"Othello"-Premiere Straßenkampf vorm Schauspielhaus

Männer wälzen sich kämpfend auf nassem Asphalt, ein nackter Mohr mit Megaphon, verwirrte Passanten auf dem Bahnhofsplatz: Die Premiere von Stefan Puchers "Othello"-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus kombinierte den von Intendant Tom Stromberg versprochenen Bühnen-Wahnsinn mit beinahe klassischem Straßentheater.

Es sollte ein "Othello" sein, der die Bühne sprengt. "In der Pause geht's draußen weiter!" verkündete der böse Jago in geschäftsmäßigem Ton, als er die bekannte Intrige gegen seinen Feldherren Othello gerade in die Endphase leitete.

Nicht alle Premieren-Zuschauer des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg hatten das wohl für bare Münze genommen, doch wer aus dem Foyer in Richtung Hauptbahnhof spazierte, wurde tatsächlich Zeuge des dramatisch inszenierten Meuchelmordes an Jagos Erzrivalen Michael Cassio. Musikalisch illustriert wurde das Straßentheater durch einen knarzenden James-Brown-Soundtrack aus Ghettoblastern, zu dem Othello, der erst nackt, dann im sportlichen Boxmantel, hitzig tanzte. Die Meute hetzt das Opfer, das ARD-Fernsehen war live dabei.

Regisseur Stefan Pucher, 48, der sich am Hamburger Schauspielhaus zuletzt mit Tschechows "Möwe" und Büchners "Leonce und Lena" den zweifelhaften Ruf eines Pop-Regisseurs erarbeitete, hatte sich für seinen "Othello" den Jungstar Alexander Scheer, 27, von der Berliner Volksbühne geholt, der bereits als Bühnenschauspieler unter anderem bei Frank Castorf ("Der Idiot"), aber auch im Kino ("Sonnenallee") reüssierte. Puchers Wahl eines jungen "Mohren von Venedig" setze den entscheidenden Akzent, denn dieser funky Feldherr fühlt, denkt, bewegt sich ganz anders als die Führungsriege seiner Zeit und ist auch deshalb ein leichtes Opfer des Establishments.

Scheer, mit kohlrabenschwarzem Gesicht und grellrot überschminkten Lippen, stolzierte von Beginn an als Outsider, als abweisend spröder Fremdkörper über die Bühne: Keine Chance für irgendeine Art von Integration, der Mohr dient als personifizierte Antithese zu den Businessmen der venezianischen Gesellschaft. Die scharwenzeln in Maßanzügen, eng sitzenden Krawatten und blütenweißen Hemden umher, angeführt von Seminarleiter Jago, dem Chefintriganten und Motivations-Coach mit charismatischem "Tschakka!"-Appeal. Seelenheil und beruflicher Erfolg seiner Truppe liegt ihm indes wenig am Herzen. Der Tod ist sein Geschäft.

Jagos Enttäuschung über seinen Karriereknick treibt ihn zum Amok: Erst der verhasste Cassio, dann die schöne Desdemona, schließlich soll Othello selbst sterben. Doch nein, das ging dem Regisseur dann doch zu weit: Hier und heute ist dieser Mohr überlebensfähig.

Die Ausstellung seiner wunderbar funktionierenden Gesellschaft gelingt Regisseur Pucher sehr sinnlich. Die Bühne dreht sich beständig: Vom schroffen Fels bis zum bordellhaften Entspannungsbereich für Führungskräfte ist der Übergang stets glatt und mühelos. Protziges Gold im Bad kontrastiert mit kaltblauen Felsen. Aber trotz des stetigen Wandels bleibt es dieselbe Welt.

Die Frauen der Krieger sind folglich entweder als Truppenbetreuerinnen im Andrew-Sisters-Look kostümiert oder, wie Desdemona, als taffe Lederbraut in kurzen Hosen mit ondulierter Marlene-Dietrich-Tolle. Diese Desdemona ist keine anbetende Unschuld, sondern eine abgebrühte Gesellschaftsmieze, die ihren Überdruss an Papas Dünkel und seinen Moneten mal eben mit einer erotischen Liaison ausleben will. Pech nur, dass hinter der harten Fassade Othellos ein emotionaler, gutgläubiger Chaot wohnt, der schließlich, von tödlicher Eifersucht verwundet, machohaft explodiert. Jana Schulz, ein Jahr jünger als Scheer, spielt eine selbstbewusste und beunruhigende Desdemona, die schon bei ihrem ersten Auftritt (in sexy schwarzweißer Schulmädchen-Uniform) kokett ins Publikum blickt und keinen Zweifel an ihrem eiserner Willen zur Aufmüpfigkeit lässt.

Am Publikum liegt Pucher überhaupt sehr viel: Seine venezianischen Senatoren sitzen anfangs im Parkett und debattieren über die Köpfe des Auditoriums hinweg - fast schon eine Parlamentsdebatte, deren Muster später immer wieder aufgegriffen wird. Bösewicht Jago spricht fast ständig zum Zuschauer, werbend und schleimend für seine - effiziente - Sicht der Dinge: Schuldig!? Ich? Iwo!

Wolfram Kochs Jago-Darstellung erzählt von mühsam erarbeitetem Selbstbewusstsein, erlernter Cleverness und Wochenendseminar-Schläue. Was muss der einen Othello hassen, der einfach so daherkommt, lebt und auch noch erfolgreich ist, ohne Regelbuch.

Natürlich will Stefan Pucher diesen Konflikt wieder mit kraftvoll emotionalisierender Popmusik aufladen. Schon zu Beginn vermixte er den Sparks-Song "This Town Ain't Big Enough For The Both Of Us" zu einem giftigen Kriegssoundtrack. Zu Eminems knochentrockenen Beats wälzt sich später Othello über kalten Felsen, wirft sich wild auf die Steine, als er Desdemonas scheinbare Untreue betrauert. Doch mit James Browns "I Feel Alright" kriegt er wieder die Kurve, überlebt am Ende gar in einer Michael Jackson entlehnten Tanz-Apotheose: "I paid the cost to be the boss", singt er, und der Regisseur lässt den Othello leben - immerhin waren die anderen noch böser. Mildernde Umstände also, wegen Tat im Affekt.

Als schließlich der Mord an Desdemona geschieht, agieren die beiden Jago-Opfer als stumme Katzen, schleichend, posierend, lauernd, in einer Pantomime auf hartem Untergrund. Der Dialog kommt aus dem Off, beide sind buchstäblich "außer sich". Ein starkes Bild: Desdemonas unschuldig weißes Brautkleid geht in Fetzen, Othellos goldener Pailletten-Anzug hingegen bleibt ganz. Der Macho, im Straßenkampf gestählt, bleibt am Ende Sieger.

Zum Schluss gab es frenetischen Jubel für die Schauspieler, aber auch für Regie, Bühnenbild und die im besten Sinne maßgeschneiderten Kostüme. Gespielt wurde die brillante Übersetzung von Frank Günther: frisch und dennoch dicht am Shakespeare-Text. Endlich blitzte der Wahnsinn auf, den Schauspielhaus-Intendant Tom Stromberg für seine letzte Spielzeit versprochen hatte. Grell, hart, schlau, mutig: Puchers Othello wagte viel und gewann.


Othello


Regie: Stefan Pucher. Text: William Shakespeare, deutsch von Frank Günther. Dramaturgie: Ingo Berk. Kostüme: Annabelle Witt. Bühne: Barbara Ehnes. Musik: Justus Köhnke/Lieven Brunckhorst. Darsteller: Lisa-Marie Janke, Christina Rubruck, Jana Schulz, Ben Daniel Jöhnk, Wolfram Koch, Guido Lambrecht, Alexander Scheer, Martin Pawlowsky, Franz-Josef Steffens. Deutsches Schauspielhaus in Hamburg. Aufführungen am 18, 21. und 30. September

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