Paparazzi-Kunst Der diskrete Charme der Promi-Fotografie

Schnell gesehen, schnell geschossen: Paparazzi machen Jagd auf Prominente - manche werden auch selbst berühmt. Eine Ausstellung in der Berliner Helmut Newton Stiftung feiert Pioniere und frühe Stars der Szene - und erhebt das Promiknipsen zur Kunstform.


Schon der erste Paparazzo musste einstecken. Tazio Secchiaroli wurde 1958 von dem Schauspieler Walter Chiari attackiert. Und der amerikanische Meisterfotograf Ron Galella, der gern harte, coole Kerle wie Steve McQueen oder Jack Nicholson ablichtete, kassierte erst recht: Mit gebleckten Zähnen und hassverzerrtem Mund fauchte Mick Jagger 1984 in Richtung Kamera. Gern wird auch der Faustschlag Marlon Brandos kolportiert, der Galella fünf Zähne kostete und ihn lehrte, sich nur noch im Schutze eines Football-Helms in Brandos Nähe zu begeben. Erst kürzlich musste ein Fotograf hinnehmen, dass ihm Britney Spears auf der Flucht vor seinesgleichen mit dem Auto über den Fuß fuhr.

Klar ist: Paparazzi leben gefährlich. Verachtet, verklagt und festgenommen werden sie auch. Da ist es nur gerecht, wenn ihre Arbeit einmal anständig gewürdigt wird. Das unternimmt jetzt die Ausstellung "Pigozzi und die Paparazzi" in der Berliner Helmut Newton Stiftung. Dort hängen sie nun, die Beutefotos: einheitlich schwarz gerahmt auf dezent grauen Wänden in den herrschaftlichen Räumen eines ehemaligen preußischen Offizierskasinos.

Diese Ehre lässt die Schau allerdings nur den Männern der ersten Stunde angedeihen. Sie konzentriert sich auf die Meister der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Die Protagonisten der aktuellen, wesentlich aggressiveren Hatz auf Prominente ignoriert sie.

Pioniere des Paparazzitums

Mit Secchiaroli fing alles an Er lichtete in den fünfziger und frühen sechziger Jahren die Haute Volée ab, die sich in Rom vergnügte. Er nahm König Faruk von Ägypten, Brigitte Bardot und Ursula Andress aufs Korn und erwischte Ava Gardner und David Niven in nicht viel mehr als Unterwäsche. Secchiaroli wurde eine Legende: Er diente als Vorbild für den Bildreporter in "La Dolce Vita" (1960), dem Fellini den Namen "Paparazzo" gab.

Das sonnige Wohlleben der Schönen, Reichen und Wichtigen an der Côte d’Azur überlieferten Edward Quinn und Daniel Angeli. Quinn gelangen vor allem die Damen: etwa eine Liz Taylor, die sich die Lippen nachmalt, gesehen durch das Fenster eines eben gelandeten Fliegers. Oder eine elegant-distinguierte Maria Callas beim Tête-à-Tête mit Winston Churchill auf Onassis' Yacht "Christina". Angeli fotografierte im Sommer in St. Tropez, im Winter in Gstaad, manchmal mit Einverständnis der Stars und oft ohne. Berühmt wurde etwa seine nackte Romy Schneider, die hüllenlos, tief gebräunt und voller Anmut über ihre Yacht turnte.

Als Vorläufer des Paparazzitums macht die Ausstellung den Bildreportagepionier Erich Salomon aus. Der berühmte Gerichts- und Politikfotograf der dreißiger Jahre knipste meist heimlich - die Kamera verborgen unter einem Mantel, einem dicken Verband oder einem präparierten Diplomatenkoffer. Am berühmtesten war seine Aufnahme von 1931, die genau in dem Moment entstand, als ihn der französische Außenminister Aristide Briand - eher amüsiert als empört - hinter einem Vorhang entdeckte.

Insider-Knipser mit VIP-Freunden

Während Salomon das Motiv der Heimlichkeit vorgab, gilt Arthur Fellig als Anreger des branchenüblichen harten Blicks. Der als "Weegee" bekannte Fotograf entwickelte zwischen 1935 und 1945 seinen dokumentarischen Stil und zeigte Menschen in New York, die verstrickt waren in Verbrechen, Unfälle oder sozial prekäre Situationen und dabei oft derangiert bis desolat wirkten.

Damit weist "Weegee" über die Paparazzi der Schau hinaus und in die Gegenwart hinein. Secchiaroli, Galella und Quinn vermittelten bei aller Zudringlichkeit einen durchaus respektvollen Blick. Sie lieferten Ansichten von Stilvorbildern oder Lifestyle-Ikonen, dokumentierten das bewunderte und beneidete Leben der Happy Few. Heute dagegen, da das Paparazzitum eine Kombination aus Großwildjagd und technisch hochgerüsteter Geheimdiensttätigkeit ist und auch Promibilder von Laien inflationär durch die Gazetten und über die Web-Seiten schwappen, zählen neben dem Voyeursblick in die glamourösen Zonen vor allem Entlarvung und möglichst peinliche Entblößung.

Folglich lässt die Schau nur einen aktuellen VIP-Berichterstatter gelten: Jean Pigozzi. Der Sohn des Begründers der französischen Autofirma Simca arbeitet als Risikokapitalinvestor und besitzt nebenbei die größte Privatsammlung afrikanischer Kunst. Dazu fotografiert er - und zwar vor allem die Promi-Welt, in der er selbst verkehrt. Oft streckt er seinen langen Arm aus und knipst sich gleich mit: früher mit Warhol oder Drag Queen Divine, heute neben Pamela Anderson oder Carla Bruni. Alle sind heiter, entspannt, ausgelassen – Freunde unter Freunden halt.

Von den rabiaten Strategien der echten Paparazzi grenzt sich Pigozzi ab: "Peinlich berührende Aufnahmen habe ich auch. Aber ich zeige sie nicht." Klar. Harmlosigkeit ist die Basis seiner Insider-Knipserei. An leidenschaftlichem Einsatz aber steht er nicht hinter den Profis zurück: "Fotografieren werde ich noch, wenn mich schon eine schwedische Krankenschwester im Rollstuhl herumschieben muss."


"Pigozzi und die Paparazzi", bis 16. November, Helmut Newton Stiftung, Berlin



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