Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Der Nationalstaat muss sterben

Syrien, Irak, Iran: Wenn es dem Westen nützt, verrät er die Grundsätze der Demokratie. Diese neokoloniale Politik hat, zugespitzt gesagt, die Terrortruppe Isis erst hervorgebracht. Zeit für eine neue Ordnung - ohne Nationalstaaten.

Es fällt den Menschen schwer, sich die Welt anders vorzustellen, als sie ist. Das ist ein philosophisches, vor allem aber ein politisches Problem: Denn die Gegenwart ist eine Konstruktion, die zufällig ist und nicht notwendig, und indem wir uns stumpf und störrisch an den immer gleichen Konstruktionsfehlern abarbeiten, verpassen wir den Moment, die Welt einmal anders zu denken.

Der Nationalstaat zum Beispiel: Eher Problem als Lösung, eine sehr junge historische Erscheinung, die perfekte Zwangsjacke für emanzipatorische Verirrungen von Minderheiten. Im Wesentlichen ein Produkt des 19. Jahrhunderts, das immer mehr für ökonomische Ordnung und politische Stabilität sorgen sollte als für demokratische Rechte - seit mindestens hundert Jahren besteht eine Vielzahl von Weltkonflikten vor allem darin, diese westlich-europäische Unterwerfungsidee wahlweise zu bekämpfen oder zu beschützen.

Aber weil man glaubt, dass es so sein muss, wie es ist, bleibt die Nation der Maßstab historischen und politischen Denkens - bis dann zum Beispiel eine Gruppe von 5000 islamistischen Soldaten kommt und den Lauf der Geschichte umkehrt.

Und so blickt der Westen nun in Syrien und im Irak staunend auf das Chaos, das er selbst mit angerichtet hat - manchen bleibt da nur ein neokolonialistischer Stoßseufzer: "Diese verfluchte Region", schreibt Josef Joffe in der "Zeit", "zieht die Mächte an wie ein krankes Tier die Schakale." Oder wie es Steffen Simon, ein anderer Chefstratege unserer Tage, gerade anlässlich der Fußball-WM sagte: "Die Iraner sind Südländer, da ist nicht alles perfekt organisiert."

Gescheiterte Interessenpolitik

Etwas kulturelle Herablassung kann jedenfalls nicht schaden, um sich seiner eigenen Weltsicht zu vergewissern - und gerade am Beispiel Irans zeigt sich, wie kurz das Gedächtnis ist, wenn es um die Grundlagen der gegenwärtigen Konflikte geht.

Die Rolle des Iran als "Schurke" ("Die Zeit") begann eben nicht 2013 oder 2003 oder 1979 mit der islamischen Revolution gegen den von Amerika implantierten Schah, sondern mindestens in den Fünfzigerjahren, als die CIA eine demokratische, liberale Regierung in Teheran aus vor allem wirtschaftlichen Gründen stürzte. Oder sogar bereits im späten 19. Jahrhundert, als es westliche Politik war, freie Denker, die zu freien Gesellschaften hätten führen können, in Ländern wie der heutigen Türkei, Iran, China oder Indien explizit zu bekämpfen.

Der Westen, mit anderen Worten, will den Nationalstaat nur dort, wo er ihm nützt.

Der indische Autor Pankaj Mishra beschreibt dieses nachhaltige, bis heute spürbare zerstörerische westliche Wirken in seinem Buch "In den Ruinen des Empire". Das Reden von der Republik klang wie das Säbelrasseln des Kaiserreichs, so zitiert er den Dichter und Revolutionär al-Afghani, und die Fee der Freiheit war nichts als eine Schimäre - westliche Politik, das ist in diesen Ländern nicht vergessen, benutzte die eigenen Ideale dazu, Interessen durchzusetzen und Völker zu unterwerfen.

Die Teufelssaat des George W. Bush

Das Ergebnis dieser Politik, zugespitzt gesagt, ist Isis: gescheiterte Interessenpolitik verbunden mit jahrelangem Wegschauen (in Syrien: das Schlachten, im Irak: die "Schiiten-Power") und verratenen Grundsätzen.

Und es ist eben auch das Ergebnis der Weltordnung und der Staatenform, wie sie der Westen nach dem Ersten Weltkrieg wollte. Pankaj Mishra schildert sehr genau das betrügerische Spiel des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der bei den Verhandlungen 1919 das Selbstbestimmungsrecht der Völker zur Farce degradierte und "die Welt unsicher machte für die Demokratie".

Damals wurde die Dramaturgie geschaffen für das absurde Schauspiel unserer Tage: Der Grund für die Kriege und Konflikte, der nach innen und außen aggressive Nationalstaat, soll mit Kriegen stabilisiert werden, wodurch neue Konflikte entstehen - ein historisches Perpetuum mobile.

Willkürliche Grenzen, wütende Minderheit, militante Separatisten, Gefangene in einer Ideologie, die den Nationalstaat absolut setzte als Hauptakteur des Weltgeschehens - Francis Fukuyama und seine Rede vom "Ende der Geschichte" ziemlich genau vor 25 Jahren, was ja auch ein Sieg des liberalen Nationalstaats sein sollte, zeigte nur die westzentrierte, hegelbesoffene Ignoranz, mit der der eigene Erfahrungshorizont zur allgemeinen Wahrheit erklärt wurde: Inder, Kolumbianer, Basken, Armenier oder Chinesen wurden nicht gefragt.

Der Sieg des Westens war - wie der Triumph des Kapitalismus - weniger historiografische oder wissenschaftliche Wahrheit als Autosuggestion - und die immer neue Überraschung darüber, dass sich die Welt nicht so verhält, wie man es von ihr erwartet, ist immer neu ernüchternd.

Das Ergebnis dieses Denkens ist dann so ein Billionen teurer Murks wie der Irakkrieg von George W. Bush, eine Geldvernichtung von unvorstellbarem Ausmaß, vor allem aber eine Teufelssaat für all das, was danach kam: "Nation Building" als eine blutige Strafaktion in einem Teil der Welt, in dem die "Nation" immer weniger ein Versprechen als eine Drohung war, eine Erinnerung an den Imperialismus und seine Verbrechen.

Und so macht das heutige Chaos immerhin eines deutlich: Die alte Staatsordnung funktioniert nicht. Es braucht neue, dezentrale Strukturen für das 21. Jahrhundert. Das Zeitalter des Nationalstaats ist vorbei.