Palast der Republik Auferstanden aus Papier

Aufbau Ost mal anders: Während um den Neubau des Berliner Humboldtforums noch gestritten wird, ist mitten in der Hauptstadt der abgerissene Palast der Republik wieder entstanden - als Papier-Verkleidung der Temporären Kunsthalle.

Benjamin Pritzkuleit / Bettina Pousttchi / Buchmann Galerie

Er ist auferstanden. Auferstanden aus Papier. Gleich gegenüber am Berliner Schlossplatz stand er, der Palast der Republik. Der Volkskammer- und Vergnügungsbau der DDR ist zwischen 2006 und 2008 zu 78.000 Tonnen Abrissmasse zerlegt worden. Seit einigen Tagen aber rematerialisiert er sich am gegenüberliegenden Rand des Platzes.

Dort überzieht die Künstlerin Bettina Pousttchi, 38, den Kastenbau der Temporären Kunsthalle mit einer Papierhaut. Aus Archivbildern hat sie digital vier Seitenansichten des 1976 eingeweihten sozialistischen Prunkbaus rekonstruiert. Mit 970 Bahnen werden sie rundum auf die fast 2000 Quadratmeter der Kunsthalle aufgekleistert.

Die Fotoinstallation ist das zweite Außenprojekt der Temporären Kunsthalle. Zur Eröffnung vor einem Jahr hatte der österreichische Künstler Gerwald Rockenschaub sie mit kubisch abstrahierten Wolken auf himmelblauem Grund überzogen. Mit ihrer kantigen Struktur und den plakativen Farben setzte seine Installation ihre poetische Dimension nie ganz frei und betonte auch nicht wirklich vorteilhaft das Provisorische der Kistenarchitektur.

Das ist jetzt anders. Wo Karton war, ist Palast geworden. Ohne sich anzubiedern, wirkt Pousttchis Rekonstruktion in Schwarzweiß eindringlich wie ein schemenhaftes, dunkel konturiertes Nachbild. Bewusst ging es ihr nicht um eine möglichst originalgetreue Reprise, sondern um die Evokation einer Erinnerung aus Medienbildern. Sie übernimmt wesentliche Details: das Raster der Glasfassade, ihre Strukturierung durch hellere, säulenartige Elemente. Andere wie die Silhouette des Daches oder die terrassenartigen Vorbauten eliminiert sie. Und das DDR-Staatswappen verwandelt sie in eine Uhr. Zusätzlich stört ein Zeileneffekt die direkte Lesbarkeit und erinnert an Bilder aus Überwachungskameras oder einen durch Jalousien verschatteten Blick.

Phantompalast

"Echo" nennt die Künstlerin ihren Phantompalast. Er steht da wie eine geisterhafte Erscheinung des einstmals realen Gebäudes - und wie eine Anspielung auf die Fassadenattrappe des Stadtschlosses, die 1993/94 für dessen Wiederaufbau warb. Deshalb wirkt Pousttchis Tapetenpalast nicht nur sanft melancholisch, sondern auch komisch: Gerade jetzt, da die Planung für das Humboldt-Forum durch den Entscheid des Bundeskartellamts erst einmal gestoppt wurde, lässt er an die Fiktion einer Wiederaufbau-Initiative für den DDR-Palast denken.

Am Donnerstagabend wurde im Innern des Baus die neue Ausstellung der Temporären Kunsthalle eröffnet. Auch sie lässt sich als ein Echo auf den Palast der Republik verstehen. Denn nach vier Einzelausstellungen und etlichen Querelen um die Leitung und Ausrichtung des Hauses, beginnt im zweiten und letzten Jahr der temporären Institution eine Serie von Gruppenausstellungen - kuratiert von Künstlern.

Zwangsläufig erinnert das an die legendäre Ausstellung, die durch Künstlerinitiative im Dezember 2005 im abrissbereiten Palast der Republik improvisiert worden war. Die Schau leistete, was Berlin fehlte: Sie gab - auch mit Arbeiten internationaler Stars wie Thomas Demand, Olafur Eliason oder Tacita Dean - einen Eindruck vom Potential der in Berlin arbeitenden Künstler.

Neue Kunst aus Berlin

Ähnliches versucht, konzipiert von der Dänin Kirstine Roepstorff, auch die jetzige Schau. Die erstmals kuratierende Künstlerin hat in die Halle eine große, sanft gekurvte Rampe eingebaut, mit der man das berühmte kühne Turmprojekt des Sowjet-Künstlers Tatlin oder die Spirale des Guggenheim Museums assoziieren mag. Sie führt hinauf in die Höhe des Raums und eröffnet den Ausblick auf Roepstorffs Momentaufnahme der Berliner Szene. Unter den Arbeiten der gut 30 Künstler findet sich eine bitterböse Architekturparaphrase von Monica Bonvicini, aber auch eine listig-leise Skulptur von Jason Dodge: Für "In Order of Altitude" hat der Künstler die Hosentaschen von fünf Vertretern diverser Berufe herausgeschnitten: vom Fensterputzer bis zum Piloten. Die Stoffflecken präsentiert er in einem Stapel - geschichtet nach der Höhelage der Arbeitsfelder ihrer ehemaligen Träger.

Theoretisch hätte Dodge für seine Arbeit auch den Männern an die Hosen gehen können, die außen an der Kunsthalle Pousttchis Palast-Plakatierung fertig stellen. Es sind aufs Tapezieren spezialisierte Maler, die hier in luftiger Höhe den vermutlich öffentlichsten und diffizilsten Job ihres Lebens tun.

Ganz leicht wird es für sie nicht sein, wenn die Witterung ihr penibles Werk wieder zerlegt. Sechs Monate soll die Installation zu sehen sein, und keiner weiß genau, was Herbststürme, November-Nieseln und Schneegraupeln mit der papiernen Fassade machen werden. Aber selbst wenn diese irgendwann abgerissen aussieht, die Künstlerin jedenfalls nimmt's gelassen: "Dann verfällt der Palast eben ein zweites Mal."


Bettina Pousttchi: "Echo". Temporäre Kunsthalle Berlin. Die Gruppenausstellung "Scorpio's Garden" ist dort vom 25.9. bis zum 15.11. zu sehen.



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