für Hrant Dink, dem vor elf Jahren ermordeten armenischen Journalisten und Wegbegleiter Osman Kavalas. Und wenn wir uns dann abschließend über den Abbau der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei aufgeregt hätten, hätte er wahrscheinlich geantwortet: "Lasst uns lieber schauen, welches Kunstprojekt wir starten können. Was bringt die Menschen einander wirklich näher?" Er hätte das wie immer mit sanfter Stimme gesagt. Kavala gehört nicht zu jenen, die bellen, sondern zu jenen, die zuhören.

Aber dieses Gespräch können wir nicht führen. Denn in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 2017 wurde Osman Kavala am Atatürk-Flughafen in Istanbul verhaftet. Und genau deswegen können wir dieses Porträt über ihn nicht schreiben. Seit 100 Tagen sitzt er in Silivri - dem größten Gefängnis Europas. Ihm wird vorgeworfen, die Gezi-Park-Proteste vom Sommer 2013 organisiert zu haben. Er ist der Erste und bisher Einzige, der mit dieser Begründung festgenommen wurde. Die Liste der Gründe, für die man in der Türkei eingesperrt werden kann, wird täglich länger.

Kavala ist weder Journalist, wie beispielsweise Deniz Yücel, noch Menschenrechtler wie Peter Steudtner - um von den Tausenden meist ohne jegliche Anklageschrift Inhaftierten nur die in Deutschland bekanntesten zu nennen. Kavala gehört auch keiner Minderheit an, er ist selbst weder Kurde noch Armenier.

Glaube an eine solidarische Gesellschaft

Seine Inhaftierung steht für einen weiteren Schritt: Den Versuch der Ausschaltung jener, die auf kultureller Ebene Allianzen bilden mit den vermeintlichen "Feinden der Türkei". Denn seinen Projekten haftet der Glaube an eine solidarische Gesellschaft an, in der Teilhabe von Marginalisierten - wie beispielsweise Kurden, Armeniern, Aleviten, Straßenkindern oder Geflüchteten - möglich ist. Kavala steht für all das, woran es der so gespaltenen Türkei derzeit mangelt: Dialog, Begegnung, Versöhnung.

Und so wurde durch seine Inhaftierung auch unser Gespräch mit ihm verunmöglicht. Vielleicht sollten wir eingestehen, wie ohnmächtig wir sind, aber gleichzeitig können wir gar nicht darüber hinwegsehen, wie verwoben deutsche Politik mit der Entwicklung der Türkei und damit auch mit Kavalas Schicksal ist: Der verweigerte EU-Beitritt, das Flüchtlingsabkommen und die deutschen Waffenlieferungen, die für einen Krieg gegen die Kurden im Osten des Landes verwendet werden, dort, wo Osman Kavala kulturelle Plattformen gebaut hat.

Es ist so einfach, jene Menschen moralisch zu verurteilen, die zuschauen, wie sich Unrecht ausbreitet, ohne einzugreifen. Doch wenn unsere zukünftigen Kinder uns fragen, was habt ihr damals getan, als die demokratischen Werte in der Türkei und damit unsere Werte auf dem Spiel standen - ihr, als Kulturschaffende: Was antworten wir? Wozu hätte Osman Kavala geraten, säße er jetzt im Café vor uns?

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