Parallelgesellschaft in Estland "Jeder Russe ist anders"
Wladimir kann einen Dackel nicht von einem Schäferhund unter-scheiden, aber bei Waffen, Uniformen, Fahnen, Orden, Abzeichen und Medaillen, da kennt er sich aus. Er trägt eine Jeansjacke über einem bunten Sporthemd, dazu Hosen aus grober Baumwolle und sieht wie ein Mann aus, der jeden Tag joggt und in einem Sportverein die B-Jugend in Handball trainiert. Er ist erst 53, nur die Glatze lässt ihn älter erscheinen.
1954 in Leningrad geboren, hat er nach der Schule die Marineakademie besucht und ist auf einem Schiff der sowjetischen Handelsflotte zur See gefahren, bis er 1979 bei einem Landgang in Tallinn Paula kennen lernte und blieb. Statt auf einem Frachter das Ruder zu bedienen, überwachte er fortan die Stromproduktion in einem Kraftwerk der estnischen Hauptstadt. 1991, die Sowjetunion war gerade implodiert und Estland unabhängig geworden, machte auch Wladimir sich selbständig, das heißt sein Hobby zum Beruf. Hatte er bis dahin Militaria nur aus Spaß gesammelt, um sie gelegentlich mit Freunden zu tauschen, nun bot er sie in Fachzeitschriften und einschlägigen Magazinen zum Verkauf an.
Denn anders als in Deutschland, Frankreich oder Italien war in Estland die Geschichte noch nicht entsorgt worden. Zum einen gab es kein Gesetz, das die Verbreitung von und den Handel mit NS-Reliquien verbot, zum anderen hatte sich in den fast 50 Jahren sowjetischer Präsenz in Estland viel "Material" angesammelt, das geradezu danach schrie, vermarktet zu werden: vom Stahlhelm bis zur Panzerfaust, von der Leninbüste bis zum Stalin-Wecker. Wladimir lagerte die Waren in einer angemieteten Garage in der Nähe seiner Drei-Zimmer-Wohnung und klapperte Floh- und Trödelmärkte in Estland, Lettland und Litauen ab überall, wo das große Aufräumen begonnen hatte.
Im Laufe der Jahre kam so viel zusammen, dass er 2001 einen richtigen Laden aufmachen konnte, im historischen Zentrum von Tallinn, gegenüber einer bekannten Schokoladenmanufaktur.
Keine Geschichte - aber Geld
Da steht er nun jeden Tag von zehn Uhr morgens bis in den Nachmittag mit seinem Schwiegersohn Alan, 28, mitten in einem gut sortierten Kabinett des Schreckens, das alles enthält, womit Hitler und Stalin die Welt beglücken wollten. Die größten und teuersten Stücke im Angebot sind Maschinengewehre und Pistolen aus reichsdeutscher und sowjetischer Produktion zu Preisen zwischen sechs und 45 Tausend Kronen, das sind 400 bis 3.000 Euro. Die Waffen wurden "deaktiviert", man kann sie nur noch als Requisiten für die Kellerbar benutzen, trotzdem ist die Nachfrage groß. Die Kunden kommen aus aller Welt, am liebsten sind Wladimir die Amerikaner, denn "sie haben keine Geschichte, aber sie haben Geld", und sie sind verrückt nach allem, das im Zweiten Weltkrieg benutzt wurde. Gar nicht willkommen sind alte Stalinisten und junge Nazis. Für "Propaganda", sagt Wladimir, würde er seine Waren nicht hergeben. "Hitler war ein Monster, Stalin war ein Monster, ich hasse beide."
Erstaunlicher noch als das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit ist die Tatsache, dass Wladimir kaum Estnisch spricht, obwohl er seit fast 30 Jahren in Estland lebt. Er hat es nie gelernt, denn: "Ich komme mit Russisch überall gut durch." Seinen russischen Pass hat er auch nach der Ausrufung der estnischen Unabhängigkeit behalten. Eigentlich hat sich sein Leben kaum geändert, nur dass er jetzt mehr arbeitet und besser verdient.
Wladimir gehört zu den Bewohnern Estlands, die Mati Sirkel, der Übersetzer, gerne "unsere Russen" oder auch "Moskaus fünfte Kolonne in Estland" nennt. Allein, dass viele von ihnen nicht Estnisch sprechen, macht sie schon verdächtig. Und keiner weiß, wie viele es sind, amtlich wird ihre Zahl mit rund 300.000 angegeben. Es könnten aber auch mehr sein. "Ich schätze, es sind um die 700.000, etwa 50 Prozent der Bevölkerung", sagt Olga.
Staatliche Prüfung
Die Lehrerin für Deutsch an einer Grundschule in Narva, im äußersten Nordosten Estlands, wurde 1972 in einer Kleinstadt bei Moskau geboren. Also ist sie Russin. Ihr Vater war Lehrer für Sport, die Mutter unterrichtete Mathematik. 1973 zogen sie nach Narva, man könnte auch sagen: Sie wurden versetzt. Vor zwei Jahren legte Olga vor einer staatlichen estnischen Kommission eine Prüfung ab, die jedem "Russen" abverlangt wird, der einen estnischen Pass haben möchte.
"Es war nicht sehr schwer." Olga musste einen Aufsatz schreiben, einen Text lesen und nacherzählen und 20 Fragen zur estnischen Verfassung beantworten. Jetzt ist sie eine Estin. Und eine Russin.
Ihr Mann Andrej, ein in Estland geborener Russe, hat zweimal den Anlauf gemacht, Estnisch zu lernen und beide Male aufgegeben. "Jeder Russe ist anders, Andrej hat kein Talent für Sprachen". Zu Hause wird Russisch gesprochen, die beiden Söhne gehen in einen russischen Kindergarten und eine russische Schule in Narva, sind aber Esten, weil sie nach 1991 geboren wurden. Russische Esten.
Vater Andrej dagegen ist staatenlos, er hat einen so genannten "grauen Pass", mit dem er ins Ausland reisen darf. Zur Zeit arbeitet er als Schweißer für eine estnische Firma in Schweden; alle drei Wochen kommt er für ein langes Wochenende zu seiner Familie.
Dienst nach Vorschrift
Von den rund 80.000 Menschen, die in Narva leben, sind, sagt Olga, "mehr als 90 Prozent Russen". Deswegen wird überall in der Stadt Russisch gesprochen, deswegen ist die erste Fremdsprache, die die Kinder in der Schule lernen Estnisch, je nach Schule zwei bis fünf Stunden pro Woche, und das, sagt Olga, "ist einfach nicht genug".
Man muss eben der Landessprache nicht mächtig sein, um als Russe im estnischen Narva zurecht zu kommen. Viktor, 1975 in der Ukraine geboren, kam 1977 mit seinen russisch-ukrainischen Eltern nach Estland. Er besuchte die russische Schule, studierte Betriebswirtschaft und machte sich noch vor dem Examen selbständig. Heute, mit 32, beschäftigt er in seiner "Reklaam & Disain"-Agentur zwölf Mitarbeiter, die für Kaufhäuser Anzeigen konzipieren, Werbetafeln und Neon-Logos herstellen. Viktor findet es "ganz normal", dass er kaum Estnisch spricht, denn alle, mit denen er zu tun hat, sprechen wie er Russisch. Sein Büro liegt im ersten Stock des mit zwölf Stockwerken höchsten Gebäudes am Petersplatz in Narva, der nach dem Zaren Peter I. benannt wurde. Das Haus ist so hässlich, dass man den Anblick nur erträgt, wenn man sich in seinem Inneren befindet. Von den oberen Stockwerken hat man eine gute Sicht auf die "Brücke der Freundschaft", die das estnische Narva am linken Ufer des gleichna-migen Flusses mit dem russischen Iwangorod auf dem rechten Ufer verbindet. Man braucht einen russischen Pass oder ein Visum, um die Grenze zu passieren, trotzdem geht der kleine Grenzverkehr nur schleppend voran, denn die russischen Beamten machen Dienst nach Vorschrift. Auch sonst dominiert auf beiden Ufern der Narva die postsozialistische Tristesse.
Was für Viktor gut ist, denn der Markt für "Reklaam" und "Disain" ist noch lange nicht gesättigt. Viktor will seine Firma ausbauen und "neue Ideen" realisieren. Dazu gehört ein Haus, das er in Joesu, zwölf Kilometer nördlich von Narva, direkt am Meer bauen möchte. Jede der 18 Wohnungen soll 2.000 Euro pro Quadratmeter kosten, was, sagt Viktor, "viel aber angemessen" ist, denn: "Wir werden nur die besten Materialien verwenden". Auf seinem Schreibtisch liegen Kataloge für Badezimmereinrichtungen von Villeroy & Boch.
Stolz zeigt der junge Bauherr das Modell des Hauses vor. Für eine Wohnung hat er schon einen Käufer gefunden. Es ist Viktor, der Chef von "Reklaam & Disain".