Palästinensische "Lindenstraße" Mutter Beimer trägt jetzt Kopftuch

Herz! Schmerz! Liebe! Triebe! Und in jeder Folge eine Checkpoint-Szene. Das Goethe-Institut hat die erste Seifenoper Palästinas mitproduziert. Richtig vorbereitet auf die Kulturhilfe à la "Lindenstraße" ist man in Ramallah aber nicht - eine Ehrenmord-Geschichte blieb tabu.

Von Juliane von Mittelstaedt


Seine Vorbilder waren "Desperate Housewives", "Six Feet Under" und die "Lindenstraße", aber ganz so ist "Matabb" dann doch nicht geworden. Schon, weil "Matabb", eher ungewöhnlich für Seifenopern, "Verkehrsberuhigungsschwelle" bedeutet.

"Man muss sich an die Ästhetik gewöhnen", gibt auch Farid Majari zu, Leiter des Goethe-Instituts in Ramallah und neuerdings Serienproduzent. Es ist ja auch nicht einfach, mit einer Handvoll Laienschauspielern, nur einer Kamera und einem Kameramann, der sonst Kriegsreportagen dreht.

Ganz abgesehen davon, dass Ramallah eben nicht Köln-Bocklemünd ist, weshalb die Kulissen in einem ehemaligen Fitnessstudio untergebracht und die Möbel aus Pressholz sind. Auch Außendrehs sind heikel, weil palästinensische Jugendliche in Anwesenheit einer Kamera gerne "Nieder mit Israel" skandieren, es könnte ja CNN sein.

Man könnte vielleicht sagen: Ramallah ist nicht vorbereitet auf eine Seifenoper.

Und doch werden die Palästinenser ab der kommenden Woche, wenn der Ramadan beginnt und damit die Primetime für Dailysoaps, die erste eigene Serie sehen können. Zehn Folgen mit jeweils 26 Minuten Lieben und Leiden in Nahost, an deren Ende sich alles glücklich fügt, denn unendliche Konflikte, die mögen die Zuschauer hier nicht.

Es gibt keine heldenhaften Freiheitskämpfer und Märtyrer, stattdessen Karrieresorgen, Schulprobleme und Ehekrisen, eben das alltägliche Auf und Ab im Leben – wie bei der Fahrt durch das mit Verkehrsberuhigungsschwellen gepflasterte Ramallah. Und, als einziges Zugeständnis an die palästinensische Sache: in jeder Folge eine Checkpoint-Szene. Das war nicht weiter schwierig, wegen der hohen Nachfrage hat sich in Ramallah ein Checkpoint-Verleih etabliert, mit einem ausgemusterten Armeewagen, Originaluniformen und Spielzeugwaffen.

Der Alltag also, und deshalb spielt die palästinensische "Lindenstraße" in einer NGO, denn Ramallah hat die vermutlich höchste NGO-pro-Kopf-Dichte der Welt. Diese hier heißt "Palestinian Initiative for the Advancement of Art, Culture and Development in Palestine", allein über den Namen können sich Palästinenser vermutlich schon totlachen.

Schönster Goethe-Institut-Jargon

Die Auswahl der Hauptcharaktere folgte dem Kriterium der pädagogischen Nachhaltigkeit: Da ist Lama, die NGO-Direktorin, die in den USA studiert hat, geschieden und stets leicht überschminkt ist; der für Frieden und Verständigung werbende Ex-Freiheitskämpfer; die nette israelische Anwältin; und die junge Mitarbeiterin Samira, deren Bruder sie wegen einer angeblichen Affäre töten will.

Nicht fehlen darf auch Mutter Beimer, die hier Suhaila heißt, Kopftuch trägt, Zwiebeln anbaut und ansonsten das Büro putzt. Über Suhaila heißt es im Drehbuch: "Suhaila repräsentiert jene, die die Last des palästinensischen Befreiungskampfes tragen."

Aus fünf Handlungssträngen ist die Serie gewebt: Es gibt den politischen Plot (Suheilas Sohn im israelischen Gefängnis), gesellschaftliche Tabus (die vom Ehrenmord bedrohte Samira), Alltagsprobleme (Ehekrise eines Mitarbeiters), sexuelle Befreiung (Lamas Romanze) und das dunkle Geheimnis der Vergangenheit (die NGO wird von dubiosen PLO-Geldern finanziert).

Es geht, wie Farid Majari im schönstem Goethe-Institut-Jargon aufzählt, um "Women Empowerment", um "Body and Culture" und "das Alltagsleben unter der Besatzung". Die Serie soll bilden, gesellschaftliche Diskussionen anstoßen und, natürlich, unterhalten. Vielleicht ist das ein wenig viel für zehn Folgen, doch "Matabb" ist nun mal die erste palästinensische Seifenoper, da sind die Ansprüche hoch.

In der Serie steckt ein bisschen Deutschland

Um Erfahrung zu sammeln, haben sich der Produzent vom Goethe-Institut und der palästinensische Regisseur George Khleifi von der Al-Quds-Universität vor einem Jahr nach Köln-Bocklemünd aufgemacht, um drei Tage lang die Dreharbeiten zur "Lindenstraße" zu beobachten. "Die Bedingungen sind nicht übertragbar", seufzt Majari, auch privat Cineast, jetzt in seinem Büro, zwischen Krups-Kaffeemaschine und Büchern mit Titeln wie "Fashion for Israeli Checkpoints". "Die Lindenstraße hat für eine Folge mehr Geld als wir für die ganze Serie", sagt er; 170.000 Euro spendierten Deutschland und die EU.

Kein Wunder, dass auch ein bisschen Deutschland drinsteckt in der Serie. Die NGO-Kulisse sieht aus wie das Goethe-Institut mit ordentlich aufgereihten Aktenordnern und Pinnwänden – was nicht zuletzt daran liegt, dass ein Teil der Ausstattung tatsächlich von dort stammt.

Außerdem ist da noch der schüchterne deutsche GTZ-Projektmanager, dessen Rolle nicht ganz klar wird, der aber im wahren Leben ein in Ramallah lebender Brite ist und dessen schauspielerische Qualifikation darin besteht, dass er mit einer Schauspielerin verheiratet ist. Den letzten Schliff bekam "Matabb" dann noch von zwei Drehbuchautorinnen der bayerischen Lokalkolorit-Dailysoap "Dahoam is Dahoam".

Und wie es so ist mit interkulturellen Projekten, gab es auch ein paar interkulturelle Missverständnisse zwischen Deutschland und Palästina.

Fake-Prada-Tasche und rosa Handy

So wollte Farid Majari erst einen Ehrenmord erzählen: Die unverheiratete Samira, schwanger von ihrem Freund, am Ende ermordet vom Bruder. "Aber es gibt hier im Bezug auf Sexualität eine dünne rote Linie, und man muss sehr vorsichtig sein, um sie nicht zu überschreiten", sagt er, weshalb der Regisseur und die palästinensischen Drehbuchschreiber den Plot den lokalen Empfindlichkeiten angepasst haben.

Das heißt: keine öffentlichen Küsse, kein vorehelicher Sex, keine schwangere Samira. Stattdessen: Eine verliebte Kopftuchträgerin, die von einem Hallodri in seine Wohnung gelockt wird, aus der sie jedoch jungfräulich fliehen kann.

Samira ist der Star in der Serie und auch im echten Leben, da heißt sie Shaden Saleem und spielt gerade im Kindertheater eine Cinderella im Rollstuhl. Sie sieht eher aus wie ein 16-jähriges Girlie aus Berlin-Neukölln als wie eine 22-Jährige aus Ostjerusalem, mit ihrer Fake-Prada-Tasche und dem rosa Handy.

Nur ihre Sätze, die passen nicht zu einem Girlie, nicht nur wegen des perfekten amerikanischen Akzents, den sie sich aus Filmen abgeschaut hat. "Glaube nie, dass ein Mann dich wirklich liebt, bloß weil er von Liebe spricht", sagt sie. "Wenn du jemanden heiratest, dann solltest du ihn gut kennen, das ist meine Botschaft."

Sehr aufrecht sitzt Shaden da, sie weiß was sie will, Hollywood zum Beispiel, das sei eine Option. Doch jetzt will die palästinensische Serienheldin erstmal Regie studieren, nicht in Amerika, sondern in Israel.



insgesamt 2 Beiträge
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shopgirl1, 28.08.2008
1. unglaublich
"170.000 Euro spendierten Deutschland und die EU" Ich fasse es nicht.
GeorgeF 28.08.2008
2. Viel zu wenig
Zitat von shopgirl1"170.000 Euro spendierten Deutschland und die EU" Ich fasse es nicht.
Ja - nicht zu fassen, wie wenig für sinnvolle Projekte in den Palästinensergebieten ausgegeben wird.
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