Margarete Stokowski

Angeblicher Modernisierer Papst Franziskus Fehlt nur noch der Scheiterhaufen

Er gilt als weltoffener älterer Herr. Tatsächlich vertritt der Papst in Sachen Sexualität und Frauenrechte Positionen, die eine Zumutung sind für alle, die in der Gegenwart leben.
Papst Franziskus

Papst Franziskus

Foto: Max Rossi/ REUTERS

Ich wäre gern nur einmal im Leben so selbstbewusst wie der Papst. Der bekannteste Antifeminist der Welt hat sich wieder zu sexueller Freiheit geäußert, und alle lauschen gebannt. Was mag er uns heute erzählen über die Dinge, von denen er nichts weiß? Homosexualität, Ehebruch und Abtreibung sind diesmal die Themen, zu denen Papst Franziskus seine Eingebungen mit uns teilt. Große Spannung.

Meine Lieblingsthemen beim Papst sind soziale Ungleichheit und Sex. Ich bewundere es, wenn der alte Mann in goldverzierten Palästen unterwegs ist und über die Armut in der Welt plaudert. So inspirierend, wie er, seit Ewigkeiten per Definition Single, um Beziehungs- und Erziehungstipps nicht verlegen ist, oder um ein zackiges Statement zum Thema Abtreibung. Die höchste irdisch erreichbare Mansplainingstufe, Halleluja!

Homosexuelle können keine Familie sein, das hat Papst Franziskus jetzt also gesagt, und nun ja, diese Botschaft wird schon mal nicht das Wunder sein, für das er später seliggesprochen wird.

Sie wird aber vermutlich auch nicht ausreichen, um Franziskus den Ruf eines minderheitenfeindlichen Hardliners zu verleihen, denn bei Päpsten scheint alles als fortschrittlich zu gelten, was ohne die Androhung des Scheiterhaufens auskommt.

"Wer guten Willens ist..."

Es hat auf skurrile Art zu einem offenen, modernen Image beigetragen , als Papst Franziskus vor fünf Jahren auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien eigentlich nur erklärte, dass er Lesben und Schwule nicht eigenhändig auspeitschen möchte. "Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?", sagte Franziskus damals.

Hach, der lockere Oberhirte, dem das Herz überquillt vor Gnade und Demut, so feierte man ihn damals - dabei war das alles weder neu noch nett, denn über Menschen richten kann auch und gerade für einen Papst eben nur Gott. Und die Sache mit dem "guten Willen" ist bis auf Weiteres so zu verstehen, wie im katholischen Katechismus  mit den Leidenschaften umgegangen wird: "Die Leidenschaften sind an sich weder gut noch böse. Sie werden nur in dem Maß sittlich bestimmt, als sie der Vernunft und dem Willen unterstehen." Alter Philosophentrick. Natürlich dürfen anständige Gläubige auch homosexuell sein, aber dann sollen sie halt im Staub kriechen und den Rest ihres Lebens die Hände über der Bettdecke lassen. So viel Gnade ist dann doch nicht. Happy Pride Month 2018!

Ein Schritt vor, zehn zurück

Wobei es Gnade in sexuellen Fragen durchaus gibt: Gnade für Männer (oder notfalls auch Frauen), die fremdgehen. Franziskus lobte Frauen, die warten, bis ihr ehebrechender Partner wieder treu ist: "Das ist Heiligkeit, die aus Liebe alles vergibt." Man weiß nicht, ob ihm klar ist, wie viele Leute er da mit einem Bums heiliggesprochen hat. Wir halten fest, dass selbst Ehebruch - eine Todsünde immerhin - durch den barmherzigen Schwamm der Liebe weggewischt werden kann und am Ende sogar die Partnerin adelt. Aber Gott verhüte, dass dabei jemand schwanger wird, denn da müsste man dann wohl mal nachfragen, was da jetzt noch "Familie" heißen darf.

Abtreibung ist ohnehin schwere Sünde für Katholikinnen, aber zusätzlich hat sich der Papst jetzt dazu geäußert, dass nicht jede Frau es sich zutraut, einen schwerkranken Fötus weiter auszutragen. Die Ärztinnen und Ärzte, zu denen sie dann geht, stehen für den Papst auf einer Stufe mit den Nationalsozialisten, die zwischen 1933 und 45 etwa 200.000 - wohlgemerkt bereits geborene - kranke oder behinderte Menschen ermordeten: "Im vergangenen Jahrhundert war die ganze Welt schockiert davon, was die Nazis getan haben, um die Reinheit der Rasse sicherzustellen. Heute tun wir dasselbe, nur mit weißen Handschuhen." Nachdem Franziskus Priestern schon mal erlaubt hatte, die Sünde der Abtreibungen immerhin zu vergeben, nun also das. Ein Schritt vor, zehn zurück.

So redet einer, der zugleich Chef der Institution ist, die massenhaftes Leid an Kindern und Jugendlichen ermöglicht hat und sich weiterhin mit der vollständigen Aufklärung dieser Fälle schwertut. In Einrichtungen der katholischen Kirche wurden bis heute so viele Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen aufgedeckt, dass man mit ziemlicher Gewissheit vom größten Missbrauchsskandal der vergangenen Jahrzehnte - mindestens - sprechen kann. Jeder andere Vorsitzende wäre schon tausendmal zurückgetreten, nicht so der Papst.

Auswirkungen auf das Leben von Tausenden Menschen

Papst Franziskus hat auch schon mal erklärt, dass es okay ist, Kinder zu schlagen, solange sie dabei ihre Würde behalten , wie auch immer das gehen soll. Trotzdem drücken ihm Leute immer noch ihre Babys in die Arme. Er könnte erklären, dass er sich von lebendigen Katzen ernährt, und Leute würden immer sagen, ach, der schrullige alte Winkewicht. Die Leute schicken ihre Kinder immer noch in katholische Einrichtungen und denken, es wird schon alles gut gehen, hey, Glaube, Liebe, Hoffnung.

Der Papst darf wie jeder andere Mensch glauben, was er will. In Deutschland nehmen sich wenige Leute persönlich zu Herzen, was er sagt - aber definitiv auch die falschen. Es wäre alles halb so wild, wenn irgendwo in der Welt ein alter Mann sitzt, der irrationales Zeug verbreitet und seinen Anhängern erklärt, mit wem sie vögeln dürfen. Das ist Religion.

Grausam ist, wie sich dieser Hokuspokus auf das Leben von Tausenden Menschen auswirken wird. Sei es, wenn sie angefeindet werden, weil sie als Lesben oder Schwule ein Kind großziehen, oder wenn sie versuchen, im einzigen Krankenhaus ihrer Region eine Abtreibung - oder auch nur eine Notfallverhütung - zu bekommen und dieses Krankenhaus dann ausgerechnet ein katholisches ist. Dann gnade ihnen Gott.

Man kann sich schon fragen, wie man das berechtigte Entsetzen über den Fundamentalismus anderer Religionen guten Gewissens aufrechterhalten soll, wenn man dem Papst Frauenfeindlichkeit, Homosexuellenfeindlichkeit und absurde Massenmordvergleiche durchgehen lässt, als wären sie eine zu belächelnde Déformation professionelle und nicht eine völlige Zumutung für alle, die in der Gegenwart leben.