Palast der Republik Hauch des Todes

Der Abriss des Palastes der Republik in der Mitte Berlins ist beschlossene Sache: Im Dezember soll das vor sich hin rottende Monument abgewickelt werden. Bis dahin macht die Ausstellung "Fraktale IV: Tod" das Verschwinden des Palastes zu einem unvergleichlichen und flüchtigen Gesamtkunstwerk.
Von Edith Siepmann

Breit hingestreckt ruht er und reflektiert die tiefstehende Herbstsonne. Die mittlerweile schäbig gewordene, gläsern-bronzene Außenhaut ist mit Graffiti verziert. Auch wenn er bis aufs Stahl- und Betonskelett entmaterialisiert wurde, bleibt seine stumme Präsenz inmitten der deutschen Hauptstadt unübersehbar provozierend. Die Anwesenheit des Palastes der DDR, oder dessen, was von ihm übrig blieb, ist anscheinend nicht zu ertragen für das neue Berlin.

Der kulturpolitische Verdrängungsreflex mündet in die Rekonstruktion der Fassade des Hohenzollern-Schlosses. 1950 wurde das preußische Original als feudales Hassobjekt im Zentrum Ostberlins gesprengt. Ende Dezember diesen Jahres wird nun mit dem Rückbau des Palastes der Republik begonnen: 36 Megatonnen Schutt und Stahl müssen abgetragen werden, damit - am besten schon zur Fußballweltmeisterschaft - der Schandfleck verschwunden ist. Die Abrisskosten lässt sich das mehr als klamme Berlin mindestens 20 Millionen Euro kosten. Kritische Architekten veranschlagen sogar die doppelte Summe. Und der noch in weiter Ferne liegende Wiederaufbau des Schlosses, für das die Nutzungsideen nicht so recht Gestalt annehmen wollen, wird einmal bis zu einer Milliarde Euro öffentliche Gelder verbraucht haben.

Aber noch steht das Monument der im Nebel der Geschichte entschwundenen "ersten sozialistischen Republik auf deutschem Boden". Hier in "Erichs Lampenladen", auch "Palazzo Prozzo" oder "Ballast der Republik" genannt, wurde auf Weltniveau gefeiert und getagt. SED-Parteitage und Rockkonzerte fanden im gleichen Saal statt. Auf das "Festival des politischen Liedes" folgte "Ein Kessel Buntes". Man traf sich in der Mokkabar, feierte die Jugendweihe, speiste und bestaunte die volkseigene Modenschau. Hier im Palast des Volkes sollte das sozialistische Ideal der Einheit von Politik und Leben weithin in die Provinz ausstrahlend seine real existierende Einlösung finden.

Doch nur 15 Jahre Lebenszeit blieben diesem Beton gewordenen Traum Honeckers und vieler seiner Volksgenossen bis zum Ende der DDR. Weitere 15 hat er bis heute in Agonie verbracht. Denn einer der ersten Beschlüsse des letzten DDR-Parlaments unter dem Ministerpräsidenten Lothar de Maiziére war die Schließung des Palastes. Grund: Asbestbelastung. Dass das Internationale Congress Centrum im Berliner Westen unter einer ebenso schweren Altlast litt und überlebte, ist nur eine Fußnote der Geschichte. Nach Meinung des Architekturkritikers Bruno Flierl war nicht die Kontaminierung Grund der Schließung, sondern das Unvermögen, Geschichte konstruktiv zu verarbeiten.

Bis zur umfassenden Entkernung und Häutung in 1998 lag der Palast wie ein auf Grund gelaufener Riesenluxusdampfer am Spreeufer gegenüber dem Dom. Im letzten und in diesem Jahr setzten rührige Berliner Künstler und Kuratoren bis zum endgültigen Abriss die Zwischennutzung des leer stehenden Monuments durch. Mit geringem Sicherungsaufwand konnten zum Teil spektakuläre und gut besuchte Projekte verwirklicht werden. Der skelettierte Palast wurde vorübergehend zum größten Kommunikator der Hauptstadt.

Als letzte Veranstaltung vor dem Abriss ist noch bis zum 19. November eine Ausstellung von 25 zeitgenössischen Künstlern zum Thema "Tod" zu sehen. Sie setzt die Reihe "Fraktale - Positionen zeitgenössischer Kunst" fort, die seit 2000 Grundfragen individueller und gesellschaftlicher Existenz thematisiert. Präsentiert wurden die künstlerischen Ergebnisse jeweils an nichtmusealen Orten. Für die Fraktale IV wurde der Palast als Ausstellungsraum gewählt, weil er wie kein anderer das Thema verkörpert. Das sterbende Gebäude bleibt nicht nur stählernes Behältnis, sondern wird zum Odem, zu einem Hintergrundrauschen der Ausstellung.

Die viel gelobte Schau könnte tatsächlich an kaum einem besseren Platz stattfinden. Zwischen riesigen, rostroten Trägerkonstruktionen und nackten, grauen Betondecken beeindrucken auf den ersten Blick vor allem die Großskulpturen und -installationen, die dem in den letzten Zügen liegenden Architekturungetüm dimensional entsprechen und in seinem moribunden Zustand ein pathetisches Echo finden. "Hals über Kopf" ist der Titel der Holzleiterkonstruktion von Benjamin Bergmann, die wie eine Achterbahn eine rasante Schleife durch den ehemaligen Volkskammersaal zieht, bevor sie im Nichts entschwindet.

Erschaudern und Mitgefühl erregt der Anblick eines Kolosses aus grauer Vorzeit: Unbeweglich und verletzlich ist das halb enthäutete Mammut von John Isaacs dem Betrachter ausgeliefert. Im langen Nordgang liegt ein gewaltiges Knäuel aus ineinander verstrickten Tauen, alt und nutzlos gewordenen Rettungsringen von Birgit Dieker. Niemand und nichts wird hier mehr gerettet. Ingolf Keiners große Skulpturanordnung "Licht essen" setzt einen kraftlosen Punk, auf dem Betonboden kauernde Putten und Raben, wächserne Flügeln und leere Bandagen in ein Beziehungsfeld. Allgemeiner Kräfteschwund als modernes Vanitas-Symbol? Jonas Burgert, der mit Ingolf Keiner die Fraktale begründet hat, ist sich bewusst, wie leicht bei einem so essentiellen Thema die Grenze zu Pathos oder Kitsch überschritten werden kann. Dieses Risiko muss eingehen, meint Burgert, wer "den Tod als großen Motor" sieht, als Matrix von künstlerischen Auseinandersetzungen, die den Besucher hin zu Gedanken und Assoziationen über die Endlichkeit des eigenen Daseins führen.

Für die Präsentation der kleiner dimensionierten Bilder, Fotografien und Videos wurde eigens ein 1000 Quadratmeter großer, zehn Meter hoher "white cube" aus Rigipswänden hergestellt. Mit diesem reinen, weißen Raum inmitten des Rohbaus beweisen die Ausstellungsmacher, wie simpel und funktional der Palast als pures Architekturstück bar jeder Ideologie, Semantik und Symbolik zu einem modernen Kunstraum in der Mitte Berlins umgewandelt werden könnte. Hinter den fast blinden Außenscheiben des Palastes erscheinen die hinlänglich bekannten Innenstadtmotive verwirrend antiquarisch, als ob sie aus der Vorkriegszeit auftauchten. Verschwommen und wie mit Patina bedeckt ragt der Turm des Roten Rathauses in einen blaugrün gesprenkelten Himmel. Das Auge des Besuchers scheint zur Netzhaut des sterbenden Betonriesen zu werden.

Hinter dem Ausgang am Absperrungszaun hängt ein Din-A-4-Blatt mit dem frommen Wunsch: "Gebt uns die 20 Millionen Euro Abrisssumme, damit wir von den Zinsen den Palast zu einem Ort der Kunst umbauen können." Der Appell wird nichts mehr nützen, denn in die Spree wird derzeit schon die Sonderanlegestelle für die Entsorgung des Palast-Abraums gebaut. Die Tage des Palasts sind gezählt, dagegen helfen wohl weder die Nutzungspläne und Kostenberechnungen der Architektengruppe "urban catalyst", noch die Palast-watching-Aktionen der "Palastretter", die die Diskussion über die Nutzung öffentlicher Räume in die Bevölkerung tragen wollen.

Auch die jüngst veröffentlichte Resolution des Bundes Deutscher Architekten gegen einen Abriss, bevor Planungssicherheit für den Neubau mit Fassade besteht, wird den mächtigen Willen zum Schloss und einer historisierenden Hauptstadt-Mitte Deutschlands nicht zügeln können.

Dabei geht es fast allen Abrissgegnern nicht darum, DDR-Erinnerungen zu konservieren, sondern die unvergleichlichen Potentiale des schroffen Baus kulturell zu verwerten. Der Anklang, den die Kulturprojekte in der größten Ruine Europas bis ins Ausland hinein gefunden haben, scheint ihnen Recht zu geben. Der Abriss des Palastes ist für sie ein ebensolcher Fehler wie die Sprengung der Schlossruine vor 55 Jahren. Auf diese Art wird die Nachkriegsgeschichte Berlins negiert, die angestrebte "historische Mitte" zum Fake, zur "geschminkten Leiche", wie ein Kritiker schrieb. Es ist das Experiment, nicht das Nostalgische, das Neues erschafft, und das an zentralem Ort gewiss ein frischeres nationales Sinnbild wachsen lassen würde, als es die Replik eines preußischen Symbolbaus jemals sein könnte.

Dem Ticketverkäufer der Ausstellung bleibt ein schadenfroher Trost in dem Gedanken, dass es noch unsicher ist, ob durch den Abriss nicht auch der Dom gleich mit untergeht. Denn der Palast gründet unterhalb des Spreewasserspiegels auf elf Meter tiefen Fundamenten, die ins Berliner Urstromtal hineingegossen wurden. Fehlt sein Gewicht, und lässt es sich nicht so simpel wie geplant mit Wasser und Sand ausgleichen, befürchten Fachleute einen Auftrieb, der die nahe gelegene Kirche absacken lassen könnte.

Wenn jedoch alles nach Plan verläuft, entsteht ein Schloss-Simulacrum, in dem weit mehr als die Hälfte der Fläche privaten Investoren vorbehalten ist. Die Stadtkrone Berlins wird im Zeichen kommerziellen Nutzens erstrahlen. Höchstens in den Kellern, in die die aktuellen Planungen das Humboldtforum verweisen, wird der Tod noch ein Thema sein können.

Bis die nötigen Mittel für den Schloss-Wiedergänger beisammen sind, wird aber noch sehr viel Wasser die Spreekanäle hinunter fließen. Auf einer grünen Wiese enormen Ausmaßes hoppeln unterdessen Großstadtkaninchen. Und bald wird wohl auch Gras über die Erinnerung an die lebhafte Zeit der Palast-Zwischennutzung gewachsen sein.


"Fraktale IV: Tod": Palast der Republik, Berlin.
Geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr bis zum 19.11.2005, Eintritt 5 Euro.