Paparazzi in Hollywood Pamelas Busen und das ganze Tralala

Nicht erst seit dem tragischen Tod von Prinzessin Diana gelten Promi-Fotografen als Geißel der Stars. Doch die Klatschpostillen der Welt gieren nach immer neuen Intim-Bildern der Reichen und Schönen. Dauereinsatz für Meister-Paparazzi wie den Exil-Deutschen Albrecht Gerlach, der in Los Angeles den Topstars auflauert...
Von Helmut Sorge

Wie eine verirrte Katze saß er auf dem Ast. Den Sprung nach unten wagte er nicht, eben weil er nicht Tarzan ist, und höher war nur noch der Himmel. Die Feuerwehr fuhr keine Leiter aus, denn der Mann hockte schweigend im Baum, 35 Stunden lang, was ihm wie "eine Ewigkeit" erschien. Vielleicht war's aber auch nur ein Strauch, in dem er wie ein Kaninchen hockte, genau kann er sich nicht mehr erinnern, er hat so oft im Gebüsch gehockt und auf Ästen, nun sieht er wohl den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Albrecht Gerlach, 26, ist ein Ostdeutscher, der in Hollywood Karriere machte. Nicht als Schauspieler, das schaffte aus dem deutschen Osten nur Armin Müller-Stahl, sondern als Fotojournalist und Betreiber einer Agentur, die so manchem Hollywood-Star zuwider ist. Das Leiden auf dem Baumgipfel verbuchte Gerlach als "Berufsrisiko". Aus seinem Versteck heraus wollte er nämlich in den Garten des Hollywood-Stars Alec Baldwin fotografieren. Der Schauspieler ("Jagd auf Roter Oktober") hatte damals gerade eben seine Ehefrau Kim Basinger mit dem Neugeborenen aus der Klinik geholt, und Gerlach wusste: "ein Babyfoto, das bringt was."

Einmal hat sich Gerlach sogar in Los Feliz, bei einem braven Bürger, der seine Nachbarin Madonna nicht ausstehen konnte, für einen "Haufen Geld eingemietet", weil er ein Foto brauchte, das die Pop-Diva mit ihrem Kleinkind zeigte. Für mindestens 50.000 Dollar, so eine Foto-Agentin, geht "so ein Ding als Exklusivität weg". Bei Baldwin wurde das "Ding zu einer dummen Sache." Ein Konkurrent hatte den Darsteller bei der Ankunft vor der Tür fotografiert, und der Star brachte mit einem Faustschlag die Belichtung des Kameramanns durcheinander. Polizei, "das ganze Tralala", und Gerlach noch immer auf dem Ast. Da blieb er halt, bis die Vögel Sonnenauf- und untergang einzwitscherten. Denn ausgerechnet unter dem Baum hatte Baldwin einen Schutz-Mann aufgestellt.

Am Ende entkam Gerlach ungeschoren. Zumindest die Prügel, vielleicht sogar eine Anklage vor Gericht, blieb ihm erspart. Neulich erwischte es zwei Kollegen von der Konkurrenz, die Arnold Schwarzenegger und Frau Maria nebst Kindern in ihrem Auto von der Strasse abdrängten: Drei Monate hinter Gittern, war die Strafe. Die Justiz reagiert harscher denn je gegen die "Paparazzi", die in der Klatsch-Branche so genannt werden, seit Fellini in seinem "Dolce Vita" 1960 einen nervigen Photographen "Mr. Paparazzo" nannte. Das sogenannte "privacy law", aber auch die "Stalker"-Paragraphen, haben den teleobjektiven Blick in die Privatsphäre der Hollywood-Society zumindest offiziell versperrt.

"Draufhalten, abdrücken, kassieren - das ist wahrhaftig keine Fotokunst"


So "über die Mauer in den Garten der Promis oder aus dem Gebüsch heraus zu knipsen, wie's vor einigen Jahren noch war", das "läuft nur noch selten", sagt Gerlach, der freilich einräumt, dass in "diesem Gewerbe tatsächlich einige Durchgeknallte arbeiten, die zu allem Quatsch bereit sind". So wie er selbst, bis ihm die Erleuchtung kam: "Draufhalten, abdrücken, kassieren - das ist wahrhaftig keine Fotokunst." Als die Klatsch-Welt nach einem Foto vom Sterbe-Ort George Harrisons gierte und selbst die Paparazzi die irdische Endstation des Beatle nicht ausmachen konnten, wurden sie von den Fotoredakteuren angehalten, zumindest den Straßennamen der auf dem Totenschein angegebenen Adresse zu fotografieren - die stimmte zwar nicht, doch die Storys konnten bebildert werden. Natürlich, noch immer buchen die Lichtbildner Hubschrauber, um aus der Höhe die Villen der Stars aufzunehmen. Die Zeiten aber, als ein halbes Dutzend Helikopter gleich gigantischer Hornissen über das Hochzeitsfest von Barbra Streisand knatterten, die sind, so Gerlach, "wohl endgültig vorbei."

Am letzten Sonntag stand ein Fotograf seiner eigenen Agentur auf dem roten "Oscar-Teppich" - ganz offiziell. Und am Donnerstag vor den Oscars ehrte die Hollywood-Society, darunter Gwyneth Paltrow und Tom Hanks' Ehefrau Rita Wilson, den New Yorker Paparazzi-Veteran Ron Galella, der über Jahre hinweg Jacqueline Kennedy zugesetzt hatte und von Marlon Brando einst für seine Hartnäckigkeit mit einem Faustschlag bestraft wurde. Der soeben veröffentlichte Bildband "Photographs of Ron Galella" stiftete zumindest ein bisschen Frieden zwischen dem Fotografen und seinen Objekten.

In diesen Tagen freilich werden die Paparazzi wieder aktiv, weil die Hausfrauen aus Arkansas, die Muttis aus Gütersloh und die Opis aus Birmingham wissen wollen, wie es aussieht, wenn Oscar-Stars wie Nicole Kidman eine Klobürste kaufen oder Bier trinken wie Russell Crowe. Nein, Gerlach schämt sich nicht wegen seines Berufes: "Wir tragen dazu bei, dass die Menschen, die in der Eintönigkeit dahindämmern, das Gefühl haben, Teil des Glamours zu sein". Für ihre Beiträge zur Illusions-Kultur werden Gerlach und die Kollegen der drei, vier in L.A. etablierten Paparazzi-Agenturen "schon ganz vernünftig honoriert", sagt der Fotomann und untertreibt damit ein bisschen. Einmal im Monat jettet Gerlach nach Rio, weil am Zuckerhut seine Freundin lebt, eine Brasilianerin. Für das erste Bild, das Steffi Graf und ihren Andre Agassi in zärtlicher Zweisamkeit auf Hawaii zeigte, kassierten die Paparazzi allein von der "Bild"-Zeitung nahezu 100.000 Mark, behauptet ein Foto-Agent. Die "Bunte" sicherte sich die Zweit-Rechte, und noch so manch anderer globaler Verkauf wurde getätigt. Insgesamt war die Foto-Serie letztlich wohl einige Hunderttausend Dollar wert.



So manches exklusive Foto, wie Mutter Madonna und ihr Baby, wird von den Agenturen verschachert wie auf dem Bazar von Marrakesch: Anruf bei Burda, Nachfrage bei Bauer, E-Mail an "Paris Match", E-Mail an "News of the World", Anruf bei "Gala" und "Voici", bei "Hello!" wie "Hola" und jenen zwei Zeitungskonzernen in Australien, die sich für ihre Blätter mit Höchstpreisen um die Paparazzi-Produkte streiten. Auch die "Bild" ist meistens dabei, obwohl deutsche Blätter, zur Trauer der Fotografen, oft nicht mehr auf Exklusivität beharren und bei einem üblichen Paparazzi-Foto - etwa Harrison Ford am Zeitungsstand - erklären: 3000 Dollar und keinen Cent mehr. Oder das Material bleibt gänzlich ohne Käuferinteresse, wie unlängst Katharina Witt, abgelichtet in einem Restaurant in L.A.. Dumm gelaufen, denn für Gerlach ist die Foto-Arbeit "kein Spaß, sondern mir geht's darum Geld zu machen." Im letzten Sommer spähte er, mit mehreren Fotografen seiner Agentur, drei Wochen lang in Florida nach Celine Dion und ihrem Neugeborenen. Die Internationale der Klatschpostillen bot Höchstpreise, ausreichend zumindest, um Gerlach und Co. zu motivieren. Das Foto, das sie am letzten Tag schafften, deckte allerdings gerade eben die Unkosten ab - und gab dem Gerlach-Ego einen weiteren Schub.

Der Exil-Deutsche war 14 Jahre alt, als er in Berlin sein erstes Geld verdiente - er verkaufte Bruchstücke der Berliner Mauer an US-Touristen. Alsbald konnte er seine DDR-"Praktika" durch "tolles Material" ersetzen. Er lernte den Blitz-Einsatz bei "Super Illu", "Bild" und dem Kölner "Express". Zumeist arbeitete er als Sport-Fotograf - für Paparazzi, wie sich herausstellte, ein angemessener Bildungsweg. Beim Fußball nämlich, erklärt Gerlach, "muss man mit dem Teleobjektiv stets aus weiter Entfernung unerwartete Situationen in Bruchteilen von Sekunden meistern" - genau wie die Paparazzi-Konkurrenten in Hollywood, wenn sie beobachten, wie ein Popstar von der Polizei aus einem öffentlichen Klo abgeführt wird, weil er in dem Pissoir offenbar nicht wegen natürlicher Verdauungsvorgänge die Hose fallen gelassen hat.

"Die Amis sind einfach zu obrigkeitshörig"


Schon bei einem seiner ersten Einsätze, am Broad Beach in Malibu, hatte Gerlach "instinktiv das rechte Gespür". Er hatte sich im Sand eingegraben und auf einen greisen Mann gewartet, dem zuweilen das Haarteil verrutschte und generell nicht mehr ganz fest auf den Füßen stand: Frank Sinatra. Ein Schuss, der Gerlach in seiner Branche zum Maestro machte. Etwa zwei Dutzend Paparazzis arbeiten derzeit in L.A. - keiner von ihnen ist Amerikaner. Bei der Foto-Agentur "Splash News" in Venice Beach, die von zwei Briten geführt wird, arbeiten ein noch halbes Dutzend weitere Insulaner. Für Gerlachs in Hollywood etablierte Agentur sind weitgehend Mittel- und Südamerikaner im Einsatz. Sicher, am Flugplatz LAX stehen immer zwei, drei Typen, Amerikaner, die jene Stars aufnehmen, die nach New York abreisen, oder aus Aspen oder Las Vegas einfliegen. Doch Koffer und Baseball-Kappen, "das ist alles was die an Dramatik kriegen", spottet Gerlach. Die Amis? "Die sind einfach zu obrigkeitshörig. Nicht anecken, artig auf dem roten Teppich bleiben und warten".

Paparazzo Gerlach dagegen lässt sich durch nichts schrecken - nur Regen setzt ihm zu. Denn schon wenn's nieselt, geht kaum ein Star in Hollywood vor die Tür.

Nachdem der Fahrer der seligen Prinzessin Diana seinen Mercedes im inzwischen berühmten Betontunnel unter der Pariser Place d'Alma an die Wand setzte und damit das Märchen der schönen Prinzessin und ihres Geliebten aus dem Morgenland grausam beendete, erhob sich das Gazetten-Volk gegen die bösen Paparazzi, die der Prinzessin und ihrem Dodi auf Motorrädern gefolgt waren. All jene, die in Klatsch-Postillen wie "Bunte" oder "Gala" die Intim-Fotos der Schönen und Bizarren, zumindest beim Zahnarzt oder auf dem Klo durchblättern, schworen in jenen Tagen der globalen Trauer, sich jenen Schund nie wieder anzusehen. Selbst der verwegene Gerlach, mochte "für einige Zeit" nicht zugeben, dass er einer der verpönten Paparazzi war.

Doch Inzwischen sind Schreck und Scheu längst verdrängt. Die Leser lechzen wieder nach den Indiskretionen, die ihnen die Paparazzi liefern. Ein Tom Cruise, nackt im Pool, selbst wenn er nicht mit seiner spanischen Penelope, sondern einem aufblasbaren Schwan schwimmen würde, könnten Agenturen wie "Splash" oder Gerlach weltweit für Hunderttausende Dollar verkaufen. Parkwächter oder Hotel Portiers, Restaurant-Besitzer und Barkeeper zählen zu den - zumeist ordentlich honorierten - Zuträgern der Promi-Fotografen. Vor Nacht-Aufnahmen, etwa in Clubs oder Restaurants, schrecken die Fotoreporter freilich zurück: "Wenn's blitzt sind die Stars weg." Gerlach sieht sich folglich eher als "ein Tierfotograf" am Amazonas, der "das Habitat nicht stört, um die seltenen Vögel nicht zu vertreiben." Also fahren die Paparazzi Straßen ab, in denen sie Stars wähnen, auf der Larchmont Avenue beispielsweise, oder vor dem Schickeria-Restaurant "Ivy" an der Robertson, warten vor "Fred Segal", einem Luxusladen an der Melrose Avenue oder sie durchstreifen die Supermärkte, denn die Läden informieren ihre Mitarbeiter oft mit hausinternen Postillen regelmäßig darüber, in welcher Filiale Hollywood-Stars an der Kasse standen - eine Goldgrube für Paparazzi.

Gerlach kann nachvollziehen warum sich die auf rund 200 fotowürdige Hollywood-Persönlichkeiten geschätzte Glamour-Gruppe von den Paparazzi bedrängt fühlt und Stars "schon mal ihre Nerven verlieren und ausholen". Sie vergessen jedoch allzu schnell, argumentiert der deutsche Hollywood-Fotograf Volker Corell, der dem Paparazzi-Journalismus abgeschworen hat, dass sie "wahrscheinlich vor nicht allzu langer Zeit" noch darum "gebettelt haben, fotografiert zu werden". Sie hätten sich "buchstäblich vor die Linse geworfen, weil niemand sie kannte und wollte". Aber einmal berühmt, empfinden sie die Kameras schnell als Störung. Je stärker zudem die PR-Agenturen und Marketingspezialisten versuchen, das Image ihrer Stars zu manipulieren und nur "auserwählten Fotografen" den Zugang zu den Hollywood-Schönen ermöglichen, desto mehr werden vor allem junge Paparazzi diese "Kontrolle als Herausforderung empfinden", so Correll. So mancher Star - Michael Douglas etwa, vor seiner Eheschließung mit Catherine Zeta-Jones - trickst die Fotografen aus, in dem er die Hochzeits-Rechte exklusiv an Klatschpostillen verkauft. Denn sind "exklusive" Photos erst einmal in der Presse, vermindert sich das Interesse und damit die Preise und die Motivation der Paparazzi.

Letztlich, so Gerlach, der die Verfolgung der Stars inzwischen weitgehend Untergebenen überlässt, "sind wir nur das letzte Glied in der Kette der Klatschpostillen-Industrie: Wir liefern, was die anfordern". Bei den Deutschen immer noch ganz oben auf der Bestellliste: Pamela Anderson, deren Busen-Größe sich scheinbar durch Chirurgen-Schnitt oder Stylisten-Straffung immer wieder verändert, mal größer, mal kleiner wird. Eine maßlose Veränderung, die offenbar die Leser fasziniert. Alle gucken hin: Der Chauffeur und sein Generaldirektor, der Barkassen-Kapitän im Hamburger Hafen, die Austern-Fischer in der Bretagne. Folglich garantiert Pamelas Busen oder unlängst die Nachricht von einer Hepatitis-Erkrankung der blonden Aktrice, den Paparazzi ein sonniges Dasein in Hollywood. Nur wenn die Wellen vor Malibu Beach hoch schlagen, haben die Stars Schonzeit: Der Paparazzo Gerlach ist ein leidenschaftlicher Surfer.

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